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Fussball

09. Dezember 2016 | 12:48 Uhr

HSV gegen SV Werder Bremen : Papierkugel und Kung-Fu-Wiese: Das müssen Sie vor dem Nordderby wissen

vom

104 Spiele haben der HSV und Bremen in der Bundesliga gegeneinander absolviert. Ihre Geschichte steckt voller Aufreger.

Hamburg | Der Hamburger SV und Werder Bremen treffen sich am Samstag zum 105. Bundesliga-Nordderby. Für beide Clubs ist das Ergebnis immens wichtig. Bremen steht auf dem Relegationsrang, der HSV ist Letzter. In der langen Historie der Derbys blieben einige im Gedächtnis haften.

Drei auf einen Streich
Halbfinale im DFB-Pokal 2009: Die Bremer besiegten in Hamburg den HSV im Elfmeterschießen mit 3:1.
Halbfinale im DFB-Pokal 2009: Die Bremer besiegten in Hamburg den HSV im Elfmeterschießen mit 3:1. Foto:Marcus Brandt

 

2009 war Werder ein einziger Alptraum für den HSV. Binnen 19 Tagen kassierten die Hamburger in vier Spielen gegen Bremen Niederlagen in drei Wettbewerben. Werder verbaute den ungeliebten Hamburgern im Halbfinale des UEFA-Cups den Finaleinzug. Werder warf den HSV aus dem DFB-Pokal. Und Werder verhinderte, dass die Hamburger sich in der Meisterschaft einen Champions-League-Startplatz sichern konnten.„Dieses Trauma wird aus der Geschichte des HSV nicht mehr zu tilgen sein“, jammerte damals Club-Chef Bernd Hoffmann. „Wir haben den Hamburgern alles versaut, was man ihnen versauen kann“, frohlockte der damalige Werder-Kapitän Torsten Frings.

Papierkugel
 Die Kombo zeigt die Spielszene im UEFA-Cup-Halbfinale zwischen dem HSV und Werder Bremen, in der der von dem Hamburger Spieler Michael Gravgaard gespielte Ball durch eine auf dem Spielfeld kurz vor der Grundlinie liegenden Papierkugel verspringt und ins Toraus fliegt.

Die Kombo zeigt die Spielszene im UEFA-Cup-Halbfinale zwischen dem HSV und Werder Bremen, in der der von dem Hamburger Spieler Michael Gravgaard gespielte Ball durch eine auf dem Spielfeld kurz vor der Grundlinie liegenden Papierkugel verspringt und ins Toraus fliegt.

Foto:Sat1

 

Im UEFA-Cup-Halbfinale 2009 sorgte eine Papierkugel für die Entscheidung. Eine von einem Hamburger Fan geworfene Pappkugel lenkte an der Außenlinie den Ball zur Ecke ab. Prompt folgte das dritte Bremer Tor (Endstand 2:3). Noch heute schwören die HSV-Fans: „Die Kugel war abseits.“ Der HSV verpasste den Einzug ins UEFA-Cup-Finale. Dort verlor Werder gegen Schachtor Donezk.

Kung Fu-Wiese
Mai 2008: Bremens Torwart Tim Wiese streckt HSV-Spieler Ivica Olic im Sprung mit seinem gestreckten Bein nieder.
Mai 2008: Bremens Torwart Tim Wiese streckt HSV-Spieler Ivica Olic im Sprung mit seinem gestreckten Bein nieder. Foto:Marcus Brandt

 

Werder-Torhüter Tim Wiese wurde 2008 durch einen brutalen Kung-Fu-Tritt gegen HSV-Angreifer Ivica Olic zur Hassfigur der HSV-Fans. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelte. Das Verfahren wurde eingestellt. Vor diesem Derby behauptet der Keeper: „Der HSV ist reif und steigt ab. Die Bundesliga-Uhr im Volkspark wird im Mai 2017 abgestellt.“ Mittlerweile ist Wiese tatsächlich in einer Art Kampfsportart tätig: Er ist unter die Wrestler gegangen.

