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Lokalsport

11. Dezember 2016 | 07:14 Uhr

Traditionsclub in Aufruhr : Tränen und Tiraden bei Olympia

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Emotionale Mitgliederversammlung am Forstweg: Verkauf der Anlage ist vom Tisch, nun sollen Kooperationen her.

„Unser Verein ist überaltert, aber er lebt.“ Treffender als Volker Gerecke hätte man die Eindrücke bei der 139-minütigen Mitgliederversammlung des MTSV Olympia am vergangenen Mittwochabend nicht in einem Satz zusammenfassen können. Der 2. Vorsitzende hatte zuvor die undankbare Aufgabe, den 76 stimmberechtigten Mitgliedern einen Verkauf der Traditionsanlage an die Stadt schmackhaft zu machen. Doch der „Laden“ am Forstweg zog nicht mit, eine Veräußerung des Geländes ist vorerst wieder vom Tisch. Und auch Fusionsgespräche mit Nachbarvereinen (Polizei-SV Union, FTN) soll es nicht geben. Stattdessen folgten die Vereinsangehörigen in der Mehrzahl dem Vorschlag des Mitgliedes Götz Schwenteck. Olympia wird nun mit benachbarten Clubs gemeinsame Perspektiven erörtern. Zu den bereits genannten Vereinen gesellen sich als mögliche Kooperationspartner noch der THC und der VfR, der dem MTSV bereits im Vorwege deutlich die Hand gereicht hatte und im Übrigen auch durch seinen Vorsitzenden Gerd Grümmer (selbst Olympia-Mitglied seit 1973) bei der Versammlung vertreten war.

Dass am Mittwochabend Olympias Vorstand komplettiert wurde, nachdem am 30. Juni bei einer ähnlich hitzigen Versammlung sowohl der 1. als auch der 3. Vorsitzende zurückgetreten waren (Horst Pohl und Heiko Kittelmann), geriet auf der fast durchweg im Gürtellinienbereich geführten Tagung fast zur Randnotiz. Die Überraschung dabei: Heiko Kittelmann, zuletzt nur Festwart am Forstweg, kehrte zurück, fungiert nun zunächst einmal bis zur Jahreshauptversammlung im März 2017 als 1. Vorsitzender. Seine Lebensgefährtin Anja Andresen wurde zur 3. Vorsitzenden gewählt. Während sie bei sechs Enthaltungen problemlos durchgewunken wurde, sah das bei Heiko Kittelmann anders aus. Er musste sich 17 Gegenstimmen und sieben Enthaltungen gefallen lassen – bei 44 Ja-Stimmen (acht Stimmberechtigte hatten in einer viertelstündigen Pause zuvor den Saal verlassen). „Ich kann doch keinen wählen, der das Vereinsgelände verkaufen will“, sprach Mitglied Karl-Heinz Rodewald das aus, was viele dachten. Zu seinen Beweggründen, den Verein zu übernehmen, sagte der neue Clubboss: „Ende Juni sind wir mit unserem Antrag, Fusionsgespräche führen zu dürfen, gescheitert. Nun aber ist die Perspektive eine ganz andere. Denn ich darf mich mit anderen Vereinen an einen Tisch setzen und zumindest Kooperationen ausloten.“ Heiko Kittelmann wollte aber keine komplette 180-Grad-Drehung machen, „denn meine Meinung ist, dass ein Verkauf der Anlage das Beste für Olympia wäre. Und wer mit meiner persönlichen Meinung nicht einverstanden ist, der muss mich nicht wählen.“

Den schwersten Stand hatte am Mittwochabend der durch die Versammlung führende Gerecke. „Macht euren Scheiß doch selber“, stammelte er bereits nach sechs Minuten, als nach einem Einwand von Wolfgang Reiss plötzlich das große Schulterzucken einsetzte. Man hätte den Beschluss der Mitgliederversammlung vom 30. Juni aufheben müssen, um nun nochmals die Themen „Verkauf“ und „Fusionsgespräche“ anpacken zu können. Dies sei aber nicht geschehen, merkte Reiss an. Gerecke versicherte, Olympia habe sich in diesem Punkt rechtlich beraten lassen, das aber sorgte nicht wirklich für Beruhigung.

Immer wieder wurden Gerecke und seine Mitstreiter verbal attackiert, immer wieder forderten Mitglieder den Vorstand auf, doch endlich Zahlen auf den Tisch zu packen. Der 2. Vorsitzende und seine Crew verwiesen stets auf die Möglichkeit, die Geschäftsstelle aufzusuchen und dort Einsicht zu nehmen. Rund 65 000 Euro Verbindlichkeiten „zuzüglich der Mitgliederdarlehen, die wir noch haben“ (O-Ton Gerecke), drücken den MTSV. Hinzu kommt ein Sanierungsstau von 200 000 Euro. „Unsere Anlage ist einfach zu groß. Wir müssen sie verkaufen“, betonte Gerecke, der es stark anzweifelte, dass sein Verein noch 537 Mitglieder habe, so wie es die Papierform zuletzt auswies. Zum Vergleich: Im Jahr 1984 zählte Olympia noch 3000 (!) Vereinsangehörige.


Egon Sievers erhebt schweren Vorwurf gegen Volker Gerecke


Es folgten heftige Diskussionen. Egon Sievers warf Gerecke gar an den Kopf, befangen zu sein, da der 2. Vorsitzende auch ein Vorstandsamt beim Kreissportverband (KSV) bekleidet (Schatzmeister). Bekanntlich macht sich der KSV im Sportentwicklungsplan für eine Veräußerung der Anlage am Forstweg stark. Mit den erzielten Erlösen soll der Neubau eines Kunstrasenplatzes im Städtischen Stadion in Angriff genommen werden. „Wir brauchen diesen Platz – und zwar jetzt und unabhängig davon, was bei und mit Olympia passiert“, sprach SPD-Politiker und Vereinsmitglied Karsten Schröder Klartext. Gerecke indes rief Sievers zwei Mal zur Ordnung, der Geschäftsmann stand vor dem Rauswurf. „Ich bin doch hier nicht in der Schule“, weigerte sich Sievers, einer Aufforderung Gereckes nachzukommen, sich hinzusetzen. Erst auf Intervention des Ältestenratsvorsitzenden Horst Timm kehrte vorübergehend wieder Ruhe ein.

Es war eine von mehreren Verbal-Eskalationen am Forstweg, wo nicht nur über in der Historie existente schwarze Kassen gemunkelt wurde, sondern wo es auch einen ganz besonders rührenden Moment gab. „Ich bin die Jugendwartin, ungefähr seit zwei Jahren hier tätig. Olympia ist ein toller Verein, und ich möchte so gerne noch zehn, 20 Jahre hier Jugendwartin sein“, erklärte Jenny Kittelmann, ehe dicke Tränen ihre Wangen herunterkullerten und ihre Stimme erstickte. Hemmungslos weinte die junge Funktionärin ob der fehlende Perspektive in dem total überalterten Traditionsclub, dessen Zukunft weiterhin völlig offen bleibt.

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erstellt am 18.Okt.2016 | 18:15 Uhr

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