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Sportticker

09. Dezember 2016 | 03:03 Uhr

Doping : «Drahtseilakt» für IOC um mögliches Olympia-Aus Russlands

vom

Die Sportwelt blickt nach Lausanne. Mit Hochspannung wird die historische Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees zu einem möglichen Ausschluss Russlands von den Rio-Spielen erwartet.

IOC-Präsident Thomas Bach und seine Juristen werden Nachtschichten einlegen müssen, um die rechtliche Grundlage für einen Komplettbann bis Montag zu schaffen. Für den Sportrechtler Rainer Cherkeh wäre der Ausschluss «ein juristischer Drahtseilakt», wie er im dpa-Gespräch sagte. In der Olympischen Charta und dem Welt-Anti-Doping-Code gebe es keine eindeutig anwendbaren Regeln.

Im WADA-Code wird in Regel 11.2 in Verbindung mit 11.3 klar festgehalten: Ein Ausschluss kann erfolgen, wenn innerhalb einer Mannschaft mehrere Dopingfälle während der Dauer einer Wettkampfveranstaltung, also während der Dauer der Olympischen Spiele, festgestellt werden. «Man würde einen Ausschluss der russischen Mannschaft also allein rein vorbeugend vornehmen», argumentierte Cherkeh. «Wenn man den WADA-Code ernst nimmt, hätte die IOC-Exekutive nur die Möglichkeit des Ausschlusses einer Mannschaft bei Fällen, die während der Spiele auftreten.»

Grundlage der Entscheidung wird aber vor allem der WADA-Bericht von Richard McLaren sein, in dem russisches Staatsdoping angeprangert wird. «Wenn sich die Beweislage erhärten sollte, wenn sich alles bewahrheiten würde, wäre eine Olympia-Teilnahme sicher inakzeptabel», sagte Cherkeh. «Ein Ausschluss wäre dennoch ein juristischer Drahtseilakt.» Denn der McLaren-Report liege erst seit Montag vor. «Auf dieser Grundlage wenige Tage später eine derartige Ultima-Ratio-Entscheidung treffen zu müssen, ist kritisch. Auch unter dem Prinzip des rechtlichen Gehörs», meinte der Jurist aus Hannover.

Um bei Verdacht jemanden aus dem Verkehr zu ziehen, brauche man eine Ermächtigungsgrundlage im Regelwerk. «Da wird man das Regelwerk vom Wortlaut und Sinn und Zweck arg strapazieren müssen, um das, was in der Sache gegebenenfalls richtig sein mag, justiziabel hinzubekommen», so Cherkeh.

Nachdem bei Nachtests laut IOC-Mitteilung weitere 45 Teilnehmer der Spiele von Peking 2008 sowie London 2012 positiv auf Doping getestet wurden und sich die Gesamtzahl positiv getesteter Athleten aus den bisherigen Nachtests auf 98 erhöhte, stellt sich die Frage: Steht das IOC nur vor einem Rechtsproblem?

Nicht nur DOSB-Präsident Alfons Hörmann sieht das IOC in einer schwierigen Rechtslage. Wenn man sich mit den juristischen Hintergründen beschäftige, sei «vieles nicht so einfach, wie es nach außen scheint», sagte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes im Bayerischen Rundfunk. Das IOC werde intensiv über diese Wechselwirkungen diskutieren, «weil ganz am Ende auch die russischen Athleten und Verbände, die davon betroffen sind, nochmals vor Gericht ziehen werden».

Allerdings hatte der Internationale Sportgerichtshof CAS die Sperre der russischen Leichtathleten für die Rio-Spiele wegen umfassenden Dopings bestätigt. Das CAS-Urteil sei ein «sehr Leichtathletik spezifisches gewesen», sagte Hörmann. «Insofern ist für das IOC nicht so ganz einfach und trivial zu entscheiden, was jetzt mit den anderen (der russischen Olympiamannschaft) passiert.»

Nach dem CAS-Spruch ist für den deutschen Leichtathletik-Präsidenten die Position von Bach, wonach es eine Abwägung zwischen Kollektivstrafe und individuellem Recht geben müsse, nicht mehr relevant. «Die wirkliche rechtliche Bedeutung des CAS-Urteils liegt darin, dass Verbände, die Sportler entsenden, aber wegen eines Systemfehlers nicht zugelassen werden, automatisch ausgeschlossen werden können - ohne Rücksicht auf die individuellen Rechte», sagte Clemens Prokop.

Auch Hörmanns Vorschlag, nur jene 20 russischen Sommersportverbände auszuschließen, bei denen McLaren Dopingvergehen festgestellt hat, hält Prokop für fragwürdig. «Das IOC kann nur ein Nationales Olympisches Komitee suspendieren», stellte er fest. «Die Delegation der Verantwortung auf die Verbände halte ich unter dem Aspekt der Zeit und der Glaubwürdigkeit nicht für sinnvoll.»

Auch die Deutschen sind uneins, ob die gesamte russische Olympia-Mannschaft ein Startverbot für die Rio-Spiele erhalten soll. 47 Prozent befürworteten in einer am Freitag veröffentlichten Umfrage des ZDF-Politbarometers einen Ausschluss, 47 Prozent sind dagegen. 87 Prozent der Befragten sind generell der Auffassung, dass Doping im internationalen Spitzensport sehr weit oder weit verbreitet ist.

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erstellt am 22.Jul.2016 | 14:31 Uhr

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