KANALGESCHICHTEN

 

Kanal wird zum Riesen-Buddelplatz

06. September 2007 | Von Wolfgang Schmidt

Auf dem Nord-Ostsee-Kanal wird Platz gemacht für die Kreuzfahrt-Giganten. 8,5 Millionen Kubikmeter Erde sollen bewegt werden, um das kurvige Nadelöhr bei Kiel zu verbreitern. Wohin mit dem Schlick, weiß jedoch noch niemand.
Spaziergänger winken dem Kreuzfahrtschiff MS

Das 176 Meter lange Kreuzfahrtschiff MS "Astor" hat auf dem NOK bei Landwehr keine Probleme. Damit auch Giganten mit mehr als 235 Metern Länge dort fahren können, wird der Kanal verbreitert. Foto: dpa

Auf dem Weg zwischen Nord- und Ostsee wird es für immer mehr Pötte zu eng im Kanal. Die 20 Kilometer westlich der Holtenauer Kanalschleusen in Kiel sind mit ihren Kurven und der schmalen Fahrspur zu einem so schwierigen Nadelöhr geworden, dass angesichts des Schifffahrtsbooms an einem Ausbau kein Weg vorbeiführt. Seit Sommer 2006 wird das Großprojekt geplant, das 130 Millionen Euro kosten soll. 2010 rücken die ersten Bagger an und 2014 soll alles fertig sein.

Während der größte Teil des Nord-Ostsee-Kanals längst ausgebaut wurde, ist der Ostabschnitt arg in die Jahre gekommen. "Sein Profil stammt von 1914", sagt Projektleiter Jörg Brockmann. Mit dem Ausbau wird die Fahrspur auf dem Grund von 44 auf 70 Meter erweitert, der Wasserspiegel auf 130 Meter. Weit größere Schiffe können dann die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt passieren: Bisher dürfen sie bis zu 235 Meter lang sein, künftig sind 280 Meter erlaubt. Das reicht sogar für Kreuzfahrt-Giganten (Ausnahme: die "Queen Mary 2" mit 345 Metern Länge).

Ungebremster Zuwachs an Schiffen und Gütern

Seit Ende der neunziger Jahre wuchs die Zahl der Schiffe, die den Kanal durchqueren, von 22.000 auf 32.000. Noch rasanter nahmen Ladung und Schiffsgröße zu. Die Brutto-Tonnage stieg von 85 auf 140 Millionen Bruttoraumzahl (BRZ), die Ladung im Durchgangsverkehr von 50 auf 90 Millionen Tonnen. Dies hat mit den neuen EU-Ländern im Ostseeraum zu tun; außerdem wird Russland stärker in den Warenaustausch einbezogen.

Brockmann muss einen enormen Eingriff in die Kanalufer planen: "Wir werden 8,5 Millionen Kubikmeter Erde bewegen." Das wären ungefähr 400.000 Lkw-Ladungen. Wohin damit? "Das wissen wir noch nicht", antwortet der Bauingenieur. "Das Baggergut könnte im Straßenbau verwendet werden, auf Agrarflächen oder in Nord- und Ostsee."

Wohin mit den Kreuzottern?

Gravierende Schadstoffbelastungen erwartet Brockmann nicht. "Das Problem ist die große Menge." Nicht zu vergessen sind auch die Kreuzottern. Die gefährdeten Reptilien fühlen sich am Nordufer richtig wohl, sonnen sich auf den schwarzen Steinen. "Was machen wir, um sie wegzubekommen und dann wieder anzusiedeln?" - noch ist die Frage ungeklärt.

"Ersatzlebensräume müssen schon vor Beginn der Baumaßnahmen ermittelt oder neu hergerichtet werden, damit die abgefangenen Tiere dort eine Überlebenschance haben", fordern die Naturschutzverbände. "Der Umweltaspekt ist schon gravierend", räumt Brockmann ein. "Wir starten gerade die Umweltuntersuchungen." Diese werden eineinhalb Jahre dauern.

Mit dem Ausbau kommen auch neue Schleusen

"Vom Grundsatz befürworten wir den Ausbau, weil so mehr Verkehr von der Straße auf das Wasser verlagert werden kann", sagt der Umweltschutzreferent des Landesnaturschutzverbandes, Michael Ott. Die Auswirkungen müssten so naturverträglich wie möglich bleiben. Da kollidiert manches mit Überlegungen der Ausbauplaner, doch man ist im Gespräch.

Im Zuge des Kanalausbaus wird auch das "Eingangstor" im Westen erneuert: Die kleinen Schleusen in Brunsbüttel stammen von 1900, die großen von 1914. Letztere werden saniert. Um Staus zu vermeiden, wird bis 2014 zudem eine fünfte Schleusenkammer gebaut.

Mehr als 110 Jahre alt ist die Levensauer Hochbrücke bei Kiel, die am Kanal ebenfalls ein Nadelöhr bildet. Wenn Experten sie als erneuerungsbedürftig einstufen, gäbe es ein neues Tierschutzproblem: An der Brücke leben Fledermäuse, die dann umziehen müssten.



 

SHZ.DE MOBIL

Auch unterwegs bestens informiert!

Mit der iPhone-App und dem Mobilportal von shz.de haben Sie die neuesten Nachrichten aus Schleswig-Holstein immer zur Hand.

Weitere Informationen...

 
 

BUCHVERKAUF

Ihr (Enkel-) Kind ist der Held!
Verschenken Sie ein Kinderbuch, in dem Ihr Liebling die Hauptperson spielt.
Mehr Infos finden Sie hier

 
INSTITUT50PLUS
Lebendig leben...
Angebote für eine aktive Lebensgestaltung
 
HÄUFIG GELESEN

Mitarbeiterin in Jugendanstalt belästigt

Eine Frau ist im Schleswiger Jugendgefängnis sexuell belästigt worden. Darüber hinaus gab es eine ...mehr

 
 


KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