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Panorama

27. November 2014 | 22:49 Uhr

Wachleute drohen mit Ausstand : Muss Brokdorf bei Streik vom Netz?

vom

Sicherheitsleute fordern eine soziale Lösung für die Zeit nach dem Abschalten der Kernkraftwerke. Für Verdi ist ein Ausstand wahrscheinlich. Notfalls so lange, bis der Meiler vom Netz muss.

Brokdorf | In seiner Freizeit ist er nicht gerne hier: Hartmut Rohde schaut skeptisch auf das Kernkraftwerk (KKW) Brokdorf (Kreis Steinburg). Und das nicht etwa, weil er ein Atomkraftgegner wäre, sondern weil er fürchtet, bald mehr Freizeit zu haben als ihm lieb ist. Rohde arbeitet im KKW - seit 26 Jahren. Und eigentlich hatte der Wachmann gehofft, dass es bis zu seiner Rente so bleibt. Doch seit die Bundesregierung den Atomausstieg beschlossen hat, rückt für den 51-Jährigen die Arbeitslosigkeit näher. "Und weil die Arbeitgeber sich gegen eine soziale Lösung sperren, werden wir auch weiter streiken, wenn es nötig ist", sagt Rohde. "Notfalls so, dass das Kraftwerk heruntergefahren werden muss."
Denn mit dem Ende des Kraftwerks im Jahr 2021 verlieren die über 100 Wachleute einer nach dem anderen ihren Job. "Für einen Rückbau werden immer weniger gebraucht", sagt Rohde. In den bereits abgeschalteten KKWs Krümmel und Brunsbüttel hat der Jobabbau schon begonnen. Doch die Wachleute wehren sich. "Es kann nicht sein, dass wir alle entlassen werden , denn für uns gibt es keine anderen Jobs", sagt Rohde über die rund 450 Sicherheitsleute, die in den drei schleswig-holsteinischen KKWs arbeiten.
Hungerlohn oder Hartz IV
Das Problem: Sie sind zu gut ausgebildet. "Praktisch jeder kann sich in Deutschland Wachmann nennen. Wir haben aber eine eigene Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit", sagt Rohde. Das sei gefordert gewesen, um überhaupt ein KKW bewachen zu dürfen. Dadurch liege die Bezahlung über den "Hungerlöhnen", die sonst in der Branche üblich seien. "Wenn ich in der freien Wirtschaft einen Job annehmen müsste, würde ich nur die Hälfte von dem verdienen, was ich jetzt habe", sagt der Vater von vier Kindern. Damit könnte er seine Familie nicht ernähren, wäre auf Hartz IV angewiesen. Und andere Jobs seien nicht in Sicht.
Seit über sieben Jahren kämpften die Wachleute deshalb mit dem Bundesverband der Sicherheitswirtschaft um Regeln zu Altersteilzeit, Umschulungen und einen Ausgleich für wirtschaftliche Nachteile bei Jobverlust - vor allem für jüngere Beschäftigte. Im Mai waren die Wachleute am KKW Brokdorf bereits in einen Warnstreik getreten, sollten die für November angesetzten Verhandlungen mit den Arbeitgebern scheitern, sollen weitere folgen. "Wir sehen nicht nur unsere Arbeitgeber, sondern auch die Energiekonzerne in der Pflicht. Wir haben über Jahrzehnte die Anlagen geschützt und unsere Kopf dafür hingehalten. Ohne uns könnten sie die Dinger gar nicht betreiben", so Rohde.
Sicherheit auch bei Streik
Auch die Arbeitgeber sehen die Gefahr, dass die KKWs bei Streiks abgeschaltet werden könnten. "Die Sicherheit muss durch die Betreiber auch bei Streiks weiterhin gewährleistet werden. Eventuell muss es dann zum Einsatz von Fremdpersonal oder Betreiberpersonal kommen", sagt Cornelia Okpara vom Bundesverband der Sicherheitswirtschaft. Sie hofft, dass es eine Einigung mit der Gewerkschaft gibt. Und sie sagt: "Die Mitarbeiter in KKWs gehören zu den bestausgebildeten Mitarbeitern der Sicherheitsbranche. Solche Mitarbeiter werden händeringend im Gewerbe gesucht. Mit gleicher Fortbildung wird ein Mitarbeiter an einem anderen Objekt nicht den gleichen Lohn erhalten, aber immer noch einen für das Gewerbe überdurchschnittlichen Lohn."
Falls es doch zum Streik kommt, hofft Okpara auf Notdienstvereinbarungen, die den Betrieb garantieren. "Wir werden Notdienstvereinbarungen anbieten, aber zu unseren Konditionen. Wenn die Energiekonzerne oder das Ministerium meinen, dass mit dieser Anzahl Wachleute die Sicherheit des Kraftwerkes gefährdet ist, dann muss Brokdorf eben heruntergefahren werden", sagt Hartmut Rohde.
Aus schon im Winter?
Doch wann passiert das? Aus dem Energiewendeministerium heißt es dazu: "Es gibt Mindestbesetzungen, aber wie stark sie sein müssen, geben wir nicht bekannt." Die Betreiber seien in der Pflicht, für die Sicherheit ihrer Anlagen zu sorgen. "Die Atomaufsicht wird im Rahmen ihrer Aufsichtstätigkeit streng darauf achten, dass dieser Pflicht von Seiten der Betreiber auch nachgekommen wird", erklärt Ministeriumssprecherin Nicola Kabel.
Hartmut Rohde, der Verdi auch in der Bundestarifkommission vertritt, hat ein weiteres Druckmittel in der Hand. In den kommenden Monaten beginnen die Verhandlungen für einen neuen Tarifvertrag. Und laufen die nicht zügig, könnten weitere Streiks drohen - und das KKW Brokdorf könnte im Winter erneut keinen Strom liefern.

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erstellt am 12.Sep.2012 | 01:07 Uhr

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