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Fußball EM 2016

03. Dezember 2016 | 16:39 Uhr

Gerd Gottlob im Interview : Traumberuf EM-Kommentator: „Man muss halt tapfer sein“

vom

Authentisch, ein bisschen norddeutsch und auch Mal emotional - Im Interview erzählt der Fußball-Kommentator wie er sich selbst sieht und wie er sich auf das wichtige Spiel vorbereitet.

Herr Gottlob, Sie begleiten als Kommentator des EM-Finals eines der größten TV-Ereignisse des Jahres. Wie begegnen Sie der Aufgabe, dieses Spiel vielen Millionen Zuschauern zu präsentieren?

Indem ich mir über diese gewaltige Zahl keine großen Gedanken mache. Als ich bei der WM 2006 nach meinen Einsätzen in der Vorrunde auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg das legendäre Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien verfolgt habe, waren es „nur“ etwa 60.000 Leute, die auf den Kommentar von Reinhold Beckmann reagiert haben. Da bekommt man ein Gefühl für so etwas – aber bezüglich aller TV-Zuschauer erreicht das Dimensionen, die man zum Glück sowieso nicht greifen kann. Man würde verrückt werden, wenn man es versucht. Mein Plan ist, meinen Job so gut wie möglich zu machen - einfach so, wie sonst auch.

Wie enttäuscht ist man als Kommentator, dass die deutsche Elf im Halbfinale ausgeschieden ist?

Es ist natürlich ein bisschen schade, dass Deutschland nicht dabei ist – das hätte es noch ein bisschen größer gemacht. Trotzdem ist das EM-Finale ein Höhepunkt dieses Sportjahrs. Insofern bin ich mir der Bedeutung meiner Aufgabe durchaus bewusst und spüre auch eine große Vorfreude.

Mit was für einem Spiel rechnen Sie?

Ich glaube, dass man von Portugals Trainer jetzt nicht erwarten darf, dass er seine Burschen auf einmal von der Leine lässt. Sie werden wie in allen Spielen nach der Vorrunde auftreten: Strukturiert und defensiv kompakt. Den Franzosen wird es eher zufallen, die Initiative zu ergreifen. Aber das Schöne bei K.o.-Spielen ist, dass sie von der Spannung leben, weil eine Entscheidung fallen muss. Selbst wenn es ein Abnutzungskampf wird oder lange kein Tor fällt: Irgendwann wird es richtig losgehen auf dem Feld.

Als Kommentator beim EM-Finale: Würden Sie sagen, dass Sie ihren Traumberuf leben?

Ich bin absolut zufrieden mit dem, was ich machen kann und darf – ja, insofern würde ich es als Traumberuf bezeichnen. Aber es ist nicht so, dass ich schon als kleiner Junge davon geträumt habe, ein EM-Finale zu kommentieren. Ich hatte eigentlich recht lange keine klare Vorstellung davon, was ich später mal machen will, bevor ich über ein Zeitungsvolontariat in den Sportjournalismus eingestiegen bin.

Wie läuft Ihre Vorbereitung auf das Spiel ab?

Das Wichtigste ist, die Mannschaften genau zu kennen: Wer sind die wichtigsten Spieler, wie sehen alle Fußballer aus, wie werden die Namen ausgesprochen, welche Taktik ist wahrscheinlich. Wir, mein Assistent Tobias Blanck und ich, schauen uns die letzten Partien beider Teams nochmal an, sammeln dazu Infos und aktuelle Geschichten – und selektieren ein bisschen: Was ist interessant, was scheidet für den Live-Kommentar eher aus, weil es bereits zigfach erzählt worden ist? Einen Großteil der Fakten, die wir sammeln, erwähne ich später übrigens gar nicht.

Warum?

Weil das Spiel dann die Richtung vorgibt und ich spontan darauf reagieren muss. Nur für den Anfang, wenn ich auf den Sender gehe, nehme ich mir klar vor, was ich sage. Einfach, um gut reinzukommen und um Infos zu geben, die als Basis für das Spiel wichtig sind. Wenn der Ball rollt, heißt es für mich: Total konzentriert das Spiel gucken, alles erkennen und nichts verpassen. Auch dann, wenn ich gerade spreche und gleichzeitig etwas anderes passiert. Ich muss entscheidende Szenen schnell begleiten und bewerten. Ich kann einen Torschützen nicht erst 30 Sekunden später nennen, ich kann auch keine strittige Elfmeter-oder-nicht-Szene im Strafraum unkommentiert durchlaufen lassen.

Wie schwer ist es gerade in diesen Fällen, sich früh festzulegen, obwohl man im Zweifel vielleicht erst bei der dritten Zeitlupe erkennt, was Sache ist?

Ich persönlich neige dazu, meinen ersten Eindruck zu sagen – wobei man natürlich gut beraten ist, im Live-Kommentar nicht gleich alles auf eine Karte zu setzen. Wenn das Spiel läuft, schaue ich immer aufs Feld, damit ich Entstehung und Ablauf der Szenen in ihrer Gesamtheit verfolgen kann. Wenn es haarig wird, sehe ich mir wie die TV-Zuschauer die Zeitlupe an. Mit dieser kann dann mein erstes Urteil entweder verfestigen – oder auch einfach korrigieren, womit ich dann kein Problem habe. In solchen Fällen muss man halt ein bisschen tapfer sein.

