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Panorama

30. Oktober 2014 | 23:52 Uhr

Kieler Segelregatten : "Großkampftag auf der Kieler Förde"

vom

11. Olympische Segelwettkämpfe 1936 in Kiel: Die Nationalsozialisten lassen sich in den Medien als weltoffen feiern.

Kiel | Im August 1936 fanden die 11. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit statt. Aus aller Welt kamen junge Menschen, um sich im Sinne des Olympischen Gedankens "ohne Unterschied der Rasse, Religion oder Weltanschauung zu einem friedlichen, sportlichen Wettstreit" zu vereinigen. Austragungsort war mit Berlin und Kiel ausgerechnet Deutschland, wo dreieinhalb Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Unterscheidungen in Rasse, Religion und Weltanschauung gewalttätige Staatsdoktrin waren, politisch Andersdenkende und Minderheiten verfolgt wurden. Auch die Außenpolitik des Dritten Reiches widersprach dem olympischen Gedanken: Von Friedfertigkeit und Völkerverständigung konnte keine Rede sein.

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Die Aufnahmen drehte die Kieler Firma Nordmark-Film im Jahr 1936 wohl als Material für eine "Wochenschau". Der Filmausschnitt preist die Kieler Förde als "schönstes Segelrevier der Welt". Kiel zeigt sich festlich geschmückt; neben olympischen Fahren und vielen Staatsflaggen beherrschen Hakenkreuzfahnen das Stadtbild. Der Ausschnitt endet mit dem Empfang des internationalen Organisationskomitees am Bahnhof.

Die Olympischen Spiele der Neuzeit hatte der Franzose Baron Pierre de Coubertin (1863-1937) angeregt, dabei antike Ideen in die Gegenwart übertragen. 1896 fanden die ersten Spiele der Neuzeit in Athen statt. 1912 entschied sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) für Deutschland als Austragungsort der geplanten Olympischen Spiele 1916. Auf Grund des Ersten Weltkrieges fielen sie aus, nach Kriegsende verbot 1920 und 1924 zunächst der Versailler Friedensvertrag eine deutsche Teilnahme. Diese "Demütigung" hat dazu beigetragen, dass die politische Rechte den Olympischen Spielen sehr skeptisch gegenüberstand. Das Ideal des friedlichen sportlichen Wettkampfes widersprach auch den Vorstellungen der Nationalsozialisten. Im Übrigen hatten die unsportlichen NS-Führer Hitler, Göring und Goebbels überhaupt kein Verhältnis zum Sport. Erst nach der Machtübernahme entdeckten sie diese Form der Freizeitgestaltung, des Leistungsvergleichs und der Gesundheitsvorsorge für ihre Ziele. Und Hitler persönlich entschied 1933, dass es bei der 1931 erreichten Entscheidung für Deutschland als Austragungsort 1936 bleiben solle: der NS-Staat ließ sich diese internationale Propagandachance nicht entgehen.

Außerhalb der olympischen Funktionärsriegen bildete sich eine internationale Boykottbewegung. - Vergeblich, in Sportkreisen bröckelte es schnell. Und die NS-Führung beschwichtigte mit geschickten Symbolen: So wurde die nach den Nürnberger Rassegesetzen als "Halbjüdin" gekennzeichnete Olympiasiegerin von Amsterdam, Helene Mayer, demonstrativ in die deutsche Mannschaft aufgenommen. Man entfernte peinliche Schilder mit Aufschriften wie "Juden unerwünscht". Deutschland und seine Austragungsstätten sollten sich von der feinen, toleranten Seite zeigen. Man wollte die Welt täuschen; weitgehend gelang das auch.

Kiel, bei Seglern aufgrund seiner "Kieler Woche" international geachtet, erhielt einen neuen Segelsporthafen am Hindenburgufer. Planer und Gestalter der Ausschmückung Kiels wurde Professor Blazet von der Kieler Kunstgewerbeschule. Die Organisation verantwortete die Kriegsmarine. Am 4. August starteten die ersten Regatten. Segler aus 27 Nationen kämpften "Mann gegen Mann", wie die Flensburger Nachrichten berichteten. Die Sprache der deutschen Berichterstattung gab sich militärisch und bombastisch: Ein "Großkampftag auf der Kieler Förde" fand nach dem anderen statt, der Starbootsegler Bischof und sein Vorschotmann Weise gewannen Gold für Deutschland, ausgerechnet "in Anwesenheit des Führers"; dessen Besuch am 10. August galt ohnehin als "Höhepunkt der Olympischen Segelwettkämpfe".

Zum Abschluss traten sie alle an, die Segler aus 27 Nationen. Mit ihnen, so die Zeitungen Schleswig-Holsteins in ihren Berichten, "Formationen der Partei und ihrer Gliederungen" sowie "Ehrenabteilungen der Kriegsmarine und Luftwaffe": "Unter dem Donner eines Salutschusses wird die olympische Flagge eingeholt, gleichzeitig erlischt im Mastkorb der Kogge das olympische Feuer. Der letzte Gruß gilt dem Führer, auch die Ausländer stimmen begeistert mit in den Gruß an den Schirmherren der elften Olympischen Spiele mit ein." - Die Stadt kehrte nach dem Ende der Spiele zur Tagesordnung zurück und holte die abgehängten Schilder wieder heraus.

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erstellt am 25.Sep.2010 | 01:59 Uhr

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