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Sportticker

04. Dezember 2016 | 15:14 Uhr

Hilferuf nach finanzieller Unterstützung : Flüchtlinge: Sportvereine in SH stoßen an ihre Grenzen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Geldmangel erschwert Integration: Der Landesverband Schleswig-Holstein und Clubs appellieren an die Politik.

Kiel/Flensburg/Pinneberg | Der Wille ist ungebrochen. „Wir wollen auch weiterhin Flüchtlinge aufnehmen, wir wollen einen Beitrag zur Integration leisten“, sagt Stefan Rogacki, 1. Vorsitzender des Kieler Traditionsvereins Schwarz-Weiß Elmschenhagen. Aber das ist, bei aller Hilfsbereitschaft, manchmal gar nicht so einfach. Rogacki: „Wenn bei uns 20 Flüchtlinge im B-Jugend-Alter Fußball spielen wollen, ist das toll. Aber dann müssen wir eine neue Mannschaft anmelden, wir brauchen einen Trainer, einen Betreuer, wir müssen Verbandsabgaben zahlen. Das kostet den Verein 1500 Euro pro Jahr, und dann haben die Jungs noch nicht mal einen Spielball.“ Rogacki ist mit seinen Sorgen nicht allein. Zahlreiche Vereine zwischen Flensburg und Pinneberg kämpfen mit ähnlichen Problemen. Der Tenor: Das Bemühen, Asylsuchende zu integrieren, ist unverändert groß – aber einige Sportclubs im nördlichsten Bundesland stoßen an ihre Grenzen.

2015 sind rund 55.000 Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein gekommen. Bis April wird erwartet, dass weniger Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein kommen - wie es danach weitergeht, kann bislang nicht vorhergesagt werden.

Dem TSB Flensburg, einem Großverein mit fast 5000 Mitgliedern, machen akute Platzprobleme zu schaffen. Dass die Fußballabteilung des Clubs durch die Aufnahme von 106 Flüchtlingen auf aktuell mehr als 1000 Aktive angewachsen ist, ist erfreulich – hat das ohnehin zähe Ringen um Trainings- und Spielzeiten aber zusätzlich erschwert. Und der angedachte Bau eines Kunstrasenplatzes ist ohne Fördergelder nicht finanzierbar.

Beim VfL Pinneberg, Schleswig-Holsteins drittgrößtem Verein, haben derweil spartenübergreifend 50 Flüchtlinge eine neue sportliche Heimat gefunden. „Das überfordert uns natürlich nicht“, betont VfL-Geschäftsführer Uwe Hönke. „Aber unser Ansatz ist, die Menschen in bestehende Gruppen und Mannschaften zu integrieren, um reine Flüchtlingsteams zu vermeiden. Das lohnt sich, ist allerdings sehr arbeits- und kostenintensiv.“

Kein Wunder, dass es in allen drei Vereinen vor allem an einem fehlt: Geld. Zumal den Flüchtlingen – nicht nur in Kiel, Flensburg oder Pinneberg –  in der Regel zunächst Beitragsfreiheit gewährt wird. „Wir brauchen eine bessere finanzielle Unterstützung“, fordert Elmschenhagens Clubchef Rogacki. VfL-Pinneberg-Geschäftsführer Hönke erklärt: „Wenn wir unsere gesellschaftliche Aufgabe, Menschen zu integrieren, weiter erfüllen wollen, müssen die Mittel für den Sport deutlich erhöht werden. Ansonsten droht Frustration, und wir könnten viele unserer Helfer und Ehrenamtlichen auf dem Weg verlieren.“

Die Hilfe, die der Landesportverband (LSV) anbieten kann, ist beschränkt. Neben der Übernahme des Versicherungsschutzes hat der LSV im Rahmen seines Programms „Sport für alle – mit Flüchtlingen“ für 2015/2016 100.000 Euro an Fördergeldern zur Verfügung gestellt. Geld, mit dem Aufwandsentschädigungen für Trainer, Sportgeräte oder -bekleidung bezahlt und somit hier und da die größten Nöte gelindert werden. Geld, das aber angesichts von 2600 Vereinen im Land hinten und vorne nicht reicht. „Das Angebot wird sehr stark genutzt. Wir sind mit der Politik im Gespräch, wir brauchen mehr Geld“, stellt Thomas Niggemann unmissverständlich fest. Mit Blick auf zukünftige Budgets äußert sich der für Integration zuständige LSV-Geschäftsführer vorsichtig optimistisch: „Ich habe den Eindruck, dass es in der Politik Verständnis für unsere Situation gibt.“

