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HSV

04. Dezember 2016 | 21:25 Uhr

Pro und Contra zum kriselnden Sportvorstand : HSV: Warum Dietmar Beiersdorfer gehen muss – und warum er bleiben soll

vom
Aus der Onlineredaktion

Ist Dietmar Beiersdorfer vielleicht gerade jetzt der richtige Mann für den HSV oder muss er einfach nur weg? Zwei Standpunkte.

Hamburg | Pro: Trümmerfrau Didi muss bleiben

<p>Eine Politik der ruhigen Hand bleibt ihm verwehrt: Dietmar Beiersdorfer.</p>

Eine Politik der ruhigen Hand bleibt ihm verwehrt: Dietmar Beiersdorfer.

Foto: Imago/xSchuelerx

„Für Beiersdorfer wird es sehr eng“, schreibt heute eine Hamburger Zeitung. Weil mit Christian Hochtätter wieder einer abgesagt hat. Zugegeben, der HSV unter Dietmar Beiersdorfer ist ein Verein, wie er grotesker nicht sein könnte. Aber das Blutgerinsel im Kopf des Dinos war da, bevor der Sportvorstand kam. Man muss sich klar sein: Der Franke Beiersdorfer, der den HSV sein „Baby“ nennt, war nie ein Mann für den schnellen Erfolg und das wird er auch nicht mehr werden. Das war – den Hype um den Heilsbringer einmal wegdestilliert – vor seiner Rückkehr bekannt und damit müssen sich die vielen HSV-Fans – und wer sonst noch mit Herz und Schnauze zum Verein gehört – einfach abfinden. Das „Baby“ ist noch nicht mal abgestillt und schon soll es Geschichte schreiben können?

Der Beiersdorfer von heute ist nicht Macher von Beruf, sondern Trümmerfrau. Einer, der über Abnutzungskampf, Solididät, Willen, kontinuierlicher Weiterentwicklung und hanseatischem Kaufmannshandwerk weiterkommen will. Ein Machtmensch mit dicker Hose ist Beiersdorfer nicht und das fixe Spiel war schon als Aktiver nicht seine Stärke. Das wird ihm hier und dort angelastet, wird sich aber noch als Stärke herausstellen. Es sagt sich immer so leicht, aber: Hätte der HSV jetzt 20 Punkte auf dem Konto, würde seine Führung sicher in den Himmel gelobt. Hätte.

„Didi“ legte die Dinge immer langfristig an. Schon als Spieler war das so. Sein erstes und einzige Länderspiel machte er im besten Fußballeralter mit 28, mit 29 holte er seinen ersten großen Titel, erst mit 32 wechselte er erstmals ins Ausland, nach Italien. Diese Tugenden des Franken trugen immer eine weltmännische Weitsicht in sich. Aber auch bei seiner ersten Zeit als Manager beim HSV hatte es seine Zeit gedauert, bis der Rubel rollte. Der heutige Erfolg der Dietrich-Mateschitz-Clubs aus Leipzig, New York und Salzburg geht auf die von Beiersdorfer geschaffenen Fundamente zurück. Was damals wie heute zur großen Erfolgsgeschichte fehlte, war ein Mann mit einer modernen Spielidee an seiner Seite, der ihm überdies ein öffentliches Machtgerangel erspart.
 

<p>Baustelle am neuen HSV-Campus.</p>

Baustelle am neuen HSV-Campus.

Foto: imago/Michael Schwarz

Beiersdorfer bleibt der richtige Mann für den HSV, denn seine Arbeit hat auf Dauer immer Blüten getragen. Man denke an die Jahre ab 2004, in denen er durch seine geschickten Transfers als HSV-Manager vom Boulevard nur noch „Dukaten-Didi“ genannt wurde. Sein gutes Gespür für Spieler-Charaktere erweckte sogar Begehrlichkeiten der Fans des FC Bayern, weil Uli Hoeneß in dieser Disziplin in jenen Jahren nicht mithalten konnte.

Man muss Beiersdorfer und dem HSV die Zeit geben, bis man sein Werken am eigentlichen „Baby“, der neu (Jahre zu spät) aufgestellten und modernisierten Jugendarbeit messen kann und daran, ob es dann gelingt, die Spieler auch zu halten. Hier steht und fällt das Schicksal der Rothosen, die es am heißgelaufenen Transfermarkt trotz der Kühne-Millionen so schwer haben wie noch nie. Der alte Dino ist einfach nicht mehr so sexy wie vor zwölf Jahren. Auch Hochstätter ist das Platzen des Deals relativ egal.

