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Panorama

03. September 2014 | 01:46 Uhr

Landleben : "Ob ein Volk am Leben bleibt..."

vom

Die Blut- und Boden-Ideologie der Nationalsozialisten wirbt 1938 in einem Propagandafilm für das Leben auf dem Land.

Meldorf | Der Ausschnitt aus dem NS-Propagandafilm "Neuland am Meer" von 1938 ist problematisch und sollte mit besonderer Distanz betrachtet werden. Sein Thema ist die nationalsozialistische Siedlungspolitik als Gegenmaßnahme zur Landflucht. Der Film ist eine von Nordmark-Film Kiel vorgenommene Umarbeitung des ebenfalls bereits propagandistisch angelegten Landgewinnungsfilms "Trutz Blanke Hans". Im Vergleich zum Ausgangswerk wird hier die nationalsozialistische Ideologie noch stärker zugespitzt: NS-Siedlungspolitik als Grundlage für "das Überleben" des deutschen Volkes, deutscher Boden als Basis ausreichender Ernährung, die "Sicherung für die Erhaltung und Mehrung seines gesunden und guten Blutes" als Bewährung im Behauptungskampf der Rassen.

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Während des Nationalsozialismus bestimmten die Blut- und Boden-Ideologie und Rückwärtsgewandtheit den Alltag in der Landwirtschaft. Die durch Familienbetriebe bestimmte Bauernschaft wurde überhöht und privilegiert, zugleich aber wirtschaftlich gegängelt. Während die deutsche Gesellschaft auch in der NS-Zeit - nicht zuletzt im Rahmen der Aufrüstung - wirtschaftliche und technologische Modernisierungsschübe vollzog, feierte sie bezogen auf das Landleben "die gute alte Zeit." Ein eigentümlicher Widerspruch, der aus ideologischen Vorgaben und krausen wirtschaftlichen Vorstellungen resultierte. Denn dass landwirtschaftlicher Bodenbesitz und Siedlungspolitik in dieser hochmodernen Industriegesellschaft über die Zukunft des deutschen Volkes entschieden, wie im Film behauptet wird, war schlichter Unsinn.

Die NS-Propaganda inszenierte das Leben auf dem Land als besonders erstrebenswert. Damit sollte auch der Landflucht, dem Streben der Menschen, in Städten Arbeit zu finden und zu leben, Einhalt geboten werden. Landflucht und Urbanisierung waren kein neues Phänomen; es begleitete die Industrialisierung seit ihrem Beginn. In Schleswig-Holstein gelang es, die Zahlen der nicht zu den Bauernfamilien gehörenden Arbeitskräfte in der Landwirtschaft relativ stabil zu halten; sie stiegen zwischen 1933 und 1939 sogar von 65 000 auf 69 000.

Gefeiert als "Blutquell" von arischer Rasse und deutscher Nation, organisiert als "Nähr- und Gebärstand" sollte die bäuerliche Bevölkerung mit ihrer Schollengebundenheit und jahrhundertealten Traditionen den tragenden Kern der NS-Volksgemeinschaft bilden. Das propagandistische Gegenbild zu diesem Bild eines einfachen, natürlichen und vorindustriellen Lebens auf dem Lande bildete das - angeblich - hektische, ungebundene, unübersichtliche und unsittliche Vegetieren im "Moloch Großstadt". Dort gefährdeten, so die Unterstellung, "Rassenmischung" und mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten für arische Kinder den "Volkskörper".

Diese kulturpessimistisch-gewalttätige Ablehnung des Neuen war Ausdruck von Verunsicherung im schnellen Wandel der modernen Welt. Viele Menschen flüchteten sich in romantische und harmonische Vorstellungen einer geordneten "guten alten Zeit".

Für die Propaganda ihrer Blut- und Boden-Ideologie entwickelten die Nationalsozialisten keine neuen, eigenen Gedanken. Sie bedienten sich aus dem Arsenal der Ideen, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in völkischen, rechtsradikalen und auch konservativen Kreisen gepflegt wurden. Es waren vor allem Leitbilder und Schlagworte, die Gefühle der Gemeinschaft und zugleich ausgrenzende Feindbilder mobilisierten: Rasse, Nation, Volk, Heimat und Scholle bildeten positive Elemente einer "sauberen" und "gesunden" Volksgemeinschaft. Ihre Kehrseite: Ein derart zusammenrückendes Volk würde auch mit seinen Feinden, nämlich anderen Völkern und Rassen, erfolgreich den "Lebenskampf" zu führen wissen.

Die Rückbesinnung auf eine "gute alte" ländliche Gesellschaft fand zusammen mit der Heroisierung alles Arisch-Nordischen einen fruchtbaren Boden in den gesellschaftlichen Strukturen auf dem Land und in den Kleinstädten Schleswig-Holsteins. Und das war ein bemerkenswert widersprüchliches Phänomen: trotz der industriellen Zentren wie Altona, Kiel, Lübeck, Neumünster, Flensburg, Itzehoe und Rendsburg die ausgeprägte Ablehnung von Industrie; am Ausgangspunkt der demokratischen Novemberrevolution 1918 die Ablehnung der parlamentarischen Republik; in einer Heimat mit historisch unklarer nationaler Zugehörigkeit - dänisch oder deutsch? - der starke Nationalismus.

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von Uwe Danker
erstellt am 22.Sep.2010 | 02:39 Uhr

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