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Lokalsport

09. Dezember 2016 | 14:34 Uhr

Schwimmen : Jacob Heidtmann im Interview

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Elmshorn | Ein Auto hat Jacob Heidtmann nicht, und er braucht es in Hamburg auch nicht. Der amtierende Deutsche Meister über 400 Meter Lagen benötigt mit dem Fahrrad fünf Minuten von seiner Wohnung zum Olympiastützpunkt in Dulsberg. Zur Universität, wo der 21-Jährige derzeit wegen der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sein Studium der Politikwissenschaften ruhen lässt, dauert es eine Viertelstunde. Für alles weitere gibt es öffentliche Verkehrsmittel.

Zum Treffpunkt im Cafe May, verwinkelt eingerichtet im einst als Wohnung genutzten Erdgeschoss eines Altbaus an der Stormarner Straße, kommt der 1,94-Meter-Schlaks vom Swim-Team Stadtwerke Elmshorn zu Fuß, auf dem Kopf trägt er wie üblich ein Baseballcap im Braun des FC St. Pauli. Bei der Wahl des Getränks liebt er es einfach und bestellt einen Filterkaffee zum Gespräch über den Wechsel von der Nacht- zur Frühschicht beim Training sowie Fußball auf dem Kiez wenige Tage vor Beginn der nationalen Titelkämpfe in Berlin (5. bis 8. Mai), wo die erste von zwei Normzeiten für das Ticket nach Rio geschafft werden muss. Während eines Trainingslagers in der Türkei und auch für einige Wochen in Hamburg inklusive eines Wettkampfs in Eindhoven hat Heidtmann schon mal den olympischen Rhythmus mit den Finals in den späten Abendstunden gelebt.

Wie war Olympia auf Probe?

Jacob Heidtmann: Die ersten Tage waren angenehm morgens, aber das Abendtraining war halt schwer. So um 10 Uhr reinzuspringen und um 23 Uhr abends noch einmal Höchstleistungen abzuliefern ist schwer, wenn der Biorhythmus noch nicht daran gewöhnt ist. Das ist wie ein Jetlag. Nach drei Tagen hat man’s. Die Rückanpassung hat vielleicht zwei Tage gedauert. Ich bin jetzt wieder im normalen Rhythmus und heute Morgen um 6 Uhr aufgestanden.

Und, war’s schwer?
Früh aufzustehen ist nicht meins. Ich habe viel von anderen Schwimmern gehört, dass sie sich freuen, dann zum Training zu gehen. Von meinem Standpunkt aus kann ich das nicht nachvollziehen. Ich mach’s gerne, ich freue mich trotzdem nicht um 6 Uhr früh aufzustehen.

Wie ist es zu verstehen, wenn Sie sagen: Ich freue mich nicht, aber ich mache es gerne?
Ich werde ja nicht gezwungen. Ich mache alles freiwillig und finanzielle Anreize gibt es auch eher wenig. Es macht mir Spaß – wobei ich sagen muss: Training macht halt begrenzt Spaß. Es ist hart und man muss sich quälen; das ist aber auch der Sinn der Sache. Wenn ich drin bin, gebe ich 100 Prozent, aber ich muss mich schon überwinden, morgens um 6 Uhr aus dem Haus zu gehen, wenn es draußen kalt ist, aber ich weiß, wofür ich’s mache – und das reicht.

Nun steht die erste offizielle Hürde in Richtung Olympia mit den Deutschen Meisterschaften an. Vor zwei Jahren sind sie trotz nicht geschaffter Normzeit von Bundestrainer Henning Lambertz zur EM mitgenommen worden, weil Sie seinen Weg im Perspektivteam mitgegangen sind. Wie ist es heute?
Ich bin ein Jahr nach der EM bewusst wegen des Studiums aus dem Perspektivteam ausgeschieden, weil ich meinen eigenen Weg gehen wollte. Es wird mir nicht großartig vorgegeben und ich kann mir viel selbst aussuchen. Meine Trainerin weiß ziemlich gut, was ich kann und was mir hilft. Mein Weg ist also heute ein anderer als im Perspektivteam, aber ich bin froh diese Erfahrungen mitgenommen zu haben. Sie haben mir in jedem Fall geholfen. Ich habe mir letztes Jahr sozusagen die Rosinen da herausgepickt.

Für dieses Jahr hieß das?
Wir waren diese Saison zweimal in der Türkei, dazwischen – Anfang Januar – drei Wochen Thailand. Es waren viele Trainingslager diese Saison.

Wie schalten Sie ab? Das Café hier ist ja sehr gemütlich. Sind das Orte, wo man mal nicht ans Wasser denkt?
Das in jedem Fall. Ich habe dieses Semester mit dem Studium ausgesetzt. Dadurch fällt diese Ablenkung weg. Dafür lese ich in der Freizeit ziemlich viel, treffe mich mit Freunden und Ruhe mich mehr aus. So häufig wie ich kann, gehe ich zum Fußball: Am liebsten ins Stadion zum FC Sankt Pauli, aber auch vorm Fernseher.