Jetzt, wo der Club so viele Veränderungen durchläuft und bei dem immer noch so vieles in querverbundenen Trümmern liegt, braucht es Vertrauen. Ein weiterer Wechsel auf dieser Ebene würde den Verein endgültig in Licht der Unzurechnungsfähigkeit führen. Vor allem die Jugendspieler müssen in dieser Zeit wissen, wo der Weg hingeht und wo das Fahrwasser am Tiefsten ist. Dem Club kann nichts mehr helfen als gelebte Kontinuität. Beiersdorfer hat aus seinem Fehler gelernt, Bruno Labbadia zu früh oder zu spät entlassen zu haben.

<p>Begegung bei Derby: Beiersdorfer als Sportlicher Leiter des HSV und Hochstätter als Sportdirektor von Hannover 96 im Jahr 2008.</p>

Begegung bei Derby: Beiersdorfer als Sportlicher Leiter des HSV und Hochstätter als Sportdirektor von Hannover 96 im Jahr 2008.

Foto: imago/Sven Simon

Beiersdorfer, der Arbeiter, braucht dringend einen Conterpart auf Sportdirektorenposition, der erstens die neue Spielergeneration versteht – und zweitens gut in den skandinavischen Ligen vernetzt ist. Zu Beiersdorfers Zeit als HSV Manager (2002 bis 2009) waren Transfers aus den Niederlanden und Belgien eine Goldgrube. Doch das Spielermaterial der Länder wird längst von den ganz Großen abgefischt, das zeigten die zahlreichen Absagen im Sommer. In Skandinavien beginnt dieser Einverleibungsprozess durch die großen Ligen  gerade – zu sehen an der Verpflichtung des 18-jährigen Emre Mor durch Borussia Dortmund. Es wird höchste Zeit für den HSV, dieses „Revier“ der kulturellen und geografischen Nähe als ein Geschenk zu verstehen.

Im Kader der U17 gibt es mit dem Finnen Tobias Fagerström nur einen einzigen Nordeuropäer, in der U19 und der U23 keinen einzigen. So gesehen ist die Absage von Christian Hochstätter auch eine Chance.

Götz Bonsen

Contra: Das Karussell muss sich weiter drehen

<p>Schon etwas Abwesend: Beiersdorfer beim Spiel gegen Köln.</p>

Schon etwas Abwesend: Beiersdorfer beim Spiel gegen Köln.

Foto: Imago/xSchülerx/xEibner-Pressefotox EP_jse

Dietmar Beiersdorfer war von 2002 bis 2009 Sportchef beim HSV. Damals nannte man ihn „Dukaten-Didi“. Nach Stationen bei Red Bull und Zenit St. Petersburg kehrte er im Juli 2014 als Vorstandsvorsitzender zurück zum HSV – mit ordentlich Vorschusslorbeeren. Kurz darauf wurde als eine der ersten Amtshandlungen die Zusammenarbeit mit Sportchef Oliver Kreuzer beendet. Im Oktober begann Peter Knäbel als „Direktor Profifußball“. Doch die Liebe währte nicht lange. Seit dem 9. Mai 2016 ist Beiersdorfer zusätzlich Sportchef, nachdem Knäbels laufender Vertrag aufgelöst wurde. Weder mit noch ohne Knäbel läuft es bei den Hamburgern. Zwei Punkte aus zehn Spielen, zuletzt eine 2:5-Klatsche gegen Borussia Dortmund. Die laufende Saison läuft sogar noch schlechter als die zuvor.

Am kommenden Sonntag muss das Team von Markus Gisdol zum Tabellendritten nach Hoffenheim. In der Vorsaison landete der HSV nach 34. Spieltagen immerhin noch auf Platz 10, nach zuvor zwei Spielzeiten, die in der Relegation endeten. Die Interimstrainer nicht mitgezählt hat der HSV seit 2010 sieben Trainer verschlissen. Markus Gisdol ist seit dem 26. September die Nummer acht. Geht es so weiter, könnte bald schon Nummer neun folgen. Am immer schneller werden Karussell hat auch Beiersdorfer nichts geändert. Das Ruder rumreißen konnte bislang keiner der Trainer – sie hatten dafür aber auch kaum Zeit, denn der Knopf für den Schleudersitz scheint ziemlich leicht loszugehen. Die Krise beim HSV haben die Trainerwechsel jedenfalls nicht gelöst.