Auch der Schleswig-Holsteinische Fußballverband (SHFV) versucht, in seinem Zuständigkeitsbereich für Abhilfe zu schaffen. Die Flüchtlingsinitiative „1:0 für ein Willkommen“ ist jüngst bis ins Jahr 2018 ausgeweitet worden, derzeit werden 33 Fußballclubs im Land im Rahmen des Soforthilfeprogramms mit jeweils 500 Euro unterstützt. Zudem glaubt Tim Cassel, Stellvertretender SHFV-Geschäftsführer, „dass das Thema Integration beim DFB und den Landesverbänden künftig noch viel stärker in den Fokus rücken wird“. Um den Vereinen an der Basis nachhaltig zu helfen, sei jedoch die  Bündelung aller Kräfte notwendig, meint Cassel: „Die Hilfsleistungen von Sportverbänden und Kommunen sollten sich ergänzen. Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Und zwar eine, die durch möglichst wenige finanzielle oder bürokratische Barrieren blockiert werden sollte. Zur Einordnung: Beim SHFV wurden allein von Mitte März bis Mitte April  2016 knapp 300 Spielberechtigungen für Flüchtlinge beantragt. Fast 300 neue Fußballer aus Afghanistan, Syrien, Eritrea oder Irak, vom E-Jugendlichen bis zum Altherrenspieler. 300 Menschen, die kicken und sich integrieren wollen – eine stolze Zahl. „Diese Vielfalt ist eine Chance und kann unseren Vereinen sehr gut tun“, glaubt Cassel.

Der LSV befragt noch bis Ende April seine Vereine, wieviele Flüchtlinge sich ihnen bislang angeschlossen haben. Erst dann wird der Verband über verlässliche Daten verfügen. Da aber nicht nur im Fußball, sondern in allen Bereichen „reger Zulauf“ (LSV-Geschäftsführer Niggemann) herrscht, gilt als sicher, dass bereits mehrere tausend Asylsuchende eine neue sportliche Heimat in einem schleswig-holsteinischen Verein gefunden haben. „Wenn wir diese Herausforderung meistern, werden wir langfristig viele Menschen gewinnen“, sagt  Niggemann und fügt hinzu: „Einige dieser Menschen werden sich wiederum ehrenamtlich engagieren und unserer Gesellschaft viel zurückgeben.“


Bildung und Bälle

Ein Kommentar von Matthias Wohlrab

Manchmal passen Worte und Taten nicht so richtig zusammen. Ein Beispiel: Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD) adelte im März 2015 den organisierten Sport als „Integrationsmotor“, er bezeichnete die Vereine als „wichtigen und unverzichtbaren Partner“ bei der Aufnahme von Flüchtlingen. So weit die Worte. Die Taten sehen so aus: Studt und sein für den Sport zuständiges Ministerium bewilligten den Vereinen für 2015 und 2016 insgesamt 50.000 Euro zusätzlich, um den Flüchtlingsansturm zu bewältigen. Weil der Landessportverband die Summe verdoppelte, bleiben statistisch für jeden der 2600 Vereine im Land: 38,46 Euro.

Es bedarf keiner genauen Kenntnisse über die Vergütung von Übungsleitern, die Kosten von Sportgeräten oder die Höhe von Platz- und Hallenmieten, um festzustellen, dass dieser Zuschuss ein Witz ist.

Der Sport, an dieser Stelle hat Studt Recht, ist tatsächlich ein Integrationsmotor. Deshalb verdient jeder einzelne Verein auch deutlich mehr als 38,46 Euro. Und all die Ehrenamtlichen, die sich aufopfern, um hilfsbedürftigen und teils traumatisierten Menschen ein warmes Willkommen zu bereiten, verdienen mehr Wertschätzung.

Die Politik sollte besser nicht mehr darauf setzen, dass Vereine und Ehrenamtliche fehlende finanzielle Mittel klaglos durch Hilfs-, Spenden- und Opferbereitschaft kaschieren. An der Basis brodelt es längst, die Vereine fühlen sich zunehmend im Stich gelassen. Die Politik ist am Zug, eine spürbare Veränderung muss her.

Niemand stellt infrage, dass Flüchtlinge klassische Bildung und Sprachkurse benötigen. Wer Ghettoisierung und soziale Isolation vermeiden will, darf aber gleichzeitig nicht versäumen, den Menschen Bälle zu geben. Denn in Schleswig-Holsteins 2600 Sportvereinen geht es Tag für Tag um viel mehr, als nur um Gesundheit oder körperliche Fitness. Hier wachsen Teamgeist. Hilfsbereitschaft, Verantwortungsgefühl – und Freundschaften. Hier entsteht der Kitt für unsere Gesellschaft. Wer das nicht erkennt und angemessen honoriert, handelt töricht.

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