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Panorama

28. August 2014 | 09:04 Uhr

Krippenplätze : Kita-Landschaft unter Druck

vom

Was tun, um den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab August doch noch hinzubekommen? Wortführer von Kitas und Gemeinden in Schleswig-Holstein ringen um eine Lösung.

Kiel | Er gilt als dringend nötiger Hebel für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf - doch für viele Kommunen wird es eng, den Rechtsanspruch aller Unter-Dreijährigen auf einen Krippenplatz zum 1. August zu verwirklichen. Sozialministerin Kristin Alheit, die Spitzen von Gemeinde-, Städte- und Landkreistag sowie verschiedene Trägerverbände von Kinder tagesstätten wollen heute im Wissenschaftszentrum Kiel ausloten, wie sich das Ziel auf den letzten Metern noch retten lässt. Zwei der Beteiligten machen im sh:z-Streitgespräch deutlich, worum es geht: Günter Ernst-Basten von der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände und Jörg Bülow vom Gemeindetag.
Herr Bülow, aus den Reihen der kommunalen Spitzenverbände wird die Forderung laut, Kita-Standards vorübergehend aufzuweichen, um den Rechtsanspruch aller Eltern auf einen Platz erfüllen zu können. Würden Sie Ihre eigenen kleinen Kinder in eine Krippe geben, wo pro Gruppe möglicherweise 13 statt der eigentlich erlaubten zehn Kinder betreut werden, womöglich sogar ausschließlich von Auszubildenden?
Bülow: Meine Kinder sind ein und drei Jahre alt. Wichtiger als formale Kriterien waren für meine Frau und mich bei der Auswahl der Krippe, welchen Eindruck wir von den Personen, der Einrichtung selbst und ihrem Konzept gewonnen haben. Wie es um die Qualifikation im einzelnen bestellt ist, kann man als Außenstehender ja ohnehin nicht ohne weiteres einschätzen. Eine Betreuung ausschließlich durch Auszubildende fordert auch niemand im kommunalen Bereich.
Herr Ernst-Basten, sollen sich die Eltern also einfach nicht so haben mit bestimmten Anforderungen - Hauptsache, sie bekommen erstmal einen Platz?
Ernst-Basten: Nein, es ist elementar wichtig, dass in den Kitas Personal arbeitet, das weiß, was es tut. Kinderbetreuung ist ja nicht ein bisschen Betüddeln. Es geht um eine anspruchsvolle Bildungsaufgabe.
Was befürchten Sie, wenn Standards aufgeweicht würden, um den Rechtsanspruch auf Plätze für Unter-Dreijährige sicherzustellen?
Ernst-Basten: Einen Flurschaden bei den Beschäftigten in den Kitas. Wir ringen um Fachkräfte. Wenn man nun sagt, das können auch Leute mit egal welcher Ausbildung machen, wird dieser Beruf abgewertet und es unnötig erschwert, Auszubildende zu gewinnen.
Was bedeuten gesenkte Standards für die Kinder?
Ernst-Basten: Im Alter von zwei bis drei Jahren das Elternhaus zu verlassen, in eine Gruppe zu kommen, erste Erfahrungen mit Gleichaltrigen zu sammeln - das alles ist eine große Herausforderung. Wir wissen aus der Entwicklungspsychologie, dass dies die Phase ist, die Kinder am stärksten für ihr Leben prägt. Da Abstriche zu machen, halte ich für falsch. Erst recht, weil die soziale Entwicklung nirgendwo so stark von der Ausgangslage der Eltern abhängt wie in Deutschland. Deshalb geht es darum, dass von Kindesbeinen an gezielt gefördert werden kann. Wir wollen ja gerne helfen, dass der Übergang ohne ganz großen Aufschrei gelingt. Aber Voraussetzung ist ein klares Bekenntnis zu guten Standards.