Karriere-Aus
September 1989: HSV-Abwehrspieler Ditmar Jakobs verletzt an einem Karabinerhaken, der sich in seinen Rücken gebohrt hatte.
September 1989: HSV-Abwehrspieler Ditmar Jakobs verletzt an einem Karabinerhaken, der sich in seinen Rücken gebohrt hatte. Foto:Carsten Rehder

 

Einen dramatischen Moment erlebte HSV-Verteidiger Ditmar Jakobs 1989. Bei einem Rettungsversuch rutschte der Nationalspieler ins eigene Tor und bohrte sich einen Karabinerhaken der Netzverankerung in den Rücken. Es dauerte 20 Minuten, bis er befreit wurde. Wegen der schweren Verletzung musste Jakobs seinen Karriere beenden.

Klatsche
Die Werder-Spieler (v.l.) Christian Schulz, Mladen Krstajic, Tim Borowski, Nelson Haedo Valdez und Frank Baumann bedanken sich bei Spielende für die moralische Unterstützung ihrer Fans.

Die Werder-Spieler (v.l.) Christian Schulz, Mladen Krstajic, Tim Borowski, Nelson Haedo Valdez und Frank Baumann bedanken sich bei Spielende für die moralische Unterstützung ihrer Fans.

Foto:Carmen Jaspersen

 

6:0 fertigte Werder Bremen den HSV 2004 ab. Es war das Jahr, als Werder letztmals deutscher Meister wurde. Die Klatsche war die höchste für den HSV in der Geschichte des Nordderbys. Der höchste HSV-Sieg steht bei 5:0 (1980).

Tiefpunkt
Fans des SV Werder Bremen zeigen mit Transparenten und Armbinden während des UEFA-Cup-Spiels ihrer Mannschaft gegen IK Brage-Borlänge am 20.10.1982 in Bremen ihre Anteilnahme am Tod von Werder-Fan Adrian Maleika.
Fans des SV Werder Bremen zeigen mit Transparenten und Armbinden während des UEFA-Cup-Spiels ihrer Mannschaft gegen IK Brage-Borlänge am 20.10.1982 in Bremen ihre Anteilnahme am Tod von Werder-Fan Adrian Maleika. Foto:Werner Schilling, dpa

 

Der Tiefpunkt in der Nordderby-Historie wurde 1982 erreicht. Damals starb der 16 Jahre alte Bremer Anhänger Adrian Maleika nach einem Überfall durch HSV-Hooligans. Er war auf dem Weg ins Stadion. Maleika gilt als das erste Todesopfer des Fußballs in Deutschland.

Fremde Federn
November 1971: Die Bremer mussten in den Ausweichtrikots des HSV antreten.
November 1971: Die Bremer mussten in den Ausweichtrikots des HSV antreten. Foto:Lothar Heidtmann

 

Für die Bremer Mannschaft war es eine Demütigung ersten Ranges. Weil ihre Trikots nicht von denen der Hamburger zu unterscheiden waren, mussten sie im November 1971 beim Erzrivalen deren Ersatz-Leibchen mit der Raute auf der Brust anziehen. Der HSV gewann mit 2:1.

 

Das 105. Nordderby steht mal wieder ganz im Zeichen des Abstiegskampfes. Auf der einen Seite der noch sieglose Tabellenletzte aus Hamburg mit drei Punkten auf dem Konto, auf der anderen Seite die Bremer, die nach zuletzt vier Niederlagen auf dem Relegationsrang 16 stehen. Für beide Clubs soll das Krisen-Derby am Samstag (15.30 Uhr) im Volksparkstadion der Wendepunkt in der laufenden Saison werden.

