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Sport

05. Dezember 2016 | 09:37 Uhr

Tabellenletzter der Fußball-Bundesliga : Die Verschwörung hinter der ewigen Höllenfahrt des HSV

vom
Aus der Onlineredaktion

Seit gefühlt sechs Jahren gab es keinen gescheiten Spielzug mehr in roter Hose. Ohne Verschwörungstheorien wird man ja verrückt.

Hamburg | Nur fünf deutsche Klubs haben seit Dietmar Beiersdorfers Antritt als Vereinsboss vor 28 Monaten mehr Geld in den Kader gesteckt als der HSV. Der Club hat sich zu einem gewissen Grad runderneuert, umstrukturiert und neu aufgestellt. Genützt hat es nichts. Das Ergebnis lautet einmal mehr: Platz 18 nach acht Spielen und kein Sieg. Der Bundesliga-Dino, der auf dem Papier auf die Europäische Bühne gehört, ist ein nur noch versteinertes, hüftsteifes Fossil. Warum, das ist inzwischen ähnlich rätselhaft wie das Aussterben der Dinosaurier selber. Fassen wir es kurz: Irgendwann war ihre Zeit einfach vorbei. Aber soweit geht es bei der Fußball-Evolution nun doch nicht, oder?

Das vierte Jahr in Folge ist der HSV mit großen Plänen in die Saison gestartet und muss früh einsehen, das nur der Abstiegskampf ein realistisches Ziel ist. Nun wurde auch Vereinsboss Dietmar Beiersdorfer angezählt.

Nun, nach Trainerwechsel und Fehlstart, wird wie eigentlich immer nach Schuldigen unter den verbliebenen Sterblichen gesucht und es werden kräftige Standpauken in der Kabine von der Facebook-Welt eingefordert - doch das ist alles Irrsinn. Kein Mensch des Verstandes und der Leidenschaft kann diesem Verein mehr helfen. Entweder ist die HSV-Problematik zu komplex für das menschliche Begriffsvermögen oder sie ist schlichtweg Spielball einer höheren Gewalt. In beiden Fällen braucht es Verschwörungstheorien.

Sicher ist erstmal, dass um den Volkspark herum die eine oder die andere unbekannte Kraft am Werke ist. Mit dem häufig attackierten Aufsichtsrat oder dem Vorstand hat das Ganze nichts zu tun. Funktionäre stehen schließlich nicht auf dem Platz, wie man so schön zu sagen pflegt.

Zunächst stellt man sich bei „alternativen“ Erklärungsansätzen immer die Frage: Cui Bono? Wem nützt es? Da wären zunächst die anderen 17 Bundesligisten zu nennen, die sich über stetes Freilos freuen. Aber diese sind nur die Nutznießer einer frei laufenden Demission.

1. Die kühnische Weltverschwörung

Foto: imago/Eibner

In Wahrheit ist Investor Klaus-Michael Kühne die Kanaille. Den HSV, seinen angeblichen Herzensverein, herzt der Logistik-Milliardär vor allem aus steuerlichen Gründen. Der findige Unternehmer finanziert Spielertransfers – darunter die sinnlose Rückholaktion von Rafael van der Vaart –, um seine Anteilswerte damit hoch zu halten. Der eigentliche Clou aber ist, dass er vom Sessel aus mit brummiger Verunsicherungstaktik dafür sorgt, dass die Spieler in kürzester Zeit viel an Wert verlieren. Diese Beträge kann der 79-Jährige dann abschreiben. Ein Abstieg wäre für ihn nicht ohne Reiz, aber die Relegation ist unternehmentaktisch noch besser.

2. Sie sprühen wieder

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Schiffe im  Hamburger Hafen.

Foto: Imago/Imagebroker
 

St. Pauli Letzter in Liga 2, HSV letzter in Liga 1: Irgendwie bekommt Fußballern die Elbluft nicht. Um den Leistungsabfall zu erklären, muss man noch nicht mal einen Aluhut aufsetzen und den chemtrail-durchtränkten Himmel anschauen. Ein Blick nach Stuttgart reicht. Der VfB stieg letztes Jahr aufgrund der deutschlandweit höchsten Feinstaubbelastung in die Unterklasse ab. Eine Analyse hat ergeben, dass die Leistung von Sportlern erheblich unter der Luftbelastung leidet, sie machen eher schlapp. Davon kann auch der TSV 1860 München – auch so ein hamburgeskes Mysterium – ein Liedchen singen, falls die schwer belastete Luft in der bayerischen Hauptstadt es zulässt. Die schwerölbetankten Ozeanriesen jedenfalls, die Hamburg zum „Tor der Welt“ machten, haben der Hamburger Fußball-Tradition die Lunge versäuert. Beim Schwefeldioxid (SO2) in der Luft ist die Hansestadt mit 113 Mikrogramm pro Kubikmeter einsame Spitze. Keine der deutschen Top-15- SO2-Städte hat sonst einen Erstligisten zu bieten.

