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Fussball

07. Dezember 2016 | 09:34 Uhr

Nach Entlassung als US-Coach : Klinsmann als Sportdirektor zum HSV?

vom

Der HSV sucht einen Sportdirektor. Jürgen Klinsmann und sein Expertenteam sind arbeitslos. Was nun?

HSV-Trainer Markus Gisdol spricht von einer „gewissen Depression“, die er bei seinem Amtsantritt im Club gleich gespürt haben will. Wie gut, dass Jürgen Klinsmann jetzt arbeitslos ist: der Visionär, der Motivator, der Strukturenaufbrecher, der Kosmopolit, der Hubschrauberpilot, der Mann, der Fremdsprachen „hinzufügt“. Einer, der alles kann außer Technik, Taktik und herumsitzen. Und mit ihm ist ein ganzes Team frei, das 2013 mit den USA den Gold-Cup gewann. Die Amerikanische Revolution ist vorbei, beim HSV kann sie jetzt beginnen.

In Hamburg gibt ja seit Monaten diese Planstelle für einen Sportdirektor, die sich bisher keiner zutraut. Ist dies ein Wink des Schicksals wie damals beim DFB? Schauen wir uns mal an, was da ginge mit den geschassten US-Boys, mit all den Spezialisten, die Klinsmann wie selbstverständlich um sich scharrt. Neben einer unerwähnt bleibenden Herde von Fitness-Wunderwaffen sind ein Doppeleuropameister und ein wohlbekannter Österreicher Teil des zu schnürenden Paketes.

Klinsmann for Sportdirektor

<p>Breit grinsen, hoch gewinnen: Jürgen Klinsmann.</p>

Breit grinsen, hoch gewinnen: Jürgen Klinsmann.

Foto: Imago/Schueler/Eibner-Pressefoto EP_JSE

Ein Wechsel des schwäbischen Bäckergesellen Klinsmann mitten auf den Schwarzbrotäquator wäre für den sieglosen Tabellenletzten ein epochaler Schritt wider der miesen Stimmung. Von seinen Gegnern auch „Grinsi“ und „Schaumschläger“ genannt, würde er als Sportdirektor das schlechte, fast schon konspirative Karma, das den Club umgibt, einfach weglächeln und Dietmar Beiersdorfer Hauptbetätigungsfeld endlich wieder hinter den Rechenschieber verlagern.

„Positiv“ mit kurzem, angelsächsischen „o“ könnte dann das Wort der Wende werden. So wie damals, 2004 bis 2006 war das, beim DFB: „Wir sind positiv“: Innerhalb von zwei Jahren hatte Klinsmann mit demonstrativer Unverdrossenheit ein erhebendes Feuer entfacht und einen verkrusteten, scheinbar unreformierbaren Laden gemeinsam mit Jogi Löw auf Vordermann gebracht. Mit geheimnisvollen grünen Gummibändern an den Knöcheln wurde das „Brust raus“ geübt, ein Teampsychologe wurde zur Gewohnheit, den Spielern wurde ordentlich eingeheizt, Hockeytrainer Bernhard Peters (der ist bereits als Jugendkoordinator beim HSV) beriet nebst Urs Siegenthaler, was (wo) das Zeug hält und im überstürzten Geiste der Jugend gelang selbst den Betonfüßen aus der Ribbeck-Ära mit einmal das vertikale Spiel. Kurzum: Seit Deutschland durch Klinsmann das Lächeln erlernte, ist es wieder zu einer Fußball-Macht aufgestiegen.

Ob Klinsmann nun – wie einst beim FC Bayern – ob des zu überwindenden Karmas die Buddha-Figuren herauskramt oder nicht: Allein das Gesicht des blonden Engels schmückt den Dino. Seine ihm angeborene Tendenz zum häufigen Vereinswechsel würde dem Hire-an-Fire-Club von der Elbe ein müdes Lächeln abverlangen. Der Ex-Londoner, Ex-Monegasse, Ex-Münchner, Ex-Stuttgarter, Ex-Mailänder, Ex-Genovesi und Ex-Irviner liebt schließlich das Schnell-Schnell, das sich zwar rasch abnutzt, aber das ist nicht wichtig. Klinsmann wäre der perfekte Gegenpol zum „langweiligen“ Beiersdorfer.

Berti Vogts, der Buddha von Chicago

<p>Günter Netzer hört Berti Vogts zu.</p>

Günter Netzer hört Berti Vogts zu.

Foto: imago sportfotodienst
 

Gibt man „Vogts Klinsmann“ bei Google ein, suggeriert die Suchmaschine als erstes einen „Aprilscherz“. Doch das war es nicht. Klinsmann meinte es ernst. Der gebürtige Göppinger steht auf Spezialisten und ein zweimaliger Europameister (als Spieler 1972, als Trainer 1996) darf sich so nennen. So brachte Klinsmann einen Protagonisten des DFB-Muffs, dessen Teilvermächtnis er als Bundestrainer so leidenschaftlich bekämpft hatte, im US-Fußballverband als Scout unter. Offensives Weltbürgertum wollte sich im viel zu erwartungsvollen Amerika mit deutscher Tugend paaren, Mut mit Realismus. Doch die Symbiose des Erfolges aus den 1990ern funktionierte nicht mehr. Was in München der sobald entfernte Buddha im neuen Leistungszentrum war, wurde in den Staaten die ewige Figur des beckenbauerischen Schattenwurfs – der Herr Vogts. Also der Aufhänger für Klinsmanns unaufhaltsamen Weg in die Unglaubwürdigkeit.

