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Panorama

23. Dezember 2014 | 06:04 Uhr

"Street View"-Alternativen : Beschattung von oben

vom

Nicht nur Google & Co. fotografieren unsere Häuser und Grundstücke. Der eifrigste Sammler von Geodaten ist der Staat, der die Bilder sogar verkauft.

Kiel | Der Google-Kartendienst "Street View" erregt seit Wochen die Gemüter. Was viele nicht wissen: Vergleichbare Systeme gibt es schon lange, ohne dass sich jemand daran stört. So bietet die Deutsche Telekom über telefonbuch.de einen Dienst an, bei dem der Nutzer nicht nur die Telefonnummer suchen kann, sondern zugleich eine Lagekarte des Wohnortes präsentiert bekommt - entweder als Luftbild oder als Blick aus der Vogelperspektive. Anders als zum Beispiel Google Maps, bei dem die Straßenzüge fast senkrecht fotografiert wurden und der Betrachter bisher im Internet meist nur die Dächer der Häuser sieht, kann man bei telefonbuch.de die Gebäude aus allen vier Himmelsrichtungen betrachten. Für Diebe ist es sehr viel leichter sich zu orientierten, weil durch die verschiedenen Betrachtungsachsen Terrassentüren und Hintereingänge sichtbar werden. Zudem ist die gefürchtete Verknüpfung von persönlichen Daten (Telefonnummer und Anschrift) mit Kartenmaterial - also der Hausansicht - hier schon Realität. Mit " Street View" wird es nur in den seltensten Fällen möglich sein, in den Hinterhof fremder Menschen zu blicken. Mit telefonbuch.de und auch mit Google Maps ist dieser Einblick in die Privatsphäre schon seit Jahren möglich.
Während bei "Street View" die ersten 20 Großstädte erst Ende November ins Netz gestellt werden, präsentiert die Kölner Firma Panogate mit "Sightwalk" bereits seit Monaten Panorama-Fotos von sieben deutschen Städten: Berlin, München, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Stuttgart oder Bonn. Auch beim Straßenstriptease von "Sightwalk" blieben große Datenschutzdebatten bisher aus. Erstaunlich, denn der Kartendienst beschränkt sich zwar auf 360-Grad-Ansichten von Innenstädten, dafür wurden aber auch Parks von den Kameras erfasst, die bei Google nicht erscheinen.
Der Staat fotografiert alles aus Flugzeugen
Der eifrigste Sammler von sogenannten Geodaten ist jedoch der Staat. Seit Jahren fliegen Flugzeuge - ausgerüstet mit hochauflösenden Kameras auch über Schleswig-Holstein und nehmen im Auftrag der Landesregierung jedes Detail in den Fokus. "Alle zwölf Monate wird so etwa ein Fünftel der Landesfläche erfasst", bestätigt das Landesvermessungsamt in Kiel. Die Liegenschaftsbehörden nutzen Satellitenbilder, um ihre registrierten Gebäudevermessungen mit der Realität abzugleichen. Jeder schwarz gebaute oder nicht eingemessene Schuppen ist auf den Bildern zu identifizieren. Die Folge: In den vergangenen Monaten wurden massenhaft Gebührenbescheide verschickt.
Pionier dieser Überwachung vom Himmel aus war das Landwirtschaftsministerium, das Subventionsbetrug bei der Stilllegungsprämie mit Hilfe der Satellitenüberwachung verhindern wollte. Inzwischen sind nicht nur die Liegenschaftsbehörden auf den Zug aufgesprungen. In Niedersachsen zum Beispiel wurden von einer Kommune Wärmebilder von allen Häusern erstellt, um deren Wärmeverluste zu erkennen. Andere Gemeinden berechnen die Regenwasserabgaben anhand der "von oben" ermittelten versiegelten Grundstücksflächen. Und bundesweit lassen Kommunen so genannte "Solarkataster" erstellen. Dazu werden Siedlungsgebiete aus dem Flugzeug flächendeckend fotografiert und die Dächer mit Laserstrahlen vermessen. Anschließend wird farblich dargestellt, wie gut oder schlecht jedes einzelne Dach für die Erzeugung von Solarstrom geeignet ist. Banken, Sparkassen und Handwerksbetriebe reiben sich schon die Hände, da die Karten - wie zum Beispiel in Hamburg - im Netz stehen und eine direkte Kundenansprache möglich wird. Auch in Kiel ist solch ein Kataster derzeit in Vorbereitung (Kostenpunkt 91.000 Euro). Hier freut sich die Grüne Rathausfraktion, dass "unsere Initiative beim regionalen Handwerk sichere Arbeitsplätze schaffen wird".