Inwiefern hilft Ihr Assistent während der Partie?

Mein Verhältnis zu Tobias Blanck ist vertrauensvoll und freundschaftlich – er versteht den Fußball genauso wie ich und liegt bei der Beurteilung des Spiels und strittiger Szenen in aller Regel mit mir auf einer Linie. Wir kommunizieren mit Augenkontakt, zudem kann er mir etwas aufs Ohr sagen und mich auf Dinge abseits des Spiels aufmerksam machen. Etwa, wenn auf der Tribüne etwas passiert oder die Kollegen im Übertragungswagen beim Studium der Bilder was Interessantes entdeckt haben.

Stimmt es, dass Sie als Live-Kommentator im Vorfeld der Partien die Möglichkeit haben, sich exklusiv mit beteiligten Trainern auszutauschen?

Das ist bei der EM nur bei der deutschen Mannschaft der Fall, zu der wir am Spieltag ins Hotel fahren. Vor dem Ukraine-Spiel, das wir kommentiert haben, stand uns Co-Trainer Thomas Schneider für einen gemeinsamen Austausch zur Verfügung. Wir erfahren dort nicht die komplette Aufstellung oder alle taktischen Details, bekommen aber schon weitergehende Infos darüber, wie die Trainer den Gegner sehen und wie sie ihn bespielen wollen. Das hilft uns beim Live-Kommentar, die Dinge fair zu bewerten, woran ja auch die Trainer ein Interesse haben. Umgekehrt können sie uns vertrauen, dass wir diese Informationen nur für das Spiel nutzen und nicht schon im Vorfeld thematisieren.

Wie würden Sie Ihren eigenen Stil als Kommentator beschreiben?

Ich versuche vor allem, authentisch zu sein. Sich zu verstellen würde auf Dauer nicht funktionieren. So wie ich kommentiere, bin ich: Ein bisschen norddeutsch, in der Sache klar, aber vielleicht zuerst etwas zurückhaltend. Wobei ich schon emotional sein kann, wenn das Spiel es hergibt und mich mitreißt.

Was beim Achtelfinale Wales gegen Nordirland nicht so richtig der Fall war…

In der Tat war die Begleitung dieses überaus zähen Spiels fast schon eine Strafe. Wenn ein Spiel schlecht ist, stehe ich dann auch nicht für die Rolle des Pausenclowns oder Animateurs zur Verfügung. Was aber geht: Dem Zuschauer Gründe dafür zu liefern, warum er weitergucken soll. Für einen Fußballfan ist der K.o.-Modus ja ein absolut ausreichender Grund.

Nun ist es ja so, dass Kommentatoren bei den Fans unterschiedlich gut ankommen. Wer im Internet querliest, stößt zum Teil auf skurrile Statements zu diesem Thema…

Ich glaube, wenn man sich so raus traut wie wir es tun, wenn man in den Wohnzimmern der Leute auftaucht, dann ist es absolut zulässig, dass diese eine Bewertung abgeben. Menschen haben ja auch einfach unterschiedliche Geschmäcker. Was ich bedaure: durch die im Internet vorherrschende Anonymität hat sich, gerade auch in den sogenannten sozialen Netzwerken, eine gewisse Gnadenlosigkeit entwickelt, die oft voll an der Sache vorbeigeht. Zum Beispiel war ein Großteil der Kritik an der Kollegin Claudia Neumann völlig unangemessen und ungerecht, weil es nicht um fachliche Dinge ging, sondern um die Tatsache, dass sie eine Frau ist. Ich persönlich habe mir ein dickes Fell angeschafft und lasse diese Dinge gar nicht an mich heran, weil ich sie gar nicht erst lese. Wobei ich mich persönlich auch gar nicht so sehr beschweren kann.

Wie fällt Ihr eigenes EM-Fazit vor dem Finale aus?

Das Niveau der Spiele war vor allem in den ersten beiden Dritteln der Turnierspiele nicht durchgängig gut. Das steht außer Frage, gilt aber nicht nur für die kleinen, sondern auch für die großen Teams. Vielleicht zog sich alles auch bedingt durch den neuen Modus ein bisschen – aber dennoch wäre für mich der Schluss „nie wieder so“ zu kurz gegriffen. Denn gerade Mannschaften wie Irland, Nordirland oder Wales und Island haben uns durch die schönen Auftritte ihrer Fans in Frankreich ein großartiges Gefühl von ganz viel Europa und ganz viel Freude vermittelt. Für das Gastgeberland gilt, glaube ich, dass die Terror-Ereignisse des 13. November 2015 doch ein bisschen über dem Turnier lagen und die Freude ein wenig gedämpft haben. Aber beim WM-Triumph 1998 war ähnlich wie jetzt, dass die Franzosen spät wach geworden sind, bevor sie richtig Gas gegeben haben.

Last but not least: Wie, glauben Sie, geht es am Sonntag aus?

Frankreich hat den Heimvorteil, auch beim Halbfinale in Marseille war das schon eine sehr leidenschaftliche Stimmung. Die glauben an sich und spielen für ihr Land, die Grande Nation. Portugal kommt mit einem sehr cleveren Trainer Santos und – bei aller Attitüde – einem fantastischen Ronaldo. Ich hätte nichts gegen Verlängerung und Elfmeterschießen...

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erstellt am 08.Jul.2016 | 16:35 Uhr

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