Um die Entwicklung und Beobachtung von US-Spielern in Europa sollte der „Terrier“ sich in seiner Funktion kümmern. Statt Titel setzte es dann aber Klatschen, wie jüngst beim 0:4 in der Weltmeisterschaftsqualifikation gegen Costa Rica. In diesem Falle gut, dass sich in Hamburg immer jemand querstellt.

Andy Herzog, ein Bremer

Foto: imago/Team 2
 

Denkt der Fußballfan an Andy Herzogs aktive Zeit zurück, kommen einem zwei Bilder. Zuerst erinnert man sich an Oliver Kahns Kragenschüttler gegen seinen damaligen Mannschaftskameraden. Herzog hatte den Ball im Mittelfeld verloren und wurde vom Titan denkwürdig zusammengestaucht und aus dem Strafraum gestoßen – sinnbildlich dafür, dass die Zeit des hier zum ewigen Duckmäuser abgestempelten beim FC Bayern abgelaufen war, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Dass er im Herzen Werderaner ist, teilt der Österreicher der Welt allzu gerne mit: „Werder ist mein Verein“, sagte er zuletzt im September, als wolle er signalisieren, dass er für ein Engagement in der (falschen) Hansestadt bereitstehe. Hardcore-Fans müssten wohl erstmal ins Badezimmer rennen, sollte Klinsmann den früheren Spielmacher des Ex-Rivalen als Scout oder Schatten-Trainer mitnehmen. Darf so jemand beim HSV anheuern? Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. Die Frage ist nur, welcher Zweck dies sein soll. Klingt in der HSV-Logik nicht ungefährlich.


Ein Freund und Wunderheiler

„Die Kraft der Selbstheilung“ heißt es im Vortrag. Sowas hat der HSV gebraucht. Dr. Kurt Mosetter ist ein dicker Freund Klinsmanns. Es war der Schmerz, der den Badener und den Schwaben vereinte. Als der damalige Bayern-Coach 2008 durch ein Bandscheibenvorfall bewegungslos im Bett lag, kam der Konstanzer Arzt auf Geheiß des damaligen Hoffenheimers Kurt Peters mit dem Flugzeug angerauscht. Er verhalf dem Damals-noch-Messias wieder auf die Beine – und das mitten in der Nacht. So etwas schweißt zusammen. Überdies kochte Klinsi anschließend vorzügliche Frikadellen und Kartoffeln für seinen neuen Leibarzt. Auf Anraten des Doc warf Klinsmann nach der nächtlichen Aktion Softdrinks und Eis aus seiner Ernährung – und hatte einmal mehr neues Wissen in sich aufgesogen.

Da Mosetter als Magier bei der Schmerzbehandlung gilt, ist es kaum verwunderlich, dass alle, mit denen er etwas zu tun hat mit ihm per du sind. 2011 ist der für seine Myoreflex-Therapie und seine Ernährungslehre bekannte Badener dem Ruf Klinsmanns gefolgt und Teamarzt der US-Mannschaft. Damals eine Steilvorlage für Kritiker. Medien spotteten, Klinsmann habe als Bayern-Trainer US-Ärzte geholt, als USA-Coach dagegen einen Deutschen. Doch die Kritik im Land der großen Ärzte ist verstummt, was aber nicht heißen muss, dass er beim nächsten Turnier auch noch das Team bereuen wird. HSV-Trainer Markus Gisdol und Jugendkoordinator Bernhard Petes kennt er gut, denn der Konstanzer Mediziner arbeitet ebenso für die TSG Hoffenheim. Er wird wohl eher nicht in den düsteren Fußball-Norden kommen. Was allerdings nicht weiter schlimm ist, denn die Spieler werden in seine Praxis gelotst werden, sollte Klinsmann nach Hamburg kommen.

Ein Hamburger Wunderkneter

Foto: imago sportfotodienst

Ebenso wie mit Mosetter ärgerte Klinsmann die Amerikaner mit der Installation des Eppendorfer Physiotherapeuten Niklas Albers (Foto), einem Ass auf dem Gebiet der Myoreflex-Therapie, der 2011 auch die HSV-Handballer zur Meisterschaft massierte. Albers hat seinen Lebensmittelpunkt in Hamburg und nun etwas mehr Freizeit, da er wohl nicht mehr mit den US-Boys durch die Welt reisen wird. Er könnte der Lotse für die anderen sein.

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erstellt am 22.Nov.2016 | 19:31 Uhr

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