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Fussball

03. Dezember 2016 | 16:49 Uhr

Europameisterschaft in Frankreich 2016 : Island bei der EM 2016: Der Neuling, den man lieben muss

vom
Aus der Onlineredaktion

Fußballfans freuen sich auf die ersten Gehversuche Islands bei der EM. Für Schwarz-Rot-Gold-Muffel ist der Debütant von der Vulkaninsel eine ganz heiße Quelle.

Reykjavik/Paris | Islands Nationaltrainer Lars Lagerbäck ist ein ehrlicher, freundlicher alter Hase mit Glamour-Faktor negativ. Jüngst holte der Schwede allerdings gegen den ihm wesensfremden Christiano Ronaldo aus, den er als „sehr talentierten Schauspieler“ entlobte. Er rumpelte noch weiter gegen den Weltfußballer und seine Einlagen: „Ich mag so etwas nicht“, kommentierte Lagerbäck die Spielweise des Portugiesen und seines Mitspielers Pepe beim Champions League Finale. Die Worte des Trainer-Seniors bei der kommenden Europameisterschaft sind ein psychologischer Vorgeschmack für das allererste EM-Spiel Islands: Am 14. Juni (21 Uhr) soll Ronaldos mächtiges Portugal unter isländischem Magma zu Stein werden. Der smarte Schwede weiß aber auch, dass etwas viel Wichtigeres gelingen kann, als ein Auftaktsieg, nämlich die Gunst der neutralen Fans auf sich zu ziehen. Die Lava-Kicker von der sympathischen Touristen-Hochburg im Nordatlantik sind in Frankreich zwar nur Außenseiter, aber erster Anwärter auf den Titel „Everbody's Darling“. 30.000 Isländer haben sich in Frankreich angekündigt. Und wenn die Eroberung der Herzen der neutralen Fans und der Elfen auch noch gelingt...

Am kommenden Freitag (10. Juni) um 21 Uhr beginnt die Fußball-Europameisterschaft mit dem Spiel des Gastgebers Frankreich gegen Rumänien. Favoriten ist neben dem Gastgeber Weltmeister Deutschland. Notorische Unterstützer der Außenseiter unterstützen in diesem Jahr bevorzugt Island.

Geschichten erzählen und schreiben gilt in Island als Nationalsport – und das seit siebenhundert Jahren, als mit den Island-Sagas ein dicker Batzen Weltliteratur getextet wurde. Um Familienfehden, Feindschaften und Verfolgung geht es im Fußball aber nicht. Schon aber um das harte Spiel gegen die viel zu mächtige Umgebung und im fußballpoetischen Sinne um die Story: „Insel ohne Palmen gegen das Establishment“. Allein die Hymne der Wikinger-Nachkommen, wie sie vor den mindestens drei Spielen erklingen wird, ist wortwörtlich ein „Lofsöngur“, ein Lobgesang. „Fyrir þér er einn dagur sem þúsund ár og þúsund ár dagur, ei meir: eitt eilífðar smáblóm með titrandi tár, sem tilbiður guð sinn og deyr“, heißt es da – „Für dich ist ein Tag wie tausend Jahre, und tausend Jahre ein Tag. Ein Blümchen der Ewigkeit mit zitternden Tränen, das zu seinem Gott betet und stirbt.“ Mehr Pathos geht nicht. Der unbeflaggte Fußball-Romantiker kann diese elfengläubigen Isländer doch eigentlich nur lieben.

Während die Kicker im Resort-Spa les Trésoms in Annecy-le-Vieux für die perfekte Vorbereitung schuften, hat Island bereits den ersten EM-Titel sicher gemacht: Arna Yr Jonsdottir wurde als Schönste der Schönen unter den Kandidatinnen der 24 Teilnehmerstaaten zur „Miss EM“ gekürt. Um Schönheit geht es ab dem kommenden Wochenende aber nicht mehr. „Harte Arbeit“, rufen sich die Landsleute zu, wenn sie eine schwere Aufgabe gemeistert hat.

Foto: dpa

 

Die denkwürdigsten Turniere – Vorsicht: Binse – leben immer von Mannschaften, die so herrlich unbedarft daherkommen und trotz der Unmöglichkeit ihre Erfolge feiern. Sicher ist nur, dass das Spielgerät nicht umfällt. Kamerun 1990 ist ein Beispiel für kunterbunte Ausreißer.