3. Der Fluch des Diamanten

Foto: imago/Hoch Zwei/Angerer
 

Das Volksparkstadion heißt wieder so, wie zu Ernst Happels Zeiten. Das ist reine Folklore. Etwas, das einmal HSH Nordbank Arena hieß, hat für immer die Seele verkauft, da erzeugen auch die höchsten Eintrittspreise keinen Mehrwert. Seit dem Umbau der alten Betonschüssel von 1998 bis 2000 zu einem reinen Fußballstadion, ist ohnehin die Luft raus. Und das liegt nicht nur an dem Huhn, das vorher zur Abschreckung des Klabautermanns im Innenbereich hing und von einem ignoranten Bauherren ersatzlos und unter Inkaufnahme eines Seemannsfluches entfernt wurde.

Für eine Mark kaufte der Club die Spielstätte von der Stadt. Heute bekommt er zu spüren, dass man ein Juwel niemals verramschen darf. Die Folgen erinnern an den mysteriösen Fluch des blauen Diamanten (Hope-Diamant), der – wenn gestohlen oder erniedrigt – Menschen in Unglück und Tod gestürzt haben soll. Raute und Diamant – da haben wir unseren Dämon.

4. Unrunde Sache: Von der Westkurve auf die Nordtribüne

Ein Kardinalfehler beim Stadionumbau: Der Rasen wurde um 90 Grad gedreht und die neue Heimat der HSV-Fans wurde die Nordtribüne. Damit änderte sich das Magnetfeld der Erde. Pokale schweben seither schwerelos in unbekannten Höhen. Das Thema Magnetische Suszeptibilität muss man heutzutage niemandem mehr erklären.

5. Der verlorene Enkel

Der Albtraum: Seeler-Spross Öztunali in grün.
Der Albtraum: Seeler-Spross Öztunali in grün. Foto: imago/DeFodi

Ein weiterer verprellter Diamant schändete das Rothosen-Karma: Levin Öztunali, Sohn einer Tochter der lichtgestaltartigen Vereinslegende Uwe Seeler, machte noch als Jugendspieler den Reißaus in Richtung Leverkusen. Sein Vater sah Vorteile in einer Luftveränderung. 2013 war das. Anschließend wechselte der heutige Mainzer per Leihe zum Erzfeind Werder Bremen und die Seele des HSV war noch mehr demoliert. So etwas darf nicht passieren. Wenn der Franz Beckenbauer damals nicht die Ohrfeige beim Probetraining von 1860 bekommen hätte, so eine beliebte Parabel aus dem Fußball-Zirkus, wäre der FC Bayern heute womöglich ein Provinzclub. Öztunali wäre heute übrigens neben Talent Frank Ronstadt der einzige gebürtige Hanseat im Bundesligakader.

6. Ein geballtes Bündel der zerstörten Hoffnungen

Bremer Fans jubeln mit einer übergroßen Nachbildung der legendären Papierkugel.
Bremer Fans jubeln mit einer übergroßen Nachbildung der legendären Papierkugel. Foto: imago sportfotodienst
 

Am Wochenende gegen Frankfurt war sie wieder da, die Papierkugel auf dem grünen Rasen, die zur Vereinsgeschichte gehört wie rote Hosen, Bananenflanken und Relegationskrimis. Diesmal hinderte ihr nächster Streich Rechtsverteidiger Dennis Diekmeier an einer seiner gefürchteten Hereingaben, so dass auch diese Gelegenheit verpuffte, sich mal dem Tor anzunähern.

Seit dem ersten Auftritt der Papierkugel am 7. Mai 2009 geht es nur noch abwärts beim Deutschen Meister von 1982 und 1983. Der kleine Fremdkörper auf dem Spielfeld – angeblich Teil einer Fan-Choreografie – wurde seinerzeit mitverantwortlich für das Uefa-Cup-Aus im Halbfinale gegen Werder Bremen. Erholt hat sich der Club nie davon, die Kugeln fliegen symbolhaft immer wieder von den Rängen. Hatte man nicht die West- zur Nordkurve gemacht – wer weiß, wo die Kugel damals wohl gelandet wäre? Auf dem zerknüllten Zettel stand vermutlich ein Zauberspruch aus der Paulusapokalypse (Visio St. Pauli, sic!) aus dem 5. Jahrhundert, der einen Höllenritt durch die ewige Nacht bedeutet. Glaub ich.

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erstellt am 24.Okt.2016 | 20:29 Uhr

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