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Wirtschaft

01. November 2014 | 00:29 Uhr

Energiewende : Vertreiben Biogasanlagen und Windparks die Touristen?

vom

Trotz der sichtbaren Folgen der Energiewende soll Schleswig-Holstein attraktiv bleiben. Kritiker befürchten, dass Biogasanlagen und Windparks abschreckend auf Touristen wirken. Denn "unser Hauptprodukt ist die Landschaft".

Heide | Erneuerbare Energien und Tourismus: Das gaben 2000 von den Industrie- und Handelskammern (IHK) befragte Unternehmer als wichtigste Zukunftsbranchen für Schleswig-Holstein an. Doch der Flensburger IHK-Hauptgeschäftsführer Peter-Michael Stein ist nicht der einzige, der ahnt: Beides auszubauen, wird kaum ohne Konflikte abgehen. In seinem Haus haben Touristiker bereits um Vermittlung gebeten, wenn ihnen eine Windmühle oder eine Biogasanlage auf die Pelle rückt. "Ein Entweder-Oder können wir uns dennoch nicht leisten", meint Stein. "Der Spagat muss gelingen", lautet sein Anspruch. Wobei darauf zu achten ist, lotete die IHK mit Vertretern beider Seiten auf einem Forum in Heide aus.
In Frage stellte die Energiewende dabei keiner, auch die Geschäftsführerin des Tourismusverbands Schleswig-Holstein, Catrin Homp, bekennt sich grundsätzlich dazu. Aber sie mahnt zu hoher Wachsamkeit bei der Umsetzung: "Wir müssen alles vermeiden, um unser Landschaftsbild vorschnell aufzugeben." Es sei für Schleswig-Holstein-Touristen ein noch wichtigeres Kriterium als für Urlauber anderer Zielgebiete. Das hätten Umfragen immer wieder bestätigt. Beim ausgeuferten Maisanabau für Biogasanlagen beklagt Homp ein "Politikversagen". Wenn die Windkraftflächen, wie gerade beschlossen, auf 1,7 Prozent der Landesfläche ausgedehnt sein werden - dann, so Homp, "wird die Belastungsgrenze in Teilregionen erreicht oder sogar überschritten sein". Einen noch größeren Störeffekt befürchtet sie durch neue Stromleitungen für den Abtransport der Offshore-Windenergie. Die Geschäftsführerin fordert, den Tourismus in die Interessenabwägung bei Planungsprozessen angemessen einzubeziehen.

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"Toleranzschwelle lieber nicht austesten"

Wirtschafts-Staatssekretär Ralph Müller-Beck (SPD) setzt sich dafür ein, "die Toleranzschwelle der Urlauber lieber nicht auszutesten". Er wies darauf hin, dass die Gästezahlen im Land zwischen den Meeren schleppender wachsen als im Bundesdurchschnitt und äußerte: "In der schwierigen Situation, in der wir uns touristisch befinden, müssen wir besonders darauf achten, keine Fehler zu machen." Allerdings sieht er auch Schnittmengen: Ein Brückenschlag zu den Erneuerbaren Energien könne ein Mittel sein, "um die Authentizität des Landes im Marketing nach außen zu stärken".
Energiewende-Staatssekretärin Ingrid Nestle (Grüne) wünscht sich Öko-Energien und Tourismus als "zwei Beine, die sich gegenseitig stark machen". Windräder, die mangels Stromleitungen zum Abtransport stillstünden, hätten bei Urlaubern ein schlechteres Image als solche, die sich drehen - auch wenn dazu eine neue Stromleitung hermüsse, die "vielleicht nicht so schön" sei. Zur Akzeptanz beim Urlauber trüge ihrer Einschätzung ebenfalls bei, wenn stärker kommuniziert würde, dass Windenergie aus Schleswig-Holstein pro Kilowattstunde drei Cent günstiger sei als im Bundesdurchschnitt.

Öko-Energie touristisch erleben

Für Nicole Knudsen vom Bundesverband Windenergie "überstrahlt die Symbolwirkung der Erneuerbaren die Beeinträchtigung". Da der Sektor in Schleswig-Holstein viel weiter entwickelt sei, sieht sie in der Werbung damit ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber Tourismus-Rivalen wie Mecklenburg-Vorpommern oder Bayern. Überfällig sei ein Web-Portal, dass Angebote zur touristischen Erlebbarkeit der Öko-Energie landesweit bündele.
Martin Lohmann, Psychologe und Leiter des Nordeuropäischen Instituts für Tourismus- und Bäderforschung (NIT) in Kiel, warnt jedoch: "Bei der Reiseentscheidung des Urlaubers kann man nicht von langen Abwägungsprozessen ausgehen. Viele sind gerade in den Ferien nicht auf Konsens gebügelt." Für ihn vertragen sich Erneuerbare Energien und Tourismus "eher nicht". Der Wissenschaftler sieht voraus: "In der Abstimmung vor Ort haben wir noch lange keine Einigkeit."

"Unser Hauptprodukt ist die Landschaft"

Auf die Emotionen bei der Reiseentscheidung weist auch Christian Schmidt, Geschäftsführer der Tourismusagentur Schleswig-Holstein (Tash), hin. Für ihn bleibt der Erneuerbare-Energien-Tourismus "ein Nischenprodukt - unser Hauptprodukt ist die Landschaft".
Gastgeber Stein möchte das Forum "als erste Dehnübung, die Schmerzen beim Spagat vermeiden hilft", verstanden wissen. Einig waren sich alle Diskutanten, dass eine gründliche Gästebefragung vonnöten sei, um herauszufinden, wie stark oder wenig sich Urlauber von einem Ausbau der Energieerzeugung abschrecken lassen. Staatssekretär Müller-Beck ließ Offenheit zur Finanzierung einer entsprechenden Studie erkennen. Um sie auf den Weg zu bringen, will die IHK die Beteiligten in Januar erneut einladen.

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erstellt am 18.Dez.2012 | 02:01 Uhr

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