IHRE SONNTAGSZEITUNG

Jobmobil
Mit Herz aus der Hartz-IV-Falle
Zurück in die Arbeit auf neuen Wegen: Das hat Bettina Jürgensen mit ihrem Jobmobil nicht nur für Björn Tesch geschafft. Foto: Grätsch
Flensburg. Es klingt wie ein Märchen: Aus einer arbeitslosen jungen Frau mit mäßigem Hauptschulabschluss wird eine private Arbeitsvermittlerin, deren Erfolgsquoten jede Arbeitsagentur vor Neid erblassen lässt. Bettina Jürgensen, seit wenigen Tagen 40 Jahre alt, lebt diesen Traum mittlerweile mit sechs Angestellten und ihrer Firma "Job Focus Nord" seit vier Jahren in Flensburg.
"Wir machen alles ein wenig verrückter", sagt die junge Unternehmerin, deren Optimismus und Leidenschaft zwar ansteckt, aber nicht überfährt. Was macht sie anders mit der schwierigen Klientel der zumeist seit langer Zeit Arbeitslosen? "Wir beginnen mit Emotionen", sagt Jürgensen. Mit der einfachen Frage: Wie geht es Ihnen in der derzeitigen Lebenssituation? Die ehrliche Antwort darauf lautet in den meisten Fällen: Pure, über Jahre angestaute Wut - und die muss erstmal raus. "Schreien Sie uns an!" Dazu fordern Bettina Jürgensen und ihre Dozenten die Kursteilnehmer auf. "Was wir zu hören bekommen, ist nicht schön, aber wir halten das aus", sagt die zweifache Mutter, die selbst nie vergessen wird, wie sich Arbeitslosigkeit anfühlt.
"Das Schlimmste ist die fehlende Anerkennung"
"Das Schlimmste ist nicht der Mangel an Geld, sondern die fehlende Anerkennung, die gesellschaftliche Ausgeschlossenheit", sagt Bettina Jürgensen. In der Abendschule macht sie ihren Realschulabschluss nach, lässt sich zur Lebensmitteltechnikerin ausbilden. Als Dozentin von Hygieneseminaren merkt die junge Frau, welchen Spaß ihr das Vermitteln von Inhalten und vor allem das Motivieren von Menschen bereitet. Nach einer gescheiterten Selbstständigkeit im Einzelhandel beschließt Bettina Jürgensen spontan, diese Fähigkeiten zum Beruf zu machen.
Ist die Wut ihrer Klienten erstmal abgelassen, "versuchen wir diese Energie für die Formulierung von Zielen zu nutzen", sagt Bettina Jürgensen. Oberstes Gebot ist dabei die Freiwilligkeit. "Durch Zwang erreicht man nichts, nur durch Zuversicht und Eigeninitiative", sagt die Job-Vermittlerin. In den vergangenen vier Jahren habe es nur einen Klienten gegeben, der für diesen Weg nicht bereit war. "Das Bild vom faulen Hartz-IV-Empfänger kann ich also nicht bestätigen", sagt Jürgensen.
Umsetzung mit Pfiff, Stil und Individualität
Sind die Ziele formuliert, haben sich die Arbeitssuchenden intensiv mit ihrer Person, ihren Problemen wie Sucht und Schulden, vor allem aber mit ihren Wünschen befasst, geht es an die Umsetzung - und zwar mit Pfiff, Stil und Individualität. Das Ergebnis: Bewerbungsunterlagen mit ausgeprägt persönlicher Note und besonderen Stilelementen. Schöne Fotos dazu entstehen nach professionellem Styling in einem Friseursalon, den "Job Focus Nord" eigens für einen Nachmittag mietet.
Dann setzt sich Bettina Jürgensen ans Steuer ihres Jobmobils, um ihre Kursteilnehmer zu den Arbeitgebern zu chauffieren, damit sie dort ihre Bewerbungsmappen persönlich abgeben. Jeder gute Auftritt, jedes Praktikum und natürlich jeder Job werden im Team gefeiert - auf dem Weg dorthin wird nicht nur intensiv gearbeitet und fortgebildet, sondern auch viel gelacht. Der Erfolg dieses Weges spricht für sich: Von den 18 Teilnehmern, die Bettina Jürgensen gerade in einem Qualifizierungsprojekt mit dem Kreis Schleswig-Flensburg geschult hat, sind nur noch vier ohne festen Job, elf haben sofort eine Vollzeitstelle bekommen. "Einer, der aus Angst vor Absagen keine einzige Bewerbung mehr abgeben wollte, hatte nachher die Auswahl zwischen drei guten Jobs", sagt Jürgensen, die mittlerweile auch für mehr als 400 Arbeitgeber die gewünschten Arbeitskräfte sucht.
Hinter einer weiteren Erfolgsgeschichte, mit der Bettina Jürgensen in dieser Woche auf einer Veranstaltung des Ambassador Clubs Flensburg beeindruckte, steht Björn Tesch. "Vor dem Kurs war ich ganz unten. Nach etlichen Absagen gibt man einfach auf", sagt der 40-Jährige, der heute großen Optimismus ausstrahlt. Morgen unterschreibt er einen Vertrag für einen anspruchsvollen Job - den Aufbau des Sicherheitsdienstes für das Mega-Projekt Port Olpenitz. "Ohne Bettina Jürgensen hätte ich das nie geschafft", sagt Tesch. Die antwortet lächelnd: "Ich kann durch Motivation und Menschlichkeit nur anstoßen - erfolgreich laufen können meine Schützlinge nur aus eigener Kraft."







