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HSV

09. Dezember 2016 | 22:23 Uhr

Trainerdiskussion vor Freiburg-Spiel : Der HSV und Bruno Labbadia: Darum geht der Trend zum „Tschüss“

vom
Aus der Onlineredaktion

Eine erste steife Brise weht auf das runderneuerte Kartenhaus HSV. Der Trainer ist der schwarze Peter – falsches Spiel.

Hamburg | Die gute Nachricht: Der HSV steht in der Bundesligatabelle vor Schalke 04 und vor dem Erzrivalen Werder Bremen. Die Schlechte: Es ist schon wieder nur Rang 16 – und der Besuch der torhungrigen Bayern naht. Viel schlimmer als ein verkorkster Saisonstart – nämlich fatal – wäre es für Club und Investoren allerdings, wenn der Aufschwung des Neuaufbaus schon im Winter abgeklungen wäre. Darum kann Bruno Labbadia auch nicht mehr auf Dankbarkeit oder Vertrauen hoffen.

Vor 477 Tagen führte Labbadia den Bundesliga-Dino in der dramatischen Relegation gegen Karlsruhe zum schon verloren geglaubten Klassenerhalt. Damals wollte Beiersdorfer seinem Coach noch mit eigenen Händen ein Denkmal bauen. Nun kriselt es.


Labbadia weiß am Besten um diesen selten unerwähnten Makel, der seine Zeit als Trainer dunkel umrahmt: Ein Spannungsabfall im zweiten Jahr zieht sich durch seine Trainerlaufbahn. Damit verbunden existiert bei den Fans die häufig geäußerte Ansicht, dass der frühere Nationalstürmer als Trainer nur für eine Halbserie taugt. Schon bei Labbadias erster Amtszeit an der Elbe war der Club im zweiten Jahr abgeschmiert, so dass die Entlassung folgte. Bei den Stationen in Leverkusen und auch in Stuttgart geschah Ähnliches. Im Schwabenland entlud er sich vor der Entlassung sogar mit einem Wutausbruch vor der Kamera.

Jener der beginnenden Verzweiflung und dem entzogenen Vertrauen entwachsende Zorn von 2012 ist zurück. Der 50-Jährige reagierte auch am letzten Wochenende dünnhäutig und gereizt und lenkte von der Frage ab, ob er das Vertrauen der Oberen verspüre. „Glauben Sie, dass es eine Diskussion geben könnte, auch schon in Richtung Ihrer Person?“ fragte der Sky-Reporter am Samstag zum Groll des Trainers. Der Mann, der es schon seit seiner Jugend liebt, vor der Kamera zu stehen, brach das Gespräch Sekunden später genervt ab: „Ist okay, Herr Wasserziehr. Schönen Tag!“

Labbadia sieht es wohl kommen. Nach dem schlechten Start in die Saison mit nur einem Punkt aus drei Spielen und einer empfindlichen 0:4-Heimpleite gegen Aufsteiger RB Leipzig will sich niemand zu dem Trainer bekennen, der den HSV zwei Mal unter schwersten Bedingungen in der Liga hielt. Wenn der mit Millionen aufgepeppte Club in der kommenden englischen Liga-Woche nicht punktet, könnte der erneute Rutsch von der Bank folgen. Boulevard-Medien winken einer möglichen Entlassung bereits mit Personal-Ideen wie Horst Hrubesch, der bei den Fans allerhöchste Beliebtheit genießt. Am Ende geht es auch um die Außenwirkung und den positiven Geist der Erneuerung.

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Eifrig: Bruno Labbadia am Spielfeldrand.
Eifrig: Bruno Labbadia am Spielfeldrand. Foto: dpa

Nun hat sich in Hamburg wirklich viel bewegt und die Teambildung wird Zeit in Anspruch nehmen. In kürzester Zeit sollte Labbadia eine verschworene Truppe kompilieren. Um Fragen der gestalterischen Dimension geht es derzeit nicht. Die Kritik stützt sich auf Details. Warum bootet der Trainer Pierre-Michel Lasogga kurzfristig aus? Das wurde nicht kommuniziert. Gerade einen bulligen Mittelstürmer hätte es im Nachhinein womöglich im Strafraum gebraucht, um aus dem unvollendeten Flankengewitter am Samstag gegen Leipzig Zählbares zu erwirken. Der Versuch schlug fehl, Filip Kostics Hereingaben fanden in Bobby Wood keinen Abnehmer. Pech für den Coach. Die anderen Fragen: Warum erarbeitet sich die Mannschaft so wenige Chancen und weshalb bricht sie bei einem Heimspiel gegen einen Aufsteiger ein?

