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Wirtschaft

26. Oktober 2014 | 04:40 Uhr

Damp-Gruppe : 300 wollen gegen Entlassung klagen

vom

Mit unverminderter Härte geht der Tarifstreit zwischen Verdi und Helios um die Damp-Kliniken weiter. Inzwischen ziehen die ersten Betroffenen vor Gericht.

Flensburg/Kiel | Erst die Kündigungen in geblümten Briefumschlägen, jetzt ein Trauermarsch. Rund 600 Mitarbeiter und Angehörige folgten am Mittwoch dem Streikaufruf der Gewerkschaften am Standort Damp für die Zentrale Service Gesellschaft (ZSG) und des Therapiezentrums. Ganz in Schwarz folgte der wohl erste Trauermarsch in der Geschichte der Damp Holding einem Sarg, in dem die Mitarbeiter symbolisch ihre ZSG zu Grabe trugen.
An allen acht Standorten der Damp-Gruppe hatten am Freitag 1000 ZSG-Mitarbeiter ihre Kündigung bekommen. Die Begründung des neuen Eigentümers Helios, wegen der Streiks sei die Erbringung der Dienste nicht mehr gewährleistet, sei unglaublich und unerhört, machte Verdi-Funktionärin Ute Diercks deutlich. Die Kündigungen sei rechtsunwirksam, betonte Diercks - "das ist ein Präzedenzfall". Die Damp-Gruppe mit insgesamt 5600 Mitarbeitern in Kliniken, Reha sowie Tourismuseinrichtungen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern war kürzlich von der Helios-Klinik-Kette aufgekauft worden.
"Aber hier ist alles möglich"
"So geht man nicht mit Mitarbeitern um, viele sind über 20 Jahre im Betrieb, waren nie zu spät", fasste Ursula Goike vom ZSG-Betriebsrat in Damp ihre Fassungslosigkeit in Worte, "aber hier ist alles möglich". Die Kündigungen zerstörten Existenzen und Familien. So bekam eine dreiköpfige Familie - Vater, Mutter und Sohn - in einer Ostseegemeinde gleichzeitig ihre Kündigungen zu gestellt.
In Damp hatten 400 der rund 500 ZSG-Mitarbeiter die Kündigung bekommen. Gestern, Donnerstag und Freitag können sie im Streikbüro die Vollmachten zur Einreichung von Arbeitsschutzklagen abgeben. Verdi-Sprecher Frank Schischefsky bezeichnete die Situation als "grotesk". Im Streiklokal würden die Kündigungsklagen vorbereitet, während unweit davon Einstellungsgespräche mit den neuen Dienstleistern geführt würden. Verdi geht jedoch davon aus, dass fast alle Betroffenen die Möglichkeit einer Kündigungsklage nutzen. In Schleswig hatten das am Dienstag bereits rund 130 gemacht, in Damp waren es gestern etwa 150. Da bei den Arbeitsgerichten Flensburg und Kiel bereits Klagen vorliegen, könne es in zwei bis drei Wochen zu einem ersten Gütetermin kommen, sagte ein Gerichtssprecher in Kiel. Verdi kündigte auch für den Standort Hamburg (Endoklinik) Klagen an.
"Passt dieser Konzern zu uns?"
Hinsichtlich des Angebotes von Helios, 80 Prozent der entlassenen Mitarbeitern Angebote in neuen Servicegesellschaften anzubieten, riet Finn Petersen von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gastronomie, zur Vorsicht. "Unterschreibt nichts, lasst alle Verträge prüfen und gebt Euer Recht auf Streik nicht auf." Unterstützung sicherte auch die lokale SPD-Landtagsabgeordnete Serpil Midyatli den Streikenden zu. "Macht weiter so, wir sind bei Euch." Der Helios-Konzern wolle offenbar die soziale Marktwirtschaft durch Ausbeutung von Arbeitnehmern ersetzen, so ihr Eindruck. "Die Rendite wird erwirtschaftet auf dem Rücken von Personal und Patienten. Qualität und Ethik rücken in den Hintergrund", warnte die SPD-Politikerin. Die Rhön-Kliniken, die Helios als nächstes übernehmen will, müssen sich nach Ansicht von Midyatli in diesen Tagen fragen: "Passt dieser Konzern zu uns?"
Womöglich erübrigt sich die Frage allerdings. Auf dem heiß umkämpften Gesundheitsmarkt, der angeblich Renditen von 15 Prozent erwirtschaftet, behaken sich die Klinikketten mittlerweile untereinander. Der Helios-Konzern, der sich zum Ziel gesetzt hatte, die Rhön-Kliniken zu übernehmen sofern 91 Prozent der Aktionäre mitmachen, hat dieses Ziel offenbar verfehlt. Der Klinikbetreiber Asklepios - groß vertreten in Hamburg - hat über fünf Prozent der Rhönanteile aufgekauft. Andere Großaktionäre halten zehn Prozent. Damit dürfte die 3,1 Milliarden Euro teure Übernahme scheitern und Helios nicht wie geplant zum europaweit größten privaten Krankenhausbetreiber mit einem Umsatz von sechs Milliarden Euro aufsteigen. Donnerstagmittag verfügte Helios lediglich über 44,09 Prozent des Grundkapitals.
Ungeachtet dieser großen Börsenpolitik rufen Verdi und NGG für Sonnabend ab 12 Uhr zu einer Großkundgebung in Kiel auf. Bei der Schlusskundgebung am Anleger Reventou werden Verdi-Chef Frank Bsirske und NGG Vorsitzender Franz-Joseph Möllenberg erwartet.

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Kampf der Giganten
Nach der Übernahme der Damp-Kliniken plant die Fresenius-Tochter Helios derzeit den Kauf der Rhönkliniken für 3,1 Mrd. Euro. Helios versorgt bisher jährlich 2,7 Millionen Patienten in seinen 51 Akutkrankenhäusern, 24 Rehabilitationskliniken, 31 Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), fünf Reha-Zentren und zwölf Pflegeeinrichtungen. Die Klinikkette verfügt über 23000 Betten und beschäftigt 43000 Mitarbeiter. 2011 erwirtschaftete Helios einen Umsatz von 2,7 Milliarden Euro. Bei der geplanten Übernahme der Rhönkliniken mischt auch der Hamburger Asklepios-Konzern mit. Er verfügt über 140 Gesundheitseinrichtungen und hat 44000 Mitarbeiter. 2011 wurden 1,7 Millionen Patienten behandelt, 2,6 Milliarden Umsatz und 34 Millionen Euro Gewinn gemacht. Übernahmekandidat Rhön-Konzern hat 53 Kliniken (15000 Betten) sowie 38 MVZ. Rhön machte 2011 einen Umsatz von 2,63 Mrd. und einen Gewinn von 161 Mio. Euro.

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von
erstellt am 28.Jun.2012 | 01:41 Uhr

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