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Sport

08. Dezember 2016 | 15:34 Uhr

Eröffnungsspiel der Bundesliga-Saison : Des Fußballs Langeweile: Warum ich das Ball-Gekuller nicht mehr sehen kann

vom
Aus der Onlineredaktion

Jedes Produkt hat eine Halbwertzeit. Beim Fußball ist sie für mich in Saison 28 gekommen. Bundesliga? Nein danke!

München | Am Freitag startet die neue Bundesliga-Saison. Hurra!!! – Denkste! Hier ist einer derjenigen, den der Hype ums runde Kunstleder hat fallen lassen. Einer, der des Ganzen überdrüssig ist. Überspielt, gesättigt, ausgebrannt.

Ein gutes Vierteljahrhundert hatte es kaum Wichtigeres als Spiele, Statistiken, Transfers und markige Sprüche für mich gegeben. Am Freitag begänne meine 28. Saison als Fan der Liga, die mich seit dem 15. Juni 1991 in ihrem Bann hatte. Jan Furtok, Tony Yeboah, der junge Mehmet Scholl und der Spieler Dieter Hecking liefen mir schon über den Weg. Die Liebe zu Verein und Liga schien krisensicher und endgültig. Jetzt sind erstmals alle Bundesliga-Spieler jünger als ich, aber das ist nicht die Party-Bremse.

Der Volksmund weiß, dass es nach der Silberhochzeit oft kritisch wird in Beziehungen. Nachdem Pep Guardiola 2013 im Anschluss an das Bayern-Triple Trainer der Münchner wurde, waren die ersten Spiele eine Offenbarung. Danach war ich einfach nur noch genervt von der Verkopfung des Spiels, dem Ball-Magnetismus, dem Verbot der Leidenschaft und der defensiven Verstopfung des chancenlosen Gegners. Wozu dieser Aufwand, wenn am Ende ohnehin nur die billige Formel „Flanke-Kopfball-Tor“ zum Erfolg führt? Ich konnte es nicht mehr ansehen – und die Lawine ist inzwischen über alle Plätze gerollt.

Inzwischen dauert es keine fünf Minuten mehr, bis mein Körper bei der Betrachtung von jedwedem Fußballspiel vor dem Fernseher abstirbt und kurze Zeit später in den Schlafmodus übergeht. Derselbe Valium-Effekt tritt ein wie mit den Dreifragezeichen-Kassetten, die noch lange nach meiner Jugend mein Einschlaf-Begleiter waren. Tausendfach gehört, lieferten sie diese Vertrautheit und Geborgenenheit, die es zum seligen Schlummern braucht. Viele der Kassetten kenne ich beinahe auswendig und so fühlt es sich inzwischen auch bei König Fußball an. Es ist, als hätte ich bereits jedes Spiel gesehen - „live“ ist gar kein Argument mehr.

Es gibt genau drei Typen von Spielen, die die Sender uns verkaufen wollen:

  1. Eine Mannschaft, die Fußball zelebrieren will, trifft auf ein Team von Fußballverhinderern, welches gedenkt, diesen Plan zu durchkreuzen. Team A gewinnt = Total langweilig.
  2. Eine Mannschaft, die Fußball zelebrieren will, trifft auf ein Team von Fußballverhinderern, welches gedenkt, diesen Plan zu durchkreuzen. Team B gewinnt = Semi-Langweilig, da selten, aber doof, weil ungerecht.
  3. Keine der Mannschaften will Fußball zelebrieren. Sie setzen beide auf Umschaltspiel und merken, dass es beidseitig destruktiv gar nicht gehen kann. Eine Standardsituation muss dieses Spiel der hohen Bälle entscheiden = Ultra-Langweilig.

Typ 3 ist inzwischen die Regel im Bundesliga-Allag und meine Reaktion: Anpfiff, kurzes Grübeln, Augen zu und weg. Manchmal erfolgt kurz vor Torszenen ein kurzes, instinktives Aufwachen, doch schon vor dem Tor-Abschluss wird es wieder dunkel. Ob der Ball ins Netz geht, ist mir nämlich sowas von egal. Einen Fernseher im Schlafzimmer gibt es nicht. Von daher besser für den Rücken, sich erst gar nicht mehr an dem abgetakelten Millionärssport zu versuchen und direkt ins Schlafgemach zu wandern. Schlafprobleme habe ich auch ohne Passiv-Kickerei keine, deshalb brauche ich den Zirkus nicht mehr.

Für meine Abtrünnigkeit gibt es sicher viele Gründe. Gemein haben sie fast alle, dass sie alle im Unterbewusstsein liegen. Denn mein Kopf noch voll mit Fußball und darauf getrimmt. Doch der Sport ist zum Abfallprodukt geworden, seitdem uns wie im Trash-TV quasi jeden Tag der rollende Ball als Jahrhundertereignis aufgetischt wird. Wie sollen die Spieler bei dem Zeitplan auch zwei Mal wöchentlich so etwas wie Leidenschaft versprühen? Das fragte St. Pauli-Trainer Ewald Lienen vor kurzem. Das suggestiven „Nein“ erklärt sich schneller als in 90 Minuten.

Dem Profi-Fußball geht es gut wie nie. Die englische Premier-League wird mit Fernseh-Milliarden überflutet und soll das ganz große Ding im Weltsport werden. Mich spricht dieses Produkt aber nicht mehr an. Die Millionengehälter und Ablösesummen sind mir zwar suspekt aber zu virtuell, um mich daran aufzuhängen. Ansonsten würde ich mich an der Kreisliga versuchen. Aber selbst dafür bin ich zu satt. Nur die Knappheit kann mir noch helfen, eine Quote wie damals bei der Milch.

Vielleicht spricht hier einer der Ersten, der die Fußball-Fernbedienung an den Nagel gehängt hat. Jetzt spüre ich, wie quälend anstrengend es ist, in der Parallelwelt der Fußball-Desinteressierten zu leben. Und wie es ist, wenn man ständig unter die Nase gerieben bekommt, wie wichtig das alles doch ist. Diese Menschen müssen sich Jahrzehntelang in meiner Gegenwart wie Passivraucher vorgekommen sein. Bitte entschuldigt, aber nun ist die Glut ja erloschen.

Mein Kollege, mit dem ich in jeder Mittagspause nach wie vor ausschweifende Gespräche über die Liga führe – reden geht noch  – sagte gerade etwas Bemerkenswertes: Fußball sei für ihn so wichtig, weil er von Horror-Meldungen über Krieg und Katastrophen ablenke. Wie Recht er hat. Um ehrlich zu sein: Das Ergebnis am Freitag beim Eröffnungsspiel Bayern München gegen Werder Bremen interessiert mich schon. Und die Einladung zum Tippspiel will auch nicht locker lassen. Irgendwie bin ich plötzlich ganz aufgeregt. Das Nickerchen riskier ich.

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erstellt am 24.Aug.2016 | 20:16 Uhr

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