Bülow: Man muss in der Debatte vor allem darauf aufpassen, dass die Betreuung in einer Kita und bei einer Tagesmutter im Grundsatz als gleichwertig betrachtet wird. Schon von der Masse her brauchen wir die Tagesmütter, um den Rechtsanspruch zu erfüllen. Sie sind nicht grundsätzlich schlechter, nur weil sie nicht über eine langjährige Ausbildung verfügen. Wir müssen diese Tätigkeit auch dadurch attraktiver machen, dass sie teilweise von Kommunen festangestellt werden. Mir stellt sich auch die Frage: Warum sollten nicht auch Betriebe viel stärker Tagespflegepersonen anstellen?
Möglicherweise deswegen nicht, weil es Aufgabe der öffentlichen Hand ist, den Rechtsanspruch zu erfüllen.
Bülow: Ja, aber wie ist dieser Rechtsanspruch zustande gekommen? Die Politik und die Kommunen stehen da vor allem unter dem Druck der Wirtschaftsverbände, die von morgens bis abends sagen: Wir wollen die Frauen im Beruf haben. Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass wir alles mit der staatlichen Hand erledigen können.
Herr Ernst-Basten, sehen Sie die Tagespflege als gleichwertig an?
Ernst-Basten: Tagespflegepersonen können selbstverständlich auch angemessen mit Kindern umgehen. Aber Sie benötigen dafür eine Qualifizierung, darüberhinaus müssen sich auch Tagepflegepersonen einer Qualitätskontrolle stellen. Aber grundsätzlich sind das Äpfel und Birnen, die kann man nicht vergleichen. Natürlich ist es ein qualitativer Unterschied. Standards für eine Krippe sind strikter und fester. Dem Bildungsauftrag und der Sprachförderung der Kita wird man nur mit einer gründlichen Ausbildung gerecht. In der Schule unterrichten ja auch keine Lehrer, die das nicht gelernt haben.
Bülow: Geborgenheit und kindgerechtes Spielen sind bei kleinen Kindern wichtigere Aspekte als die Frage, ob sie schon besondere sprachliche Qualifikationen erwerben. Der Punkt in der Notsituation, in der wir uns möglicherweise bald befinden, ist doch nicht: Kann das Kind schon vor der ersten Klasse lesen und schreiben? Sondern: Kann die Mutter ihre Arbeit wiederaufnehmen?
Sind es allein Ressourcenfragen, die den Ausbau der Kinderbetreuung hemmen?
Bülow:
Es gibt auch bürokratische Hindernisse, die den Alltag erschweren. Ein Erlass des Landes macht es fast unmöglich, eine Gruppe Über-Dreijähriger vorübergehend auf über 25 Kinder aufzustocken. Das Problem entsteht dort, wo ein Kind im Frühjahr drei wird und aus der Krippe in die Gruppe der Größeren wechseln kann. Dort werden die Plätze natürlich erst zum Jahreswechsel frei. Wir müssten deshalb dann eine Gruppe für wenige Monate vergrößern. Weil das schwierig ist, wird der Platz in der Krippe nicht sofort frei.
Herr Ernst-Basten, die Kita-Träger haben moniert, die "aktuellen Beiträge der kommunalen Spitzenverbände" seien "nicht dazu angetan, die Lage zu entspannen". Was außer der Begeisterung über Tagesmütter stoßen Ihnen denn noch übel auf?
Ernst-Basten: Man hört vom Krippen-Sharing, also davon, dass sich mehrere Kinder einen Betreuungsplatz teilen. Eine ständig wechselnde Gruppenbesetzung halten wir aus pädagogischen Gründen für falsch. Insbesondere so kleine Kinder sind auf feste Beziehungen angewiesen, sowohl bei den Bezugspersonen als auch in der Kindergruppe. Man hört Stimmen, dass verstärkt auch nicht so gut ausgebildetes Personal tätig sein könne. Am plakativsten ist das schwedische Modell von Kita-Bussen, wie es ins Gespräch gebracht worden ist. Kinderbetreuung ist doch keine Fahrbücherei.
