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Fussball

10. Dezember 2016 | 19:41 Uhr

Ex-St. Pauli-Spieler : Vor Prozessbeginn: Wie Deniz Naki zum Feind vieler Türken wurde

vom

Dem früheren Junioren-Nationalspieler wird Terror-Propaganda vorgeworfen. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Diyarbakir | Nach seinem entscheidenden Tor reckte Deniz Naki enthusiastisch die Fäuste in die Höhe. Damals im Januar erzielte der einstige Bundesligaprofi den Siegtreffer für seinen Verein Amed SK im Duell mit dem Erstligisten Bursaspor im Pokal-Achtelfinale. Eine kleine Sensation für den türkischen Drittligisten aus dem südosttürkischen Diyarbakir, den alle nur Amedspor nennen.

Doch auf den Jubel folgte schnell Ernüchterung. Unter anderem wegen Nakis Reaktion auf den Sieg und der Kritik an der Kurdenpolitik der Regierung drohen dem 27-Jährigen nun bis zu fünf Jahre Haft. Der Prozess wegen Unterstützung der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK beginnt am Dienstag in der Kurdenmetropole Diyarbakir im Südosten der Türkei. Naki erhält durch den Prozess viel internationale Aufmerksamkeit und Solidaritätsbekundungen, unter anderem von seinem ehemaligen Club FC St. Pauli.

Seit dem Scheitern des Friedensprozesses zwischen PKK und türkischer Regierung setzt Staatspräsident Erdogan auf Härte. Kurdische Sender wurden unter dem Ausnahmezustand wieder geschlossen. Die Chefs der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP, Selahattin Demirtas und Figen Yüksekdag, sitzen seit Freitag vergangener Woche in Untersuchungshaft. Die Bürgermeister von Diyarbakir wurden abgesetzt und die Stadt unter Zwangsverwaltung gestellt.

Zum Verhängnis wurde Naki unter anderem ein Facebook-Eintrag nach dem Sieg im Januar. Den widmete er den Opfern des Kurdenkonflikts, der seit vergangenem Sommer in der Südosttürkei wieder voll entbrannt ist. Den Vorwurf der PKK-Unterstützung weist Naki zurück. Er setze sich für den Frieden ein, sagte er laut türkischen Medien.

Der deutsch-türkische Fußballer spielte als Jugendlicher für Bayer Leverkusen, später für St. Pauli und den SC Paderborn. Vor drei Jahren wechselte er in die Türkei, 2015 dann nach Diyarbakir. Nakis Club ist nach dem kurdischen Namen der Stadt - „Amed“ - benannt. Die Familie des Fußballers stammt aus Tunceli (kurdisch: Dersim). Den Namen der Stadt hat Naki auf Kurdisch auf den rechten Unterarm tätowieren lassen.

Nakis Einsatz für die Minderheit der Kurden ist unübersehbar und hatte ihm schon in der Vergangenheit Ärger eingebracht. Wegen angeblicher Propaganda war Naki vom türkischen Fußballverband für zwölf Spiele gesperrt worden. Der Verband warf ihm „ideologische Propaganda“ und „unsportliche Äußerungen“ vor.

In dem Facebook-Eintrag, der nun für neuen Ärger sorgt, schreibt Naki auf Türkisch: „Wir schulden all jenen Dank, die uns nicht alleine gelassen haben - den Politikern, Künstlern, Intellektuellen und unserem Volk - und wir widmen und schenken diesen Sieg jenen, die bei den seit mehr als 50 Jahren auf unserem Boden andauernden Grausamkeiten ihr Leben verloren haben und verletzt worden sind.“ Auf Kurdisch fügte er hinzu: „Es lebe die Freiheit.“ Das Wort „Azadi“, kurdisch für „Freiheit“, trägt Naki auch als Tätowierung auf dem linken Unterarm.

Im Oktober hatte der FC St. Pauli mit beeindruckenden Aktionen seinen ehemaligen Spieler unterstützt. Beim Testspiel gegen Werder Bremen rief der Stadionsprecher in der 38. Minute Naki als Torschützen zum 1:0 aus. Auch einige Fans riefen daraufhin den Namen des 27-Jährigen, der von 2009 bis 2012 für den Club gespielt hatte. Der eigentliche Torschütze war Maurice Litka. Bei der Verkündung der Aufstellung hatte der Zweitligist vor dem Spiel via Twitter bereits jedem Spieler den Nachnamen Naki gegeben. Zudem hatten die Profis T-Shirts mit der Aufschrift „Für Deniz“ getragen.

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erstellt am 08.Nov.2016 | 06:55 Uhr

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