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Panorama

01. November 2014 | 10:36 Uhr

Studentenproteste : Polizeiperspektive der Proteste 1969

vom

Studenten protestieren vor dem Landesparlament in Kiel 1969. Ein Polizeivideo fasst den Einsatz aus der Sicht der Schutzkräfte zusammen.

Kiel | Der Filmausschnitt zeigt eine Studentendemonstration im Juni 1969 vor dem Schleswig-Holsteinischen Landtag in Kiel. Es handelt sich dabei um eine Einsatzdokumentation der Polizei. Eine Absperrung schützt die zu dieser Zeit noch übliche "Bannmeile" des Parlamentes: eine befriedete Zone, in der keine Demonstrationen stattfinden dürfen. An der Grenzlinie treffen Demonstranten und Polizei aufeinander, Demonstranten versuchen, die Bannmeile zu erstürmen. Die Polizei setzt Wasserwerfer ein.

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Die "68er" Studentenbewegung vor mehr als vierzig Jahren: Proteste und gesellschaftlicher Aufbruch kommen auch in der Provinz an, Aufbegehren gegen gesellschaftliche Konventionen, politische Machtverhältnisse und Missstände an Universitäten, gegen den Vietnamkrieg und gegen Manches mehr. Losgegangen war alles in den Metropolen Berlin, Frankfurt auch Hamburg: der Protest der "Außerparlamentarischen Opposition" (APO), die sich 1966/67 gegen die vermeintliche Allmacht der großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Außenminister Willy Brandt (SPD) formierte. Kurz zuvor hatte Georg Picht mit seinem Buch "Die deutsche Bildungskatastrophe" auf Versäumnisse im Bildungssektor hingewiesen: Der Zugang zu den Hochschulen war einer im europäischen Vergleich sehr kleinen Gruppe vorbehalten. Und die Binnenstruktur der Hochschulen galt als reformunfähig, "unter den Talaren der Muff von tausend Jahren", wie Hamburger Studierende mediengerecht formulierten. Außerdem gab es aufwühlende Themen wie den Vietnamkrieg, dessen Bilder täglich in die Tagesschau fanden: Seit 1965 bombardierten die Amerikaner mit Napalm, widerwärtigen Brandbomben, und verkauften ihr Engagement im Bürgerkrieg als freiheitlichen Kreuzzug gegen den Kommunismus! So war es kein Zufall, dass der SDS, der "Sozialistische Deutsche Studentenbund", 1966 in Berlin einen Kongress unter dem Titel "Vietnam - Analyse eines Exempels" durchführte.

Alles weitere in Schlagworten: die bürgerliche Tabus einreißende Kommune 1 in Berlin; die Demonstration am 2. Juni 1967 gegen den Schahbesuch, bei der ein Polizist den harmlosen Studenten Benno Ohnesorg erschoss; Rudi Dutschke, populärster SDS-Führer als Bürgerschreck im Fadenkreuz der Springerpresse, am 11. April 1968 niedergeschossen von BILD-Leser Josef Bachmann. Die Jugendproteste waren international: In Frankreich fanden, anders als in Deutschland, Studenten und Arbeiter zusammen, waren im Mai 1968 10 Millionen Menschen im Ausstand. Im August 1968 wurde in der Tschechoslowakei der Prager Frühling von Panzern des Warschauer Paktes niedergewalzt.

Anhänger der APO sahen zwischen all dem einen Zusammenhang. Sie übernahmen Theorieelemente des Marxismus und neigten zur "revolutionären Aktion". Ihnen imponierten Berufsrevolutionäre wie der gerade ermordete Che Guevara, der nordvietnamesische Ho-Chi-Minh oder Chinas Mao tse tung.

Der Aufbruch erreichte die Provinz, Kiel, aber auch Flensburg, Lübeck, Rendsburg und andere Orte. Das erste Sit-in ereignete sich im Juli 1967 vor dem Senat der Universität in Kiel, als Studierende die damals noch fast unter sich tagenden Professoren aufforderten, die neue Hochschulverfassung der Landesregierung abzulehnen.

Am 21. Oktober 1967 erlebte die Landeshauptstadt die erste Vietnamdemonstration. Kampagnen gegen Fahrpreiserhöhungen, Osterdemonstrationen, Reaktionen auf das Attentat auf Dutschke, Störungen von Gottesdiensten, gesprengte Vorstellungen im Opernhaus - die Unruhe drang in den Alltag der Provinz.

Verständnis fanden die Studierenden am ehesten bei Forderungen zur Hochschulreform. So heißt es im Leitartikel der Kieler Nachrichten am 9. Juni 1969, dem Tag der im Film gezeigten Demonstration vor dem Landeshaus: "Die Reform der deutschen Hochschulen ist überfällig. (...) Deswegen ziehen heute Tausende Studenten durch Kiels Straßen. Das müssen, das können wir als Bürger dieser Stadt vollauf verstehen." Die Landesregierung hatte dagegen in Zeitungsanzeigen gewarnt: "Studenten, Schüler und Eltern! Kein demokratischer Staatsbürger kann daran glauben, daß es sich am Montag nur um eine Protestkundgebung handeln wird, sondern muß erkennen, daß radikale Kräfte und ihre Rädelsführer von außerhalb die verfassungsgemäße Ordnung beseitigen wollen." Tags darauf aber berichtet die Zeitung lapidar: "Demonstration verlief weitgehend ruhig".

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erstellt am 22.Sep.2010 | 06:41 Uhr

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