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Kultur

01. August 2014 | 13:50 Uhr

"Books on Demand" : Wo die Manuskripte schlummern

vom

"Jeder hat ein Buch im Kopf" - bei "Books on Demand" aus Norderstedt kann fast jeder sein Manuskript veröffentlichen. Vom Krimi über Lyrik bis hin zum "Blook" stehen mehr als 100.000 Titel bereit zum Druck.

Der Angepasste überlebt. Wer den Markt bedient, hat eine Chance, gelesen zu werden. Der Darwinismus auf dem deutschen Buchmarkt ist hart, umkämpft ist jeder Regalmeter im Handel. Da schafft es nur ein Autor hinein, der bekannt ist. So hatte auch Joanne K. Rowling zunächst Probleme, für ihre Abenteuergeschichte von einem jungen Zauberer, einen Verlag zu finden. Beinahe wären ihre Harry-Potter-Geschichten nie erschienen.
"Durchschnittlich bekommt ein Verlag 100 bis 300 Manuskripte im Monat zugeschickt", sagt Friederike Nielsen. Die adrett gekleidete Brünette muss es wissen, denn auf ihrem Schreibtisch landet ein Teil dessen, was oft monatelang in den deutschen Verlagen erfolglos umhergekreist ist. Bei Nielsen hat fast alles eine Chance, denn ihr Verlag "Books on Demand" druckt erst auf Bestellung. So lange schlummern die eingesandten Manuskripte in der riesigen Datenbank des Norderstedter Unternehmens. Etwa 100.000 Titel liegen auf dem Server bereit. Jeder kann seinen Text über das Internet hochladen.
Bestseller mit Rohfutter
"Im Grunde hat jeder ein Buch im Kopf", Friederike Nielsen blickt auf einen bunten Stapel gebundener Literatur und schichtet die Exemplare um: Eine Indianer-Abenteuergeschichte einer Zehnjährigen mit selbstgemaltem Einband, ein Reisebericht einer Globetrotterin aus Lürschau, die Frachtschifffahrten nach Australien gemacht hat, und eine Gruselgeschichte aus Lübeck. Nielsen bleibt bei einem modern gestalteten Sachbuch hängen. Rohfütterung für Hunde hat der Ratgeber zum Thema - und war so erfolgreich, dass der Nachfolger über Rohfütterung für Katzen nicht lange auf sich warten ließ. "Von Natural Dog Food wurden Exemplare im fünfstelligen Bereich verkauft", sagt Nielsen. Ein kleines Vermögen hat Susanne Reinerth mit ihrem Nischenprodukt gemacht. Doch beinahe wären ihre Aufzeichnungen zum Bestseller-Sachbuch in ihrer Schublade versauert.
Selbstverständlich sind nicht alle Geschichten versteckte Harry Potter oder unentdeckte Schätze. Der größte Teil füllt eine Nische. Lyrik beispielsweise gilt im herkömmlichen Handel als schlecht verkäuflich. Ebenso wissenschaftliche Publikationen. Durch den Digitaldruck kann BOD in seinen Druckhallen aber auch kleine Mengen liefern. "Wir drucken alles - ab Auflage eins", sagt Nielsen, als sie einen Rundgang durch die Hallen macht. Bunte Buchstapel türmen sich auch hier. Esoterik oder Peru-Reisen. Ratgeber für In-Line-Skater. Noch mehr Esoterik. Wie man seinem Nagetier einen Palast baut. Auf Bestellung gibt es auch ein Buch mit Fotos vom Werder-Bremen-Wappen als Intimrasur. Etwa die Hälfte der über Books on Demand veröffentlichten Werke ist jedoch Belletristik. Ratgeber machen 13 Prozent aus. Keine Chance haben extremistische Texte. Anfangs hätten Rechtsexreme versucht, ihre Schriften über BOD zu verbreiten. Doch jedes eingeschickte Manuskript werde quergelesen, versichert Nielsen.
Gedruckt wird auf herkömmlichem A4-Papier. Daraus ergeben sich auch die Grenzen des Buch-Formats. Doch in diesem Rahmen ist alles möglich ab einem 4-seitigen Booklet. Die Idee zu BOD kommt vom Buchgroßhändler Libri. Dort überlegte man Ende der 90er Jahre, wie man Bücher auf den Markt bringen könnte, ohne ein allzu großes Risiko einzugehen, dass ein Großteil als Remittenden zurückkommt. 1998 wurde das erste Book on Demand gedruckt und 2001 das Unternehmen gegründet. Mittlerweile arbeitet BOD auch mit den anderen Großhändlern Umbreit und KNV zusammen.
"An den Rändern entsteht das Neue"
Besonders stolz ist Nielsen auf die Bestseller aus dem Hause BOD. Drei Titel schafften es auf Listen: Der Populärwissenschaftliche Roman "Lucy mit C" des Physikers Markolf H. Niemtz, der in Märchenform erzählte Ratgeber für Existenzgründer "Die 7 Sünden beim Gründen" und das Tagebuch der verstorbenen Jenniger Cranen "Ich will nicht, dass Ihr weint."
"An den Rändern entsteht das Neue", davon ist auch Verlagsgründer Vito von Eichborn überzeugt. "Vito von Eichborn ist unser Trüffelsucher", sagt Nielsen. Der Verleger stöbert aus dem BOD-Sortiment das heraus, was er für markttauglich hält. Jeden Monat erscheint ein neues Exemplar der "Edition BOD" im Eichborn-Verlag.
Tweets und Blooks
Experimentiert wird gern im Norderstedter Verlag. So eröffnete man Anfang 2009 einen Dichterwettstreit - über die Internetplattform Twitter. Lyriker waren aufgefordert, in einer 140 Zeichen langen Twitter-Zeile, einem "Tweet", ein kleines Gedicht unterzubringen. Die besten Tweet-Gedichte sollen demnächst bei BOD erscheinen. Neu sind auch die Blooks, gedruckte Internet-Blogs.
Auf die Vielfalt an Spezialgebieten und Spezialisten sind auch Fernseh-Talkshows aufmerksam geworden. Es sei schon oft vorgekommen, dass Redaktionen bei BOD nach interessanten Leuten gefragt haben, die bei BOD etwas über ihr Gebiet veröffentlicht haben, sagt Nielsen.

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von Mira Nagar
erstellt am 29.Mai.2009 | 07:53 Uhr

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