„Ein Sieg im Derby kann ein Schlüsselmoment sein“, sagte HSV-Profi Nicolai Müller. Bremens Sportchef Frank Baumann ergänzte: „Es werden jetzt die Weichen gestellt. Mit drei Punkten könnten wir uns in der Tabelle verbessern.“

 

Erneut hinken beide Fußball-Traditionsvereine weit hinter den Erwartungen hinterher, ein Erfolg soll die eigenen Fans beruhigen und neuen Optimismus in Krisen-Zeiten einflößen.

Für den ersten Saisonsieg hat der HSV auch sein bekannt aufgeregtes Umfeld verlassen und suchte drei Tage in einem Kurztrainingslager in der Sportschule im niedersächsischen Barsinghausen nach einem Drei-Punkte-Rezept. „Es geht um das Zusammensein. Das ist sehr wichtig. Der Kopf darf nicht zum Nachdenken kommen“, kommentierte Trainer Markus Gisdol seine Maßnahme. Der Coach blieb allerdings in allen sechs Bundesliga-Partien mit der TSG 1899 Hoffenheim gegen Bremen sieglos.

 

Auch seine Mannschaft versuchte mit einem offenen Brief an die Fans neuen Rückenwind zu entfachen. „Wer sagt 'Ich hab' die Schnauze voll, ich will nicht nochmal Abstiegskampf!', der hat das gute Recht dazu. Allen anderen, die sich zum HSV und zu uns als Mannschaft und zu unserem gemeinsamen Ziel bekennen, sagen wir im Namen des gesamten Teams: Lasst uns gemeinsam loslegen!“, hieß es in dem Schreiben.

Einen Hoffnungsschimmer gab es am vergangenen Sonntag, als die Hamburger ein 2:2 in Hoffenheim erkämpften. „Wir sehen sehr erfreuliche Prozesse in der Mannschaft“, teilte Gisdol mit. Darauf hofft auch Clubchef Dietmar Beiersdorfer sehnsüchtig. Der Vorstandsboss steht nach Medienberichten zur Disposition, sollte es am Samstag gegen Werder Derby-Niederlage Nummer 38 geben.

Geht es nach den Bremern, soll dafür ausgerechnet ein gebürtiger Hamburger sorgen. „Ich bin Hamburg geboren. Das ist das Einzige, was mich mit dem HSV verbindet“, erklärte Offensivspieler Max Kruse.

Nachdem der Neuzugang vom VfL Wolfsburg am vergangenen Sonntag bei seinem Comeback das 1:2 gegen Frankfurt verschuldete, soll der 28-Jährige in seiner Heimat die Negativserie beenden. „Ich habe eine positive Bilanz gegen den HSV und würde sie gerne fortführen“, sagte der Stürmer. In zehn Spielen mit St. Pauli, Freiburg, Mönchengladbach und Wolfsburg gab es sechs Siege, viermal ein Unentschieden. „Dafür müssen wir auf dem Platz den Rasen umpflügen“, kündigte Kruse an. „Wir wollen nicht ewig unten rumdümpeln.“

Dies will auch Trainer Alexander Nouri nicht. Nach gutem Start (sieben Punkte aus vier Spielen) läuten nach vier Pleiten in Serie auch für den im Hamburger Vorort Buxtehude aufgewachsenen Nachfolger von Viktor Skripnik leise die Alarmglocken. „Das sind die Mechanismen des Geschäfts. Es gehört einfach dazu, wenn man sich diesem Job verschreibt“, sagte Nouri. Mit einem Sieg im Krisen-Derby könnte er zumindest mal kurz durchatmen.

Vor dem emotionsgeladenen Spiel hat der HSV die Anzahl der Ordner auf mehr als 600 erhöht. 500 Sicherheitskräfte werden in Hamburg eingesetzt, 100 begleiten die Bremer Anhänger in Zügen und Shuttle-Bussen.

 

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erstellt am 25.Nov.2016 | 13:51 Uhr

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