<p>Der nächste Trainer auf dem Schleudersitz: Markus Gisdol (l.).</p>

Der nächste Trainer auf dem Schleudersitz: Markus Gisdol (l.).

Foto: imago sportfotodienst

Auch auf der Suche nach einem neuen Sportchef wurden bisher alle Register gezogen. Eigentlich war in der letzten Woche bereits alles klar: Bochums Manager Christian Hochstätter kommt als Ersatz für den entlassenen Knäbel. Doch der Deal ist am Sonntag geplatzt. Laut Beiersdorfer war die Ablöseforderung des VfL Bochum zu hoch. Der Verein dementiert und sagt: Hochstätter hat das Angebot abgelehnt. Verhandlungen mit Beiersdorfer habe es gar nicht wirklich gegeben, hieß es. Dem geplatzen Hochstätter-Deal gingen vergebliche Versuche voraus, Georg Heitz, Nico Hoogma oder Horst Heldt als Sportchefs zu verpflichten. Auch hier gab es immer wieder verschiedene Versionen beider Seiten, warum aus dem Engagement nichts werden sollte. Hoogma beschwerte sich sogar, dass man „so nicht mit Menschen umgehe“. Auch hier eine Zahl: Seit 2010 gab es fünf Sportchefs beim HSV.

Der katastrophale Ruf, der dem „neuen“ HSV vorauseilt, ist hausgemacht. Worte wie „Trauerfall“ oder „Lachnummer“ fallen immer wieder von Experten und ehemaligen Spielern im Zusammenhang mit dem HSV. Die Polizei der Grafschaft Bentheim veröffentlichte eine Pressemitteilung, die sie auf Twitter anteaserte: „19-Jähriger jetzt punktgleich mit dem HSV.“ So weit ist es gekommen. Der 52-Jährige hat bei seinem zweiten Engagement nach 2009 beim HSV versagt. Sein Ende könnte heute Abend auf der Sitzung des Aufsichtsrates beschlossen werden. Und es wäre überfällig. Bereits vergangene Woche berichtete Sport1, dass zwei der sechs Räte bereit gewesen wären, Beiersdorfer abzusägen.

Klaus-Michael Kühne ist der Mäzen des HSV.
Klaus-Michael Kühne ist der Mäzen des HSV. Foto: Axel Heimken

In zweieinhalb Jahren beim HSV gab es keine Transfers mehr, die Beiersdorfer gewinnbringend verkaufen konnte. 90 Millionen Euro hat Beiersdorfer seit 2014 in den Kader investiert. Ohne Erfolge. Investor Klaus-Michael Kühne pumpt Millionen in den Verein, die mit vollen Händen für Spieler rausgeschmissen werden, die unter den Erwartungen bleiben: Filip Kostic, Douglas Santos, Alen Halilovic – sie alle wurden geholt und passen nicht in die bestehende Mannschaft. Kühne sollte sein Geld künftig lieber sinnvoller investieren und der HSV statt auf Stars auf die Jugend setzen. Das macht der Club auch, wie man an Transfers wie Christian Mathenia, Bobby Wood oder Luca Waldschmidt sehen kann. Doch auch dort hat der HSV das Talent, Spieler zu vergraulen. Beispiel Jonathan Tah. Fazit: Wenn jemand Schuld an der Misere des Vereins hat, dann ist es Beiersdorfer. Sein Kader ist es, der in zehn Spielen nur mickrige zwei Punkte verbuchen konnte. Markus Gisdol kann einem da fast Leid tun. Beim HSV muss endlich Ruhe einkehren, damit sich eine Chemie und geordnete Strukturen zwischen Mannschaft, Verein und Trainer entwickeln können. Dafür ist Geduld nötig. Ob sich das mit Beiersdorfer realisieren lässt? Unwahrscheinlich. Also noch ein letztes Mal Karussellfahren, bitte. 

Gerrit Hencke

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erstellt am 14.Nov.2016 | 13:05 Uhr

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