zur Navigation springen

Lokalsport

04. Dezember 2016 | 09:17 Uhr

Leichtathletik : Rhea Richters Blick auf Kenia

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die in Itzehoe geborene ehemalige Spitzenathletin legt in Göttingen ihre Dissertation im Fach Ethnologie vor.

Was macht eigentlich Rhea Richter? Das wird sich gewiss manch einer fragen, der die Läuferszene im Kreis Steinburg schon über einen längeren Zeitraum verfolgt. Seit einigen Monaten kann man es nachlesen: in der Dissertation der gebürtigen Itzehoerin – eingereicht an der Universität Göttingen.

Die 1986 geborene Langläuferin mit dem Startrecht für die LG Itzehoe hatte es in jungen Jahren mit Topzeiten bis in die nationale Spitze geschafft, sich aber auch für internationale Aufgaben, zum Beispiel im Crosslauf, qualifiziert. „Gemessen an den Strukturen, die es damals gab, bin ich total stolz auf das, was ich geschafft habe“, sagt Rhea Richter. „Ich hatte mit Jürgen Grey einen Supertrainer, aber wir waren natürlich ziemlich auf uns allein gestellt. Heute gibt es beim SCI ja eine komplette Trainingsgruppe, in der sich alle gegenseitig pushen können.“

Dann aber verschwand sie – wie so viele andere auch – wegen der Ausbildung aus dem Fokus der hiesigen Sportlerszene. Immerhin gab es einige sportliche Stippvisiten in der alten Heimat. So ist es erst knapp zweieinhalb Jahre her, dass Rhea Richter in ihrer Geburtsstadt beim Itzehoer Störlauf den Halbmarathon der Frauen gewann. Zuvor war sie aber auch schon mit Erfolg beim SCI-Triathlon in Hohenlockstedt gestartet. Die Leidenschaft für das Laufen, später auch für Triathlon hat sie sich stets bewahrt.

Wichtig wurde aber natürlich auch die Ausbildung, in ihrem Fall die akademische: Nach einem halbjährigen Stipendium an der University of Idaho in Moscow (USA) nahm sie 2007 an der Georg-August-Universität in Göttingen ihr Studium auf, machte dort 2010 den Master in Musikwissenschaft und Ethnologie und legte neben dem beruflichen Engagement noch die Promotion im Fach Ethnologie nach, die sie zum Ende des vergangenen Jahres abschloss.

Hier schließt sich der Kreis, wenn Fachwissenschaft auf Laufbegeisterung trifft. „Ich wollte ein Buch zu einem Thema schreiben, für das ich brenne und mit dem ich mich identifizieren kann“, sagt die 29-Jährige. So lautet der Titel ihrer Dissertation: „Frauensport in Kenia – Eine Analyse der kenianischen Laufsportkultur zwischen Kenia und den USA“.

Der erste Kontakt zur Laufszene des ostafrikanischen Landes entstand schon 2007 durch einen kenianischen Trainingspartner in Göttingen. „Der ist genau so laufverrückt wie ich“, sagt Rhea Richter. Morgens absolvierte man erstmal zehn Tempoläufe über jeweils 1000 Meter in 3:30 Minuten mit einer Minute Trabpause dazwischen – und das Ganze vor dem Frühstück. „Damals konnte und wollte ich das noch.“

Im Jahre 2009 erfolgte dann der erste Besuch in Kenia selbst. Zunächst hielt sich Richter in einem Ort in der Nähe Nairobis auf, in der es unüblich war zu laufen. In Kenia ereignet sich der Laufsport eher in einigen speziellen Orten wie Iten oder Kaptagat, die in den Höhenregionen liegen. Hier forschte sie in den folgenden Jahren und lernte, dass sie ihr eigenes Laufverständnis nicht bedingungslos auf Kenia anwenden konnte. Laufen in Kenia zu verstehen heißt, in die Kultur einzutauchen. „So steht in Kenia das Laufen viel mehr mit der Entwicklung möglicher Lebensperspektiven in Verbindung als in Deutschland und gewinnt somit existenzielle Bedeutung.“

Von der Laufsport-Kultur im Allgemeinen kam sie im Rahmen der Forschung auf die Rolle der Frauen innerhalb dieses Systems. Wie werden Läuferinnen in dieser Sportkultur wahrgenommen? Welche Perspektiven haben sie und wie hat sich das Selbstverständnis der Läuferinnen über die letzten 30 Jahre verändert?

Viele der heutigen Läuferinnen migrieren in die USA. Denn dort ist es möglich, mit guten sportlichen Leistungen ein Stipendium zu gewinnen, mit dem sich die Kosten für ein vierjähriges Bachelor-Studium bestreiten lassen. „Faszinierend für mich war zu sehen, wie das den Frauen nicht nur eine berufliche Perspektive, sondern auch den Zugang zu Bildung ermöglichte“, sagt Rhea Richter. „Viele von denen, über die ich geschrieben habe, waren bis dahin nicht mal gelaufen. Sie haben sich an eine bestimmte Laufzeit herantrainiert, mit der sie sich dann an einer US-Hochschule bewerben konnten.“

Dabei haben die Läuferinnen durch den Sport die Chance, ihr Leben selbstbestimmter zu gestalten, was sich zum Beispiel auch in der Etablierung eines neuen Schönheitsideals manifestiert. Sie sind stolz athletisch zu sein, was der vorbestimmten Geschlechterrolle in anderen Gegenden Kenias komplett widerspricht. „Laufen ermöglicht hier also emanzipierte Selbst- und Fremdwahrnehmung“, fasst Richter zusammen.

Mit der Resonanz auf ihre Forschung ist sie ganz zufrieden, denn ihre drei Korrektoren bescheinigten ihr im Gutachten sowie in der Disputation – quasi ein Streitgespräch, in dem die eigene Arbeit verteidigt wird – einen guten Erfolg. „Das war alles eine großartige Erfahrung für mich. Aber es ist natürlich auch eine Menge Arbeit, ehe das Buch druckfertig vor einem liegt.“ Angenehmer Nebeneffekt: Durch diese Arbeit kam sie in Kontakt mit dem ehemaligen Spitzenläufer Jan Fitschen (Leichtathlet des Jahres 2006 in Deutschland), der ebenfalls über das „Wunderläuferland“ Kenia geschrieben hat.

Mittlerweile betreibt Rhea Richter ihren Sport nur noch zum Spaß. Es habe sehr lange gedauert, sich vom Leistungssport zu verabschieden, sagt sie. Man habe sich ja schließlich darüber definiert und steckte auch gedanklich noch lange in diesen Strukturen. „Jetzt kann ich wirklich zur Entspannung laufen.“

Schon lange spielt der Beruf für sie die „erste Geige“. Nachdem sie für das Deutsche Theater in Göttingen tätig war, arbeitet Rhea Richter seit zwei Jahren als Bildungsreferentin beim Landesverband niedersächsischer Musikschulen. Auch hier wird sich bald ein Kreis schließen: Zum Jahresende kündigt sich ein Wechsel zum schleswig-holsteinischen Landesverband der Musikschulen in Rendsburg an – es geht also zurück in die Heimat.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 01.Sep.2016 | 05:11 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen