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Sport

02. Dezember 2016 | 19:16 Uhr

Nach IOC-Entscheidung für Olympia 2016 : Anti-Doping-Kampf: So streiten sich Robert Harting und Thomas Bach

vom

Der deutsche Diskus-Star Robert Harting kämpft seit Langem gegen Doping - und übt jetzt heftige Kritik an IOC-Boss Bach.

Lausanne | Die Empörung nach dem Verzicht auf einen kollektiven Bann Russlands von den Olympischen Spielen wird schärfer - und führt zu einem heftigen Verbalduell zwischen Diskus-Ass Robert Harting und IOC-Chef Thomas Bach. Der Olympiasieger attackierte den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees scharf. „Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems. Ich schäme mich für ihn“, schimpfte Harting in Berlin.

Robert Harting kämpft seit Langem gegen Doping. Er setzt sich für einen sauberen, fairen Sport ein. Die IOC-Entscheidung, Russland nicht komplett von den Olympischen Spielen in Rio auszuschließen, stößt bei ihm auf Unverständnis. Er kritisiert IOC-Chef Bach scharf. Der wehrt sich.

Bach wehrte sich in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur: „Es ist eine nicht akzeptable Entgleisung, wenn man jemanden, der nicht der eigenen Meinung ist, in derartiger Art und Weise beleidigt“, sagte er und bewertete die Aussage als „nicht hinnehmbar“.

Nach der Leichtathletik ziehen inzwischen weitere Fachverbände Konsequenzen aus dem verheerenden Report über Staatsdoping - bislang wird aber nur vereinzelt Athleten der Olympia-Start verwehrt. Mindestens 105 von geplant 387 russischen Sportlern wurden bislang gesperrt. Viele Verbände sind noch mitten in der Prüfungsphase.

Das IOC hatte das russische Team trotz dokumentierten Staatsdopings unter anderem bei den Winterspielen von Sotschi 2014 nicht komplett von Rio ausgeschlossen, sondern die Entscheidung an die Fachverbände delegiert - und das weniger als zwei Wochen vor Eröffnung der Spiele. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte einen kompletten Ausschluss Russlands gefordert.

Dass es zu der jetzigen Situation gekommen sei, liege aber nicht am IOC, sagte Bach und brachte die Welt-Anti-Doping-Agentur ins Spiel. „Ich will hier keine Schuldzuweisungen vornehmen. Aber ich glaube, man muss darauf hinweisen können, dass die ganze Problematik hätte vermieden werden können, wenn die WADA im Jahr 2010 den entsprechenden Hinweisen von Herrn Stepanow (Ehemann und Trainer der russischen Whistleblowerin Julia Stepanowa) nachgegangen wäre.“

Er setze sich für umfangreichste Reformen im Anti-Doping-System Russlands ein, beteuerte der mächtige Sportpolitiker erneut. „Es steht außer jeder Frage, dass das System an sich aufs Härteste bestraft werden muss“, urteilte Bach. „Hier haben wir erste Maßnahmen ergriffen, indem zum Beispiel kein Mitglied des russischen Sportministeriums, beim Minister angefangen, eine Akkreditierung für die Olympischen Spiele erhält.“

Der wichtigste Sportfunktionär der Welt steht indes weiter im Fokus der Kritik. „Ich habe schon oft meine Enttäuschung über Thomas Bach geäußert. Aber das ist jetzt eine neue Enttäuschungs-Dimension“, sagte der meinungsstarke Robert Harting. Den Verdacht, dass bei der IOC-Entscheidung mächtige Strippenzieher eine Rolle gespielt haben, äußerte auch der Berliner und erwähnte etwa Kremlchef Wladimir Putin.

Harting erhält viel Zustimmung für seine Äußerungen. Auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte er eine Umfrage.

 

Dass Kronzeugin Stepanowa, die mit ihren Aussagen zur Aufdeckung des Skandals beigetragen hatte, nicht in Rio laufen darf, sei „nicht rechtens“, klagte Harting. „Sie hat so viel Schaden für die Leichtathletik-Welt abgewendet. Ihr Start wäre ein Schlag ins Gesicht von Herrn Putin gewesen. Deshalb findet das nicht statt.“

Stepanowa selbst fühlt betrogen. „Ich habe schon immer davon geträumt, Olympiasiegerin zu werden, aber das IOC hat mich nicht zu Olympia zugelassen“, sagte sie in einem Sky-Interview. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass sich das IOC auch für mich einsetzt und mich unterstützt. Aber es passiert das Gegenteil: Ich werde bestraft“, kommentierte die Leichtathletin und warf dem IOC obendrein die Verbreitung von Lügen vor. Ihr Trainer und Ehemann Witali Stepanow befand: „Das System hat sie nicht aufgrund der Sperre bestraft, sondern weil Julia die Wahrheit ans Licht gebracht hat.“

Die Leichtathletin hat beim IOC Einspruch gegen die Entscheidung eingelegt, sie nicht unter neutraler Flagge starten zu lassen. Einen möglichen finalen Gang vor den Sportgerichtshof CAS schloss Witali Stepanow indes in einem Gespräch der Nachrichtenagentur AP aus. Dafür fehle dem Paar, das einen kleinen Sohn hat, aus Russland flüchten musste und inzwischen in den USA lebt, schlicht das Geld.