Oder wie war das noch 1992? Plötzlich klingelten die Analoghandys und Hotel-Anschlüsse der dänischen Nationalspieler im Privaturlaub. „Jugoslawien ist disqualifiziert, du musst kommen“ – etwa so wird der Funkspruch von Trainer Richard Møller Nielsen geheißen haben. Das kam natürlich weniger überraschend, als es im Nachhinein überliefert wurde. Dennoch: Es blieben den Dänen nur acht Tage zur Vorbereitung. Im wird vier Wochen später im Finale der Weltmeister Deutschland mit 2:0 geschlagen und der EM-Pokal gehisst. Es tat zwar diesseits furchtbar weh, aber wer wollte diesen Erguss von „Danish Dynamite“ heute schon missen? Vielleicht am ehesten die Isländer selbst. Den Erfolg des ungeliebten „Ex-Kolonialherren“ werden sich die Isländer damals kaum zelebriert haben. Zudem kassierte man seine höchste 1967 in Kopenhagen. Mit 14:1 ging man baden. Die Zeiten haben sich grundlegend geändert: Das dänische Dynamit ist diesmal nicht dabei, dafür dampft der isländische Vulkan.

Islands EM-Kader im Überblick

Tor:

 

Hannes Thor Halldorsson (Bodö/Glimt)

 

Ögmundur Kristinsson (Hammarby IF)

 

Ingvar Jonsson (Sandefjord)

 

Abwehr:

 

Birkir Mar Saevarsson (Hammarby IF)

 

Ragnar Sigurdsson (FK Krasnodar)

 

Kari Arnason (Malmö FF)

 

Ari Freyr Skulason (Odense BK)

 

Haukur Heidar Hauksson (AIK Solna)

 

Sverrir Ingi Ingason (KSC Lokeren)

 

Hördur Björgvin Magnusson (AC Cesena)

 

Hjörtur Hermannsson (IFK Göteborg)

 

Mittelfeld:

 

Aron Einar Gunnarsson (Cardiff City)

 

Emil Hallfredsson (Udinese Calcio)

 

Birkir Bjarnason (FC Basel)

 

Johann Berg Gudmundsson (Charlton Athletic)

 

Gylfi Thor Sigurdsson (Swansea City)

 

Theodor Elmar Bjarnason (Aarhus GF)

 

Runar Mar Sigurjonsson (GIF Sundsvall)

 

Arnor Ingvi Traustason (IFK Norrköping)

 

Angriff:

 

Eidur Smari Gudjohnsen (Molde FK)

 

Kolbeinn Sigthorsson (FC Nantes)

 

Alfred Finnbogason (FC Augsburg)

 

Jon Dadi Bödvarsson (1. FC Kaiserslautern)

Der Fußball neuester Prägung trägt mit seiner Glätte, seiner Zucht, der Verkopftheit, Sportwagenverseuchung, Show und Vorhersehbarkeit ein Vakuum der Menschlichkeit mit sich herum, in das sich das schelmische Island wie ein Antidot einfügt. Oliver Bierhoff zum Beispiel findet es dann auch überhaupt nicht gut, dass bei der EM im neuen Modus gleich fünf Neulinge dabei sind, nämlich Nordirland, Wales, die Slowakei, Albanien und eben Island. In seiner Position als DFB-Teammanager spricht er herablassend von „Verwässerung“ und will seine kostbaren Schützlinge am Liebsten erst im Viertelfinale in den Ring schicken. Vielleicht sollten die Fans auch bis zum Viertelfinale die Farben mischen, denn bei den Isländern ist sicher kein Freundschaftsspiel-Modus, sondern aufopferungsvoller Einsatz zu erwarten.

<p>Islands sympathische Nationalelf dürfte die Herzen der Fans schnell erobern.</p>

Islands sympathische Nationalelf dürfte die Herzen der Fans schnell erobern.

Foto: dpa

Strakarnir okkar (unsere Jungs), wie die Blauen in ihrer Heimat genannt werden, hätten es auch ohne den neuen, aufgeblähten Modus mit 24 statt bisher 16 Teams geschafft. In der EM-Qualifikation gelang den Nordmännern der furiose Ausbruch aus ihrem Zwergendasein. Man erwies sich als stärker als die Gruppengegner Kasachstan, Lettland, die Türkei  – und als die Niederlande, die man zwei Mal schlug. Die Oranjes schafften das andere Unmögliche: Sie müssen zu Hause bleiben. Wohlgemerkt: Island hat so viele Einwohner wie Kiel und Flensburg zusammen und ist mit Abstand das bevölkerungsärmste Land, das je bei einer EM dabei war. In der ersten Liga des Landes liegt derzeit ein Aufsteiger mit dem schillernden Namen Vikingur Ólafsvík auf Platz zwei. Der Ort im Westen, der erst seit 1963 eine Straßenanbindung besitzt, hat abzüglich etwaiger Wal-Touristen keine 1000 Bewohner, aber: Es gibt in der Gegend eine ganzjährig beheizte Fußball-Halle.