Eine Dauerkarte fürs Millerntor haben Sie aber nicht?
Ich habe mich die letzten zwei Jahre beworben, habe aber keine bekommen. Meine Brüder haben Dauerkarten, und wenn die mal krank sind, kann ich hingehen – oder wenn ich im Vorverkauf mal eine Karte ergattert habe.

Was ja nicht so ganz einfach ist...
Ja, leider. Aber da ich noch nie eine Dauerkarte hatte, habe ich kein Vorkaufsrecht.

Was Sie aber in Ihrer Begeisterung für den FC St. Pauli nicht einschränkt?
Nein, gar nicht. Häufig könnte ich auch gar nicht hingehen, weil ich auf Wettkämpfen und auf Reisen bin.

Schafft Pauli das noch mit dem Aufstieg?
Diese Saison nicht. Sie haben eine ganz gute Mannschaft. Die hat sich gefunden. Mal gucken, wie viele wegbrechen. Vielleicht kann das in den nächsten Jahren mal klappen. Mal so ein Ausflug nach oben und mal ein Derby gewinnen, ist ja ganz lustig, aber das muss man realistisch sehen. Es ist eben auch beim Fußball so, dass Geld gewinnt. Wenn man guckt: Bremen ist unten drin. Frankfurt, das ist mein zweiter Verein, ist unten drin. Dafür steigt Leipzig auf. Auf lange Sicht etabliert sich, wer Geld hat.

Stichwort Geld: Wie wichtig ist es, dass man dort seine finanzielle Unabhängigkeit hat, denn davon leben können ja nur die wenigsten Schwimmer?
Reich werde ich 100-prozentig davon nicht. Ich bekomme schon ganz gutes Geld, aber das ist auch nötig, denn ich könnte nicht jeden Tag zweimal kochen. Wenn ich zu kaputt bin, dann bestell ich was oder gehe Essen. Dafür braucht man eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Ich komme im Vergleich zu anderen Schwimmern auch mit wenig Geld aus. Ich mach’s, weil es meine Leidenschaft ist, weil es mir Spaß macht. Warum sollte ich mir da Gedanken machen, wie viel oder wie wenig wir verdienen und welchen Aufwand wir dafür machen? Das wär’ letztlich nur demotivierend.

Kommen wir zu den motivierenden Dingen: Rio de Janeiro soll eine schöne Stadt sein. Vorher ist Berlin ne tolle Stadt…
Das ist das Ziel: Olympia. Das hat mich die letzten vier Jahre beschäftigt – bewusst, davor unbewusst. Ich habe diese Tage vom DOSB einen Turnbeutel bekommen, wo draufsteht „Rio im Kopf, Deutschland im Rücken“. Über solche Kleinigkeiten freut man sich so doll, weil sie visualisieren, wo es hingeht. Das ist das größte Ereignis, was ein Sportler erleben kann. Aber erst kommt die Quali – und richtig: Der erste Schritt ist Berlin.

Der letzte Test war in Eindhoven und liegt schon ein wenig zurück. Wie war er?
Es lief wieder besser als erwartet. Ich bin aus dem Training geschwommen, habe mich also nicht extra vorbereitet. 400 Meter Kraul war ich beispielsweise nur eine halbe Sekunde über der Bestzeit, die ich letztes Jahr bei den Deutschen aufgestellt habe. 400 Lagen bin ich 4:16,39 Minuten geschwommen. Die Norm ist 4:16,37. Von daher muss ich auf Holz klopfen dafür, dass es so gut läuft. So schnell war ich im Vorfeld einer Deutschen Meisterschaft noch nie. Ich habe ganz gutes Selbstbewusstsein getankt. Was meine Form angeht, brauche ich mir keinen großen Kopf zu machen. Ich bin fit.

Die Zahl der Wettkämpfe ist ja überschaubar. Würden Sie gerne mehr bestreiten?
Das passt einfach nicht rein. Ich war Anfang des Jahres drei Wochen weg, jetzt zwei Wochen in der Türkei. Das sind allein schon fünf Wochen. Dann hatten wir die Umstellung mit den Trainingszeiten, wo man keinen Wettkampf bestreiten kann. Um mir Selbstvertrauen zu geben, reicht es mir aus.

Wie weit haben Sie den Wettkampf in Ihrer Hamburger Trainingsgruppe?
Ich trainiere zusammen mit Ramon Klenz, einem dreieinhalb Jahre jüngeren Nachwuchsschwimmer mit der gleichen Zielstrecke. Der pikst immer ganz schön rein und treibt mich fast immer zu Hochleistungen im Training. Jedes Training ist quasi ein Wettkampf, weil keiner hinten sein will – und das ist auch gut so.

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erstellt am 30.Apr.2016 | 16:01 Uhr

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