Bülow: Ich warne davor, von vornherein Ideen für einen Notfallplan auszuschließen wie etwa Busse. Wir werden uns das in Schweden nochmal vor Ort angucken, als mögliches Modell für eine Übergangsphase. Platz-Sharing hingegen sehe ich nicht nur als Notfallplan. Es gibt doch in der Tat Eltern, die nur zwei halbe Tage Betreuung brauchen, etwa, weil sie einen Teilzeitjob haben oder teilweise Personen aus der Familie auf die Kinder aufpassen. Warum ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen?
Herr Ernst-Basten, hilft Ihre Forderung nach hehren Standards weiter, während die Verantwortlichen bis zu den Knien im Wasser stehen und weitere Fluten über sie hereinbrechen?
Ernst-Basten: Erstmal ist festzustellen, dass es ja einige Kommunen gibt, die schon viel mehr geschafft haben. Die haben da Prioritäten gesetzt.
Bülow: Für alle Kommunen hat das Thema seit mindestens fünf Jahren eine oberste Priorität. In Schleswig-Holstein wurden seit 2008 8000 neue Krippenplätze geschaffen. Das ist der zweitbeste Platz unter den westdeutschen Flächenländern. Die enormen Kosten führen übrigens dazu, dass die Gemeinden und Städte andere Aufgaben vernachlässigen müssen, von der Straßensanierung über Schulbauten bis zu kulturellen Angeboten.
Bei aller Würdigung der Kraftanstrengung - aber es reicht ja nicht.
Bülow: Wenn es in einigen Gemeinden zum 1. August nicht genügend Plätze geben sollte - dann liegt das daran, dass die Nachfrage sehr viel stärker gestiegen ist als es die Politik bei Beschluss des Rechtsanspruchs 2008 eingeschätzt hat. Da ging man von einer Nachfrage für ungefähr 35 Prozent eines Jahrgangs aus. Es zeichnet sich ab, dass der Bedarf vor allem in städtischen Regionen deutlich höher sein wird. Molfsee bei Kiel etwa rechnet sogar mit 80 Prozent.
Ernst-Basten: Wir spüren, dass Anstrengung da ist. Aber beim Tempo ist der Abstand zwischen vielen Ländern relativ gering. Wenn wir die Nachfrage bewältigen wollen, brauchen wir auf Landesebene ein Bündnis - also zwischen den Trägern einer- und den Städten und Gemeinden andererseits. Als Dritter muss das Land mit an den Tisch. Nennen Sie es einen gemeinsamen Fahrplan. Ich schlage dafür folgende Punkte vor: Erstens: Wir stehen zu dem Ziel eines qualitativ hochwertigen Angebots und wollen dieses ausbauen. Zweitens: Wir stehen dazu, dass Qualitätseinschränkungen in diesem Regelangebot nicht stattfinden. Drittens: Wir sind bereit, auf dieser Grundlage vor Ort Lösungen zu finden.
Besteht nicht ein Risiko, dass das nur Wortgeklingel bleibt? Was bewirkt es?
Ernst-Basten: Wir sind in einer Phase, in der viel Unsicherheit besteht. Es herrscht eine große Angst in der Kita-Landschaft davor, dass sich der Druck auf die Regelleistungen weiter erhöht. Wir müssen diesen Druck nehmen, und das geht mit einem längerfristigen Bündnis. Auf so einer Grundlage kann man von Fall zu Fall wieder ganz viel machen. Lösungen entstehen immer erst dann, wenn sich Menschen vor Ort darauf einlassen, einen Weg zu gehen. Unser Job auf der Landesebene ist es, dafür Rahmenbedingungen zu schaffen und in die eigenen Mitglieder hineinzuwirken und zu sagen: Macht da mit.
Herr Bülow, was halten Sie von Herrn Ernst-Bastens Vorstoß für eine landesweite Zielvereinbarung?
