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Panorama

21. November 2014 | 19:56 Uhr

Experte zum Klimawandel : "Mehr Urlauber werden gen Norden reisen"

vom

Der Klimawandel treibt neue Touristen ins Land. Experte Professor Dr. Edgar Kreilkamp erklärt, warum er eine Chance für Schleswig-Holstein ist - und man ihn trotzdem aufhalten muss.

Herr Professor Kreilkamp, was erwartet uns angesichts des drohenden Klimawandels in Schleswig-Holstein?
Der Meeresspiegel wird ansteigen und es wird wärmer. Dazu prognostizieren Klimaforscher, dass der Sommer in Zukunft deutlich trockener, der Winter feuchter wird. Im Sommer können die Niederschlagsmengen bis zu 20 Prozent ab- und im Winter bis zu 20 Prozent zunehmen.
Für manchen Touristiker, der mehr Urlauber nach Schleswig-Holstein locken will, klingt das doch gar nicht schlecht, oder?
Auf den ersten Blick vielleicht. Denn wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass die Suche nach Sonne seit jeher einer der Hauptreisegründe ist. Laut einer Studie ist "Sonne und Wärme genießen" für 51 Prozent der Befragten sehr wichtig, ein gesundes Klima immerhin noch für 44 Prozent.
Also kann Schleswig-Holstein touristisch vom Klimawandel profitieren?
Wir haben zumindest festgestellt, dass andere Regionen im Vergleich für manche Urlauber unattraktiver werden. So fahren etwa immer mehr Schweizer nicht mehr ans Mittelmeer, weil es ihnen dort zu heiß geworden ist. Statt dessen wählen sie eher den viel weiteren Weg an die norddeutschen Küsten.
Und diese Touristen kommen auch immer wieder?
Wie alle Touristen wollen sie etwas geboten bekommen, am besten ein vielseitiges Angebot. Die meisten Urlauber legen Wert auf Natur, Kultur und Gesundheit. Wer gute Qualität bietet, etwa mit einer besonderen Hotellerie oder Appartements, hat gute Chancen, die Touristenströme einzufangen. Nur mit einem ausgebautem Dachgeschoss mit Omas Möbeln bekommt man aber keine neuen Gäste.
Birgt denn der Klimawandel nicht auch Risiken für den Tourismus im Norden?
Zunächst einmal setzt der Klimawandel ja langsam ein. Und er trifft andere Regionen härter. So bucht etwa heute kaum noch jemand lange im Voraus einen Winterurlaub im Harz. Da gibt es einfach keinen verlässlichen Schnee mehr, deswegen kommen mehr Tagesausflügler und spontane Kurzurlauber.
Aber besteht nicht die Gefahr, dass Schleswig-Holstein bald nichts mehr zu vermarkten hat, weil es unter Wasser steht?
Nein, nein. Natürlich wird es mehr Extremwetterlagen geben: mehr Starkregen, Unwetter, auch mehr Sturmfluten. Aber vor allem letzterem kann auf zwei Wegen begegnet werden: Zum einen sind die Deiche zu erhöhen, eine Aufgabe des Küstenschutzes. Zum anderen können diese Ereignisse touristisch genutzt werden, indem geschützte Sturmbeobachtungsstationen für Interessierte gebaut werden.
Das klingt gefährlich...
...noch ist es ja nicht so weit. Der Tourismus hat Zeit, sich auf den Klimawandel einzustellen. Deutliche Änderungen kommen erst ab 2030. Aber wir müssen auch im Tourismus den CO2-Ausstoß reduzieren und zu einer Verminderung der Folgen des Klimawandels beitragen. Was wir heute ändern, wird erst ab 2050 Auswirkungen auf den Klimawandel haben. Wir müssen alles daran setzen, den Klimawandel aufzuhalten.
Wenn die Leute wegen weniger CO2-Produktion weniger reisen und neue Energiebranchen mit Maisfeldern, Biogas-Anlagen und Windrädern die Landschaft im Norden prägen - sind das nicht negative Faktoren für den Tourismus?
Nicht unbedingt. Na klar: Wenn man Menschen fragt, ob sie es gut finden wenn in ihrer Urlaubsregion künftig viele Windräder stehen, dann antworten 95 Prozent mit Nein. Wir wissen aber auch, dass es Umfragen unter Urlaubern aus Regionen mit vielen Windrädern gibt. Und dort nennen die meisten Urlauber die Windkraftanlagen nicht einmal in der Kategorie: Mich stört...
Wird denn der Urlaub durch den Klimawandel teurer?
Möglich, vor allem weil in den touristischen Regionen Investitionen nötig sind. Da denke ich nicht mal an die Erhöhung der Deiche, sondern etwa an die bessere Dämmung der Urlaubsquartiere oder etwa die Ausflugsschiffe, die schadstoff ärmer werden müssen, um nur einige Punkte zu nennen.
Werden denn die Urlauber klimabewusster?
Ja, vor allem wenn es um die Entfernung zum Reiseziel geht. Schon heute zählen sich fünf Prozent der Deutschen zu den Kunden von Veranstaltern, die umweltverträgliche Reisen anbieten. Acht Prozent geben an, dass sie explizit Reisen buchen, die bestimmte Umweltstandards berücksichtigen. Dass zusätzlich über 20 Prozent der Deutschen künftig beim Buchen darauf achten wollen, lässt ein weiteres Wachstum dieses Marktes erwarten. Im übrigen: Junge Urlauber buchen eher nachhaltige Reiseangebote als ältere Reisende.
Was können die Tourismusorte tun, um ihrerseits das Klima zu schützen?
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es etwa eine Waldaktie. Touristen zahlen freiwillig einen kleinen Betrag, um den CO2- Ausstoß auszugleichen, den ihr Urlaub verursacht. Dafür werden Bäume gepflanzt. Zunächst dachten viele, das Konzept könne nicht funktionieren, jetzt wird es schon schwierig, Flächen für die neuen Wälder zu finden. Dazu passt, dass fast 90 Prozent der Bevölkerung fordert, dass Tourismusanbieter dazu beitragen sollen, die Auswirkungen auf den Klimawandel zu vermindern.
Also sind die Menschen auch bereit, für die Verhinderung des Klimawandels ihr Portemonnaie zu öffnen?
So pauschal würde ich das nicht sagen. Im Rahmen des Forschungsprojektes Kuntikum an unserer Universität, bei dem auch Urlauber aus Schleswig-Holstein befragt wurden, gaben zwar 74 Prozent an, dass sie Klimaschutz für eine "Bürgerpflicht" halten. Aber die Zahlungsbereitschaft ist dann doch wesentlich geringer.

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von
erstellt am 13.Aug.2012 | 07:53 Uhr

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