140.000 Euro für Geodaten auf DVD
Staatliche Institutionen betreiben sogar einen schwunghaften Handel mit Luftbildern und Daten und sehen in deren Verknüpfung eine riesiges Wirtschaftspotenzial. "Auch wenn Unternehmen diese Daten kommerziell nutzen, ist dies im Sinne des Erfinders, wenn damit Wachstum geschaffen und Innovation gefördert wird", heißt es auf der Seite des Bundesinnenministeriums. So verkaufen die Landesvermessungsämter für jedes Haus in Deutschland die Koordinaten bis auf den Zentimeter genau. "Die GPS-Daten für alle Häuser - die Basis des Geomarketings - kommen auf zwei DVDs und kosten 140.000 Euro", berichtete der Wissenschaftsjournalist Max Rauner schon 2007.
Und auch das Kraftfahrtbundesamt (KBA) in Flensburg bot bis 2007 mikrogeografische Auswertungen des Fahrzeugregisters gegen Kostenerstattung an. Dabei wurden jeweils rund 20 Haushalte zusammengefasst, über die das KBA verrät, welche Automarken sie fahren, wie viele Neu- und Gebrauchtwagen vorhanden sind und wie viel PS die haben. Genutzt wird das unter anderem, um Streuverluste bei Werbeaktionen zu vermeiden - aber auch, um das sogenannte Geoscoring zu verfeinern. Dabei wird die Kaufkraft und die Zahlungsfähigkeit von Bürgern nach Wohnort gewichtet.
Heiligt der Zweck die Mittel?
Dieselben Politiker, die sich derzeit als Datensheriffs feiern und vor ihren Häusern als Gegner von "Street View" ablichten lassen, haben offenbar nichts dagegen, wenn öffentliche Stellen Luftbilder machen und sie der Wirtschaft zum Ausschlachten, zum Beispiel für das Geoscoring oder Solarkataster, zur Verfügung stellen. Hier stellt sich die Frage: Heiligt der Zweck etwa die Mittel?
"Eine Besonderheit von Geodaten ist, dass diesen praktisch immer ein latenter Personenbezug anhaftet", erklärt Schleswig-Holsteins Datenschützer Thilo Weichert. Für ihn stellt die Beschattung von oben ein zunehmendes Problem dar. "Sämtliche Satellitendaten sind georeferenziert", erläutert er. Sie könnten auf Adressen bezogen werden, was mit Hilfe weiterer soziodemographischer Daten eine "Individualisierung" der Informationen ermögliche. "Durch Fotos ab einer Pixelgröße von 40 Zentimetern und gröber werden in der Regel keine schutzwürdigen Belange verletzt", so Weichert. Googel Maps und die Micosoft-Fotos bei telefonbuch.de haben eine Pixelgröße von etwa 20, "Street View" von zwei bis vier Zentimeter. "Auch deshalb ist die Aufregung über den neuen Google-Dienst so groß", meint der Datenschützer. "Street View" sei jedoch vor allem aus psychologischen Gründen derzeit in der Schusslinie: "Schlimm ist für die Leute nur, was sie sich vorstellen können". Bei "Street View" sei das sehr konkret. Eine Vorstellung davon, wieviele Daten wirklich von jedem Bürger verfügbar seien und was damit machbar sei, "haben jedoch nicht einmal die Politiker, die jetzt Kontrollgesetze verabschieden wollen", so Weichert.

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erstellt am 11.Okt.2010 | 04:29 Uhr

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