Ein offizielles Ultimatum gibt es nicht für den Trainer, nur ein gezwungenes „Bruno kann es schaffen“ von Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer. So etwas sagt für gewöhnlich ein Trainer, wenn er einen ausgebooteten Spieler ruhig stellen will. Dies klingt merklich nach der letzten Chance. Mit frühen Trainerwechseln hatte der Club-Boss ohnehin nie ein Problem. Vor zwei Jahren schasste er nach dem dritten Spieltag Trainer Mirko Slomka. Auch damals hatten ähnlich ambitionierte Hamburger nur einen Punkt auf dem Konto gehabt.

Beiersdorfer verzichtet auf Versprechen, die ihm letztendlich schaden könnten und hält sich viel Raum für personelle Änderungen offen. Er vermeidet es, sich hinter den Trainer zu stellen, den er bereits zwei Mal engagierte und stellt klar: „Wir müssen gegen den SC Freiburg einen Befreiungsschlag landen. Das wird nicht einfach, aber ich erwarte, dass alle eine Schippe drauflegen und an ihre Grenzen gehen.“

Beiersdorfers Kritikpunkte sind so sachdienlich, dass man sie als abzuarbeitende Klausur für das nächste Spiel zu verstehen hat. Erstens habe man unterm Strich zu wenige klare Torchancen erspielt, außerdem sei es bisher nicht gelungen, 90 Minuten das Niveau zu halten, so die Mängelliste. Änderungen müssten so schnell wie möglich herbeigeführt werden.

Mit den Kritikpunkten steht Beiersdorfer nicht allein. Viele Beobachter wundert, dass der HSV immer nach einer Stunde schlapp macht - erst gegen Leverkusen (1:3) und nun gegen RB Leipzig (0:4). Auch lief die junge Mannschaft aus Sachsen deutlich mehr Kilometer als die HSV-Profis. Und ausgerechnet dem erfahrenen Kapitän Johan Djourou unterlaufen immer wieder eklatante Fehler.

Vor allem von Außerhalb rumort es aber herein. Und es stellt sich wieder die Frage, wie groß der Einfluss von Investor Klaus-Michael Kühne wohl ist. Dieser will den schnellen Erfolg. Und es ist ihm zu eigen, dass er in schwierigen Situationen immer ein offenes Ohr für Trainerdiskussionen hat. Schon in der letzten Woche äußerte der Milliardär leise seine Bedenken darüber, ob Labbadia der richtige Mann sei. Man müsse „abwarten, ob der Trainer das Team in Form bringen kann", sagte er in einem Interview. Wie das Abendblatt berichtet, haben am Wochenende schon die ersten Berater beim Investor anrufen und Mandanten für die Nachfolge beworben.

Mehr als 30 Millionen Euro investierte der HSV im Sommer in die Mannschaft. Das ist viel Geld, doch am Ende steht immer noch beinahe die gleiche Elf wie im vergangenen Jahr auf dem Platz. Die Neuzugänge sind noch ohne Wirkung. Labbadia setzt zum großen Teil noch auf die alten Spieler, ließ Pierre-Michel Lasogga ohne Begründung auf der Tribüne Platz nehmen. Der Versuch schlug fehl, Filip Kostics Flanken fanden in Bobby Wood keinen Abnehmer. 

Die englische Woche könnte für den Club richtungweisend werden. Nach der Packung gegen Leipzig geht es am Dienstag zu den heimstarken Freiburgern (zuletzt 3:1 gegen Borussia Mönchengladbach), am Samstag ist dann ausgerechnet der FC Bayern im Volkspark zu Gast. Beides sind Spiele, in denen man nicht unbedingt drei Punkte holt. Nach der mageren Ausbeute der letzten Wochen muss der „neue“ HSV aber mindestens einmal gewinnen.

„Das Spiel in Freiburg ist überlebenswichtig“, weiß Labbadia. Er will dieses Mal die Kurve kriegen und den Helm des Feuerwehrmannes endlich ablegen. „Ich habe wesentlich schwierigere Situationen hier erlebt, deswegen bin ich nicht sonderlich beunruhigt“, sagt der Kritisierte. Ihm bleiben noch Stunden, um den vorgelebten Aufwärtstrend der HSV Fußball AG auch mal auf dem Rasen vorführen zu lassen.

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erstellt am 19.Sep.2016 | 20:25 Uhr

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