Die Isländer haben nach ihren Maßstäben enorm investiert, um sich in der Welt des Fußballs keine Blöße mehr geben zu müssen. Man reformierte die Jugend-Ausbildung und setzte unter anderem auf eben jenen Bau von sieben großen Fußballhallen, die die Voraussetzungen dafür schufen, dass der Ball den Nationalspielern nicht mehr meterweit vom Eisfuß springt. Es gibt insgesamt aber nur 75 isländische Fußball-Profis. Die Teilnahme an der U21-EM 2011 hat das kleine Land im Nordatlantik in eine Fußball-Euphorie versetzt, die König Handball so manches Mal verblassen lässt. Schon für die Weltmeisterschaft vor zwei Jahren hätte das Team mit dem Ex-Hoffenheimer Gylfi Sigurdsson sich beinahe qualifiziert, scheiterte jedoch knapp bei den Playoffs. Die schussgewaltige Nummer 10 von Swansea City, ist der teuerste Spieler im Kader und war mit sechs Treffern Top-Torschütze in der EM-Qualifikation.

<p>Gylfi Sigursson (links) ist der heimliche Star.</p>

Gylfi Sigursson (links) ist der heimliche Star.

Foto: dpa

Trainer Lars Lagerbäck hatte sein Team 2011 auf Platz 108 der Weltrangliste übernommen, noch hinter Fußball-Riesen wie Haiti oder dem Sudan. Heute rangieren die Isländer auf Platz 35. Für seinen großen Abschied hat der mit reichlich Turniererfahrung gesegnete Trainer Spieler aus 22 verschiedenen Vereinen in ganz Europa zusammengetrommelt, von denen keiner mehr in Island lebt. Ihrer Namen haben eines gemeinsam: Sie enden typisch isländisch allesamt mit dem Partronym „son“ – mit einer Ausnahme: Guðjohnsen. Altersmäßig ist das Team gut durchmischt, die einstigen U21-Helden sind inzwischen im besten Fußballeralter. Mit den Premierleague-Profis Aron Gunnarsson (Cardiff City) und Gylfi Sigurdsson liegt die größte Stärke der Insulaner wohl im zentralen Mittelfeld. In der Abwehr räumt Ragnar Sigurdsson auf und im Sturm bilden die Deutschland-Legionäre Alfred Finnbogason (FC Augsburg) und Jon Dadi Bödvarsson (1. FC Kaiserslautern) ein Gespann. Dazu kommt Kolbeinn Sigthorsson von FC Nantes.

Für Lagerbäck ist es das letzte Turnier. Der 67-jährige, der längst den Status eines Nationalhelden inne hat, wird nach einer fünfjährigen Erfolgsstory seine Laufbahn beenden. Beerbt wird der von seinem 49-jährigen schon jetzt „gleichberechtigen“ Co-Trainer Heimir Hallgrimsson, der seine Zahnarztpraxis auf den Westmännerinseln dann nicht mehr betreuen können wird. Seine Maxime für fußballerischen Erfolg ist die gleiche: „Wir setzen auf harte Arbeit und gute Organisation. In diesen Bereichen müssen wir besser sein als alle anderen.

Noch gibt Lagerbäck die Richtung vor und verblüfft wie immer mit seinem analytischen Selbstbewusstsein. „Wir wollen jedes Spiel gewinnen und sind nicht nervös, wenn wir bei der Endrunde auf die großen Nationen treffen,“ sagt er und nahm für das Abenteuer kurzfristig einen ganz besonderen Brocken an Erfahrung mit im Gepäck: Eidur Gudjohnsen. Der 37-jährige langjährige Star des FC Chelsea und des FC Barcelona hatte schon in China seinen Karrierewinter verlebt, sich im Februar dann aber dem norwegischen Erstligisten Molde angeschlossen und seinen Trainer letztlich durch gute Leistungen zur Mitnahme ins größte Fußball-Abenteuer der über 1000-jährigen Geschichte des Landes überredet. Erinnerungen an den Renter Roger Milla könnten wach werden, der für Kamerun 1990 trotz hohen Alters von 38 Jahren mit vier Toren und Makossa-Tanz Gesicht und Figur des ganzen Turniers wurde.

So jubeln Islands Fußballer bei einem Freundschaftsspiel.
So jubeln Islands Fußballer bei einem Freundschaftsspiel. Foto: dpa

Eine Saga mit finalem Freundentaumel ist äußerst ungewöhnlich. Man muss es im Jahr der Überraschungen (Leicester City wurde englischer Meister, SønderjykE dänischer Vizemeister) ja auch nicht übertreiben mit der Euphoire. Die Mittsommernacht auf ihrer Insel werden Islands Kicker mitsamt der mitgereisten 30.000 isländischen Fans (etwa zehn Prozent der Bevölkerung) definitiv verpassen. In der Gruppe F mit Portugal und Österreich ist die Lägerbäck-Truppe gemeinsam mit Ungarn gerade so viel Außenseiter, wie man eben sein muss, um Schwung zu holen für eine Überraschung. Und die wäre das Achtelfinale – das auserkorene Ziel – allemal.

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erstellt am 08.Jun.2016 | 18:03 Uhr

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