Was passiert in den einzelnen Sportarten?

In Sportarten wie Tennis, Judo, Schießen oder Ringen dürfen wohl alle qualifizierten Russen antreten. In der Leichtathletik wurde dagegen die gesamte russische Mannschaft gestrichen. Am Dienstag versagte der Kanu-Weltverband fünf Russen die Sommerspiele-Teilnahme, unter ihnen Olympiasieger Alexander Djatschenko. Dessen Name war in dem Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) von Ermittler Richard McLaren im Zusammenhang mit verschwundenen Dopingproben aufgetaucht.

Durch die Sperre von Natalja Podolskaja hätte Deutschland eine Nachrückerin im Kajak-Einer über 200 Meter nach Brasilien schicken dürfen - allerdings verzichtete der Verband auf den Startplatz.

Obendrein wurden 22 Ruderer gestrichen - damit hat der russische Verband sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen keinen Achter am Start. Zu den Ausgebootenen zählt Iwan Balandin aus dem Achter, der im McLaren-Bericht als einer von zehn Athleten genannt, dessen Dopingprobe durch das Analyselabor in Moskau und das Sportministerium manipuliert worden sei. Im Report werden Russland umfassende Doping-Machenschaften vorgeworfen, die von Staatsseite um Minister Witali Mutko angeordnet und gelenkt worden sein sollen.

Die Leichtathleten waren vom Weltverband IAAF schon vor der heftig kritisierten IOC-Entscheidung komplett gesperrt worden. Am Montag zog der Schwimm-Verband FINA nach und schloss sieben Sportler aus, darunter Paul Biedermanns 200-Meter-Freistil Rivale Nikita Lobinzew. Auch zwei Moderne Fünfkämpfer wurden von Olympia ausgeschlossen.

Andere Verbände sind noch in den Einzelfallprüfungen, die ihnen das IOC auferlegt hatte. Der Volleyball-Weltverband FIVB etwa studiert derzeit die vom russischen Verband eingereichten überarbeiteten Kaderlisten. Ein Ausschluss der russischen Hallen-Teams sowie der drei Beachvolleyball-Duos gilt aber als unwahrscheinlich. Allerdings soll Alexander Markin wegen Meldonium-Dopings gesperrt werden.

Der Handball-Weltverband IHF will bei der russischen Frauen-Auswahl kurzfristige Dopingkontrollen im Training durchführen. Dafür wurde der derzeitige Aufenthaltsort der Nationalmannschaft erfragt. Die Proben würden in einem von der WADA akkreditierten Labor untersucht, teilte die IHF mit. Von den Resultaten hängt das weitere Vorgehen ab.

Der Ringer-Weltverband forderte mehr Beweise zu den verdächtigten Sportlern. Alle potenziellen russischen Starter seien bis zu viermal durch WADA-Labors außerhalb Russlands getestet worden, hieß es. Sperren sind nicht zu erwarten, sitzen in der Exekutive des Weltverbands doch gleich zwei einflussreiche russische Funktionäre.

Das sagt die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA:

Die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA hat den Verzicht des Internationalen Olympischen Komitees auf einen Komplett-Ausschluss Russlands von Olympia erneut scharf kritisiert. „So wie jetzt entschieden wurde, passt das nicht zur Null-Toleranz-Politik des IOC. Da ist eine große Chance verpasst worden“, sagte die NADA-Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann der „Süddeutschen Zeitung“ (Mittwoch). Auch bei den Anti-Doping-Agenturen anderer Länder herrsche vor den Sommerspielen von Rio de Janeiro „absolutes Entsetzen“.

Die Entscheidung des IOC sei ein Rückschlag für saubere Athleten, argumentierte Gotzmann. Diese würden sich fragen, „was muss passieren, bevor harte Konsequenzen gezogen werden? Russland ist ja nicht das einzige Land, in dem es nicht so läuft, wie wir uns das wünschen.“ Auch dass das IOC der russischen Whistleblowerin Julia Stepanowa eine Olympia-Starterlaubnis verwehrte, kritisiert Gotzmann deutlich.„Diese Entscheidung ist sehr, sehr schade“, sagte sie. „Die Whistleblower brauchen wir, die muss man ermuntern, ihr Wissen preiszugeben. Dass hier zweierlei ethisch-moralische Maßstäbe angelegt werden, finde ich bedenklich.“

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erstellt am 27.Jul.2016 | 09:00 Uhr

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