Bülow: Wir können uns auf die drei Punkte von Herrn Ernst-Basten sofort einigen, wenn wir auch akzeptieren, dass die Tagesmütter keine grundlegend schlechtere Betreuungsform darstellen.
Herr Ernst-Basten, ist Tagespflege in einem bestimmten Umfang für Sie vielleicht doch okay?
Ernst-Basten: Ich kann es gut verstehen, wenn Eltern, die keinen Krippenplatz finden und die deshalb unter Druck sind, zunächst lieber ein Tagespflegeangebot in Anspruch nehmen als mit der Kommune um den Rechtsanspruch für einen Krippenplatz zu streiten. Insgesamt stellen wir fest, dass Eltern eher die Verlässlichkeit einer Institution suchen und die Qualität in den Kitas schätzen. Wir begrüßen es, wenn es sich bei der Tagespflege um ein Angebot in Zusammenarbeit mit einem fachlich anerkannten Träger handelt. Wir sind bereit, an pragmatischen Wegen zur Gestaltung des Übergangs mitzuarbeiten. Bei einer konzertierten Aktion sind wir dabei.
Bülow: Ich hoffe, dass sich noch eine Reihe von Ideen entwickelt. Wichtig ist auch, dass die Kommunen noch mehr ihre Rolle als Spinne im Netz, als Kommunikator entdecken. Dass sie zum Beispiel alle bei den Trägern vorliegenden Anmeldungen zusammenfassen und koordinieren, auch, um Doppelanmeldungen festzustellen. Ebenso sollten die Kommunen die Tagesmütter in ihrem Einzugsgebiet systematisch koordinieren, ihnen etwa einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch ermöglichen und Vertretungsmöglichkeiten organisieren helfen. Dieser Ansatz ist noch nicht überall ausgeschöpft. Das ist auch ein Stück Qualitätssicherung.
Nun wird über einen eklatanten Mangel an Erzieherinnen und Erziehern geklagt. Scheitert ein Rechtsanspruch auf alle Kinder unter drei Jahren nicht spätestens daran?
Ernst-Basten: Der Bedarf an zusätzlichen Erzieherinnen und Erziehern in Schleswig-Holstein wird in der Tat auf 300 bis 400 geschätzt. Andererseits haben wir 2000 arbeitslose Erzieher und Menschen in anderen pädagogischen Berufen. Deren Rückkehr scheitert vielfach aus gesundheitlichen Gründen. Die Kita-Arbeit ist echt anstrengend.
Wenn Sie das sagen, schrecken Sie weitere Ausbildungswillige erst recht ab.
Ernst-Basten: Das ist ein kommunikatives Dilemma. Einerseits müssen wir deutlich machen, dass es um die Arbeitsbedingungen vielfach schlecht bestellt ist, damit sie sich verbessern. Tatsächlich ist der Betreuungschlüssel häufig schlechter als der offizielle. Anderseits müssen wir deutlich machen, wie erfüllend diese Arbeit mit Kindern ist.
Ist der Personalmangel nicht auch ein Stück hausgemacht durch die Kitas, weil die keine besseren Löhne zahlen?
Ernst-Basten: Wir bezahlen das, was refinanziert ist, durch das Land, die Kreise, Städte und Gemeinden und die Eltern über ihre Gebühren.
Bülow: Ich möchte an dieser Stelle mal auf den Streik in vielen kommunalen Kitas vor knapp zwei Jahren verweisen, der immerhin zu einer deutlichen Anhebung der Tarife geführt hat. Es hat aber gewiss nicht zu einem besseren Image des Berufs beigetragen, dass die Gewerkschaften wochenlang die körperliche, seelische und Lärmbelastung zum Gegenstand der öffentlichen Auseinandersetzung gemacht haben. Deshalb sind wir alle miteinander gut beraten, positiv über diesen Beruf zu reden.
Ernst-Basten: Deshalb plädiere ich ja für eine längerfristige, gemeinsame Strategie.

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von Frank Jung
erstellt am 28.Feb.2013 | 04:10 Uhr

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