KANALGESCHICHTEN

 

Auf Tauchstation in der Kanalschleuse

22. August 2007 | Von Hauke Mormann

Sie sehen nicht einmal ihre Hand vor Augen: Wenn die Taucher des Wasser- und Schifffahrtsamtes Brunsbüttel die Wände der Schleusenkammern nach Schäden absuchen, müssen sie sich auf ihren Tastsinn verlassen.
Taucher Kai Nimz steigt über eine Leiter hinab ins Wasser der Schleusenkammer.

Hinab in 15 Meter Tiefe: WSA-Tauchermeister Kai Nimz beim Abstieg in die Südkammer der großen Brunsbütteler Schleuse. Alle sechs Jahre wird das Bauwerk komplett geprüft. Foto: Mormann

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Sie wirkt wie ein Tunnel ohne Dach: die Südkammer der großen Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals (NOK) in Brunsbüttel. 45 Meter breit, 390 Meter lang, 15 Meter tief. Auf dem ruhigen Wasser liegt nur ein einziges graues Boot des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA). An Bord: sechs Taucher. Sie untersuchen das Mauerwerk auf Risse, die Tore auf Schäden unter Wasser.

Gerade ist Tauchermeister Kai Nimz (45) eine schmale Leiter hinabgestiegen. Leinen- und Signalmeister Heinz Wethje (39) hält den Schlauch, über den Nimz Luft bekommt. Die 35 Kilogramm schwere Ausrüstung mit gepresster Atemluft auf Nimz’ Rücken ist für den Notfall - "falls der Schlauch abknickt", sagt Wethje. Passiert ist das bisher noch nie.

Über Funk hat der Taucher Verbindung zu seinen Kollegen an Deck. Wie in einem Science-Fiction-Film dringen seine Atemgeräusche aus einem Lautsprecher, die hohen Wände werfen sie als Echo zurück.

Ein ganzer Tag Arbeit für 100 Meter Mauerfläche

Alle sechs Jahre sind die beiden Kammern der 1914 in Betrieb genommenen großen Brunsbütteler Schleuse in den Händen der WSA-Taucher. Pro Tag schaffen sie etwa 100 Meter - die Schiffe müssen die Nordkammer oder die beiden kleinen Schleusen nutzen. "So eine Prüfung dauert mehrere Monate, weil wir die Kammern nicht über einen längeren Zeitraum am Stück sperren können", sagt Taucher Peter Schlichting (50). So sind er und seine Kollegen tageweise am Werk.

Am häufigsten finden sie ausgespülte Fugen und herausgebrochene Steine. Das Problem, erklärt Schlichting, liegt darin, "dass die Schiffe beim Schleusen ihre Propeller nicht abstellen". Ab 2014 sollen die beiden alten Kammern der großen Schleuse saniert werden, nachdem die neue dritte Kammer gebaut ist.

Was sie unter Wasser finden, melden die Taucher ans Schiff. Dort erfasst Wasserbauwerksmeister Klaus Schlichting (53) alles in einer Tabelle: "Anhand der Daten bestimmt ein Ingenieur, wie schnell der einzelne Schaden repariert werden muss."

Taucher: "Gegen Brunsbüttel ist Kiel die Karibik des Kanals"

Im nassen Element sind die tauchenden Handwerker vollkommen blind. Sie tasten sich an den Mauern entlang. "Durch die Gezeiten der Elbe ist das Wasser hier so trübe, dass ich nicht mal meine Hand sehe, wenn ich sie auf meine Brille drücke", sagt Tauchermeister Nimz. In Kiel-Holtenau ist das anders: "Die Ostsee hat kaum Sedimente. Kiel ist die Karibik des Kanals."

Seit 1986 geht Nimz für das WSA Brunsbüttel in nahezu jedes Wasser, denn die Einsatzgebiete der sechs Taucher liegen nicht nur in der Schleusenstadt: Als 1998 vor Amrum der Holzfrachter "Pallas" auf Grund lief, waren sie dabei. Auch bei der Haverie der "Uno" im Sommer 2002 in Hochdonn stiegen Nimz und sein Team hinab. "Schiffshavarien sind spannende Tauchgänge - man weiß nie, was man zu sehen bekommt", sagt der Tauchermeister.

Und doch: Langweilig wird Nimz in der Schleuse nie, immer wieder findet er neue Sachen: "Fischernetze, Fender, sogar abgebrochene Propeller." In der Schleuse fühlt er sich zu Hause: "An diesen Wänden kenne ich mich besser aus, als in meiner eigenen Wohnung im Dunkeln." Wie oft er sie schon berührt hat, weiß er nicht. "Es ist Gewohnheit, wie für einen Klempner das Reparieren eines tropfenden Rohres", sagt Nimz.



 

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