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Panorama

25. Oktober 2014 | 19:29 Uhr

Unfall-Statistik : Auf dem Fahrrad sind Kinder in Gefahr

vom

Elf- bis 14-Jährige sind am häufigsten an Unfällen beteiligt - viele davon sind Rad-Unfälle. Doch die Landesverkehrswacht muss sparen und fährt die Präventionsarbeit der Polizei an Schulen zurück.

kiel | Dass Kinder in Schleswig-Holstein als Radfahrer einer um zwei Drittel höheren Unfallgefahr ausgesetzt sind als wenn sie zu Fuß gehen - das überrascht Elisabeth Pier, Geschäftsführerin der Landesverkehrswacht, nicht. "Schleswig-Holstein ist ein Land, in dem Heranwachsende mehr Rad fahren als anderswo", sagt die Expertin zum Atlas zur Gefährdung von Kindern im Straßenverkehr, den die Bundesanstalt für Straßenwesen gestern vorgestellt hat. "Schon die flache Topographie gibt dies her, aber auch die vielfach ländliche Prägung mit ihren langen Wegen zu Schule und Freizeitaktivitäten."
Dass das Risiko im Norden bundesweit am größten ausfällt, hängt laut Einschätzung Piers auch mit den "deutlich zurückgehenden öffentlichen Mitteln zur Prävention" zusammen. "Dementsprechend sind auch unsere Maßnahmen zur Vorbeugung von Unfällen rückläufig." Vier Jahre in Folge habe das Land seine Zuschüsse um jeweils 15.000 Euro gekürzt. Im laufenden Jahr gab es noch 71.000 Euro. Und das, obwohl die Landesverkehrswacht zusätzlich die einst vom Land teils direkt geleistete Prävention zur Verkehrssicherheit übernommen habe. Im Regierungsapparat selbst sei von einst vier Planstellen nur noch eine übrig, deren Inhaber zudem noch andere Aufgaben habe. "Wir mussten an der Substanz kürzen", sagt Pier.

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Helme gelten immer noch als uncool

Zurückgefahren hat die Landesverkehrswacht zum Beispiel ein Projekt, bei dem Erst- und Zweitklässler in Turnhallen den sicheren Umgang mit dem Fahrrad lernen. "Das ist besonders wichtig, damit sich die Kinder später in der vierten Klasse bei der Vorbereitung auf die Fahrradprüfung auf den Verkehrsraum konzentrieren können." Um aber den Turnhallenboden nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, werden dafür pro Schule 15 Räder mit weißen Reifen angeschafft. Kostenpunkt: 3000 Euro. Gerade mal fünf Schulen könnten damit noch ausgestattet werden - die Warteliste umfasst 20 Interessenten mehr. Aktionen zum sicheren Radfahren auf Stadtfesten können laut Pier kaum noch stattfinden. Nahezu auf Null gefahren werden musste ein Projekt, bei dem Kinder erleben können, wie groß für einen Lkw-Fahrer der "tote Winkel" ist.
Eine Studie der Arbeitsgemeinschaft für Angewandte Geographie und Raumplanung an der Kieler Universität nimmt die in Schleswig-Holstein besonders tückischen Fahrradunfälle genauer unter die Lupe. Danach wird die Gruppe der Elf- bis 14-Jährigen mit Abstand am häufigsten in derartige Vorfälle verwickelt. "Da kommen die Kinder in die Pubertät, das ist das Alter, wo man sich ausprobiert", interpretiert die Geschäftsführerin der Landesverkehrswacht die Zahl. Bis zu zwölf Jahren wird der Uni-Studie zufolge noch fleißig ein Helm getragen. Ab 13 Jahren nimmt dies massiv ab. Es gelte schlicht "als uncool", gaben die meisten Befragten an. Dabei ziehen laut Erkenntnis der Kieler Geographen immerhin 20 Prozent aller Radunfälle von Kindern und Jugendlichen eine Kopfverletzung nach sich. In 47,5 Prozent der Radunfälle von Heranwachsenden ist nur der Radfahrer selbst verwickelt. In 24,4 Prozent der Fälle gibt es als Unfallgegner einen zweiten Radfahrer, bei 22,2 Prozent einen Autofahrer und in 3,8 Prozent einen Fußgänger. 77 Prozent der Zwischenfälle ereignen sich bei Tageslicht, 15 Prozent in der Dämmerung und 7,7 Prozent bei Dunkelheit. 59 Prozent fanden auf gerader Strecke statt, 22 Prozent in Kurven, 15 Prozent auf Kreuzungen.

Zu schnelles Fahren

In dem hohen Anteil der nur vermeintlich harmlosen geraden Strecke stecken nach Einschätzung des Landespolizeiamts in einem hohen Maß Zusammenstöße mit Autos an Ein- und Ausfahrten. "Nicht angepasste Geschwindigkeit sowohl von Rad- als auch Autofahrern steht dabei als Ursache im Vordergrund", weiß Stephan Steffen, Spezialist für verkehrs orientierte Prävention der Kieler Behörde. Er vermutet, dass die Dunkelziffer bei Fahrradunfällen gegenüber den amtlichen Zahlen um das Vierfache höher ist. Oft würden die Ordnungshüter aus Furcht vor einem Bußgeld nicht hinzugezogen. Die Größenordnung reiche bis zu 130 Euro.
Als einen weiteren Faktor, der die Statistik gerade in Schleswig-Holstein nach oben treibt, bringt Steffen den überdurchschnittlich hohen Anteil von Radurlaubern auch im jungen Alter ins Spiel. Egal, ob auf dem Sattel, zu Fuß oder als Mitfahrer im Auto: Als besonders unfallträchtig im Alltag der Heranwachsenden gilt der Schulweg. Die Landesunfallkasse, bei der aus Versicherungsgründen sämtliche Schulwegunfälle gemeldet werden, verzeichnete 2011 7159 Fälle.

Neumünster schneidet schlecht ab

Steffen betont: Immerhin habe man erreicht, dass die Polizei an der Verkehrserziehung in den Schulen überhaupt langfristig mitwirkt. Dafür sah es nach Informationen des sh:z vor kurzem noch schlecht aus. Jetzt befindet sich im Ministerialapparat eine neue Richtlinie zur Prävention an den Schulen in Vorbereitung. Darin werde ein fester Unterrichtsanteil durch die 40 Präventionsbeamten des Landes festgeschrieben: fünf Stunden in jeder vierten Klasse. Allerdings: Es ist nicht lange her, da war es zumindest in besonders gut gestellten Regionen das Doppelte. "Umso mehr sind Lehrer und vor allem die Eltern gefragt, dies aufzufangen", appelliert Steffen. Schulanfänger und teils noch Kindergartenkinder würden von Mama und Papa oft viel zu früh aufs Rad gesetzt. Zielgerichtetes Bremsen und die Aufmerksamkeit für den Straßenraum seien dann einfach noch nicht genügend ausgeprägt.
Offen blieb am Montag, warum dem Atlas zufolge ausgerechnet in Neumünster die Unfallgefahr mit 5,67 Fällen je 1000 Kindern landesweit am höchsten ist. Die dortige Polizei setzt der Aussage eine eigene Unfallstatistik entgegen. Danach hat sich die Zahl der verunglückten Kinder von 91 im Jahr 2006 auf 47 im Jahre 2011 nahezu halbiert worden.

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erstellt am 18.Dez.2012 | 03:56 Uhr

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