KANALGESCHICHTEN

 

Wenn es eng wird: 100 Jahre Kanalsteuerer

24. September 2008 | Von Jens Neumann

Diesen Beruf gibt es nur in Schleswig-Holstein: Kanalsteurer sind weltweit einmalig. Heute blickt der zu Kaisers Zeiten gegründete "Verein der Kanalsteurer" auf eine 100-jährige Geschichte zurück.

Sie und ihre Kollegen sorgen für mehr Sicherheit: Wolfgang Schlicker (li.) und Torsten Koslik gehen in Brunsbüttel von Bord des Frachters "Maike D." Fotos: Neumann

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Die Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal (NOK) birgt viele Gefahren. Um Havarien zu vermeiden, besteht Lotspflicht. Aber nicht nur das: Schiffe mit einer Länge von mehr als 100 Metern müssen zusätzlich einen ausgebildeten Kanalsteurer an Bord nehmen, besonders große Pötte sogar zwei. "Wir steuern das Schiff, die Lotsen sind beratend tätig", sagt Ralf Schöttler (57), seit 1994 Vorsitzender des Vereins der Kanalsteurer.

Die derzeit 154 Kanalsteurer haben den Schiffsführern aus aller Welt eines voraus: Sie kennen die Tücken der knapp 99 Kilometer langen Wasserstraße zwischen Kiel-Holtenau und Brunsbüttel genau. Banking, Ansaugeffekte, vor allem der Begegnungsverkehr  erfordern Fingerspitzengefühl. Damit die Schiffe nicht kollidieren oder auf der Böschung aufsetzen, müssen die Steurer schnell reagieren. Manch gestandenen Seemann erstaunten die Rudermanöver, sagt Schüttler. "Die Schiffe verhalten sich im Kanal anders als auf offener See."

Jede Fahrt, jedes Schiff ist anders

Ein kräftiger Händedruck, ein kurzer Blickkontakt: Der Führungswechsel auf der Brücke ist ein kurzer Akt. Zusammen mit einem Lotsen übernehmen die Kanalsteurer Wolfgang Schlicker (61) und Torsten Koslik (42) in Kiel-Holtenau im Morgengrauen das Ruder des Frachters "Maike D.". Acht Stunden Fahrzeit liegen vor ihnen. Im Kielwasser des Kreuzfahrtschiffes "Discovery" geht es nach Brunsbüttel. Für die Kanalsteurer Alltag. Und trotzdem ist jede Fahrt, jedes Schiff anders. "Lotsen und Kanalsteurer sind ein Team. Wir sorgen für Sicherheit", sagt Schöttler.

Fünf Jahre nach der Eröffnung des NOKs (bis 1948 Kaiser-Wilhelm-Kanal) nahmen im April 1900 die ersten acht ausgebildeten Kanalsteurer ihren Dienst auf. Der tödliche Unfall eines Kollegen im Sommer 1907 war Anlass zur Vereinsgründung. Um sich der Rolle des Arbeitgebers mit allen Fürsorgepflichten zu entziehen, drängte das Kaiserliche Kanalamt die Steurer, einen Verein als fiktiven Arbeitgeber zu gründen. Am 24. September 1908 war es soweit.

21.000 Kanalsteuerungen erwartet

Über einen Mangel an Arbeit können sich die Mitglieder nicht beklagen - im Gegenteil. Von 1999 bis 2007 hat sich die Zahl der jährlichen Kanalsteuerungen auf 19.500 verdoppelt. Und der Bedarf steigt weiter: Im Jubiläumsjahr erwartet der Vorsitzende, die Rekordmarke von 21.000 Einsätzen zu durchbrechen. An Nachwuchs wie bei den Lotsen fehlt es den Steurern nicht. Voraussetzung für die Aufnahme in den Verein ist das nautische Patent zum Kapitän auf kleiner Fahrt.

Langsam läuft der Frachter "Maike D." in den Brunsbütteler Kanalschleusen ein. Hier trennen sich die Wege von Lotsen und Kanalsteurern. Wolfgang Schlicker und Torsten Koslik schreiten zu einem Gebäude an der Schleuseneinfahrt: dem "Schlafhaus" des Vereins. Aufenthaltsraum, Küche und elf Betten stehen den Nautikern zur Verfügung. Schließlich sollen die Kanalsteurer ausgeruht an Bord des nächsten Schiffes gehen. Und das kann Stunden dauern. Der Kanalverkehr ist nur schwer planbar.



 

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