IHRE SONNTAGSZEITUNG

G8, G9 oder Y?
Abitur spaltet das Land
Kiel. "Die Schulen brauchten keine weiteren Reformen, sondern produktive Ruhe", so das Credo von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen im Wahlkampf. Von Ruhe - auch von produktiver - sind die Schulen im Norden jedoch derzeit meilenweit entfernt. Die Diskussion über den Weg zum Abitur - in acht oder in neun Jahren - spaltet das Land, die Eltern und die Politik. Im Koalitionsausschuss am Montag und im Kabinett am Dienstag steht das Thema deshalb ganz oben auf der Tagesordnung. Es wird zu einer ernsten Belastungsprobe von Schwarz-Gelb.
Debattiert wird aktuell über drei unterschiedliche Wege:
G9: Viele Eltern im Lande wollen zurück zum traditionellen neunjährigen Bildungsgang bis zum Abitur. Die von der vormaligen großen Koalition durchgesetzte achtjährige Schulzeit bis zur Hochschulreife überlaste die Kinder, so das Argument zahlreicher Elterninitiativen, die sich in den vergangenen Monaten in Schleswig-Holstein gegründet haben. Schülern bleibe keine Zeit mehr für Sport oder Musik in der Freizeit. Wenn sie am Nachmittag nach Hause kommen, hängen sie ständig über den Büchern, um ihr Pensum zu schaffen, beklagen besorgte Eltern. Da der Unterrichtsstoff in kürzerer Zeit vermittelt werden muss, erhöht sich die wöchentliche Unterrichtszeit von 29 auf 32 Stunden. Verteilt auf fünf Werktage bedeutet das: Kinder haben mindestens an zwei Tagen sieben Stunden Schule. Fahrschüler sind oft länger aus dem Haus als Arbeitnehmer.
G8: Die Opposition, der Landeselternbeirat, die GEW und auch die meisten Schulleiter sprechen sie dafür aus, den eingeschlagenen Weg zu einer achtjährigen Gymnasialzeit beizubehalten, zumal die meisten der 16 Bundesländer sich ebenfalls für das sogenannte Turboabitur entschieden haben. Um eine Überlastung der Schüler in G8 zu vermeiden, plädiert die SPD für eine Entrümpelung der Lehrpläne. "Wir müssen uns fragen, ob 14 Schulstunden für die punischen Kriege wirklich notwendig sind", sagte kürzlich der SPD-Bildungsexperte Henning Höppner. Die von der Kultusministerkonferenz festgelegte Zahl der erforderlichen Unterrichtsstunden bis zum Abitur werde auch durch Förder- und Vertiefungsunterricht, Projektarbeit und AGs erfüllt. Schleswig-Holstein dürfe sich nicht auf einen Sonderweg begeben, da Schüler zum Beispiel bei einem Umzug in ein anders Bundesland sonst Nachteile haben und ein Jahr verlieren.
Selbst die CDU-Abgeordnete Heike Franzen warnt, die in G8 liegenden Chancen für die Kinder nicht zu nutzen: "Wir dürfen mit G9 nicht die Nachzügler aus 'Schläfrig'-Holstein werden". Die Probleme bei G8 liegen laut Franzen in der mangelhaften Umsetzung und darin, dass Lehrer die vorhandenen Spielräume der Rahmenlehrpläne nicht nutzen. Unabdingbar ist aus SPD-Sicht die Verschlankung des Stoffangebots auch im Interesse derjenigen Schüler, die 2008 und 2009 in einen G8-Bildungsgang eingestiegen sind oder in diesem Herbst einsteigen (müssen). Für sie gibt es ohnehin keinen Weg zurück zu G9.
Y-Abitur: Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) will G8 und G9 parallel laufen lassen. Gymnasien können demnach ab dem Schuljahr 2011/12 (bis dahin gilt das aktuelle Schulgesetz mit G8) wählen, ob sie ihre Schüler in acht oder neun Jahren zum Abitur führen oder gar beide Alternativen an ihrer Schule anbieten. Die Lehrpläne für G8 sollen so gestaltet werden, dass die G8 Schüler in der dreijährigen Oberstufe anschließend wieder gemeinsam mit den G9-Gymnasiasten unterrichtet werden können. Das bedeutet: Die Verdichtung des Unterrichtsstoffes bei G8 muss in der Mittelstufe in erfolgen.
Gegen dieses sogenannte Y-Modell läuft die Opposition Sturm. Gerade in den Klassen 8 bis 10 seien die Schüler in der Pubertät, seien weniger belastbar und brauchten Zeit für sportliche Aktivitäten. Sinnvoller halten Experten hingegen eine Stoffverdichtung in der Oberstufe, zumal in der 13. Klasse viel Leerlauf herrscht. Zudem wird eingewendet, dass ein Nebeneinander von G8 und G9 bis zu 250 zusätzliche Lehrerstellen erfordert. Die müssten wegen der angespannten Haushaltslage anderen Schularten (Grundschulen, Gemeinschaftsschulen) weggenommen werden. Und: Umzüge selbst innerhalb des Landes werden problematisch und das Image von G9-Gymnasien könnte leiden ("Schlafwagen-Gymnasium").
Gymnasien vor Schüler-Aderlass bewahren
Nicht nur der Protest der Elterninitiativen lässt Klug an seiner G8-G9 Doppelvariante festhalten. Dahinter steckt möglicherweise auch die Absicht, die Gymnasien vor einem Schüler-Aderlass zu bewahren. Eltern, die gegen das Turboabitur sind, können nämlich ihre Kinder an den neuen Gemeinschaftsschulen anmelden. Dort sind laut Schulgesetz neun Jahre bis zum Abitur Pflicht. Wird von dieser Alternative massenhaft gebraucht gemacht, könnte das die klassischen Gymnasien schwächen.
Wie Schwarz-Gelb die Kuh vom Eis holen wird, bleibt abzuwarten. Eine Kompromisslinie wäre, nur in größeren Städten mit mehreren Gymnasien die G9 Variante zuzulassen. Entscheidend wird letztlich die Kostenfrage sein. Besonders in der CDU besteht man darauf, dass die Lösung des Problems keinesfalls zu Lasten der anderen Schularten gehen darf. Zusätzliche Lehrerstellen wird es nicht geben - so viel steht fest.
Leserkommentare
Die punischen Kriege, Herr Höppner, sind bereits über 2000 Jahre vorbei.
Warum haben Sie diese Meinung nicht schon vertreten und ich stimme Ihnen ja zu,
als Ihre Parteifreundin Ute E. R. noch Ministerin war?
Späte Erleuchtung vielleicht, alles andere kann ich mir doch nun wirklich nicht vorstellen.
Übrigens mit G9 könnten auch die punischen Kriege noch gebührend behandelt werden,
oder wollen Sie den Kindern etwa Hannibal, seine Elefanten und die Tour über Spanien und die Alpen vorenthalten?
Reinhold Günther
Schleswig- Holstein hat sich für die 8-jährige Ausbildung an Gymnasien entschieden. Die Gründe, die für eine Verkürzung sprachen, gibt es auch heute noch. Gymnasien, die jetzt schon eine g8-Ausbildung praktizieren, berichten nur Positives. Dass es hier und da mal hakt, wird nicht verschwiegen. Optimierung ist das Ziel, nicht schon wieder ein Salto Rückwärts! Gymnasien sind von der Idee her eher geeignet für SchülerInnen, die sich gern mit geistigen Dingen beschäftigen und den
nötigen Lerneifer aufbringen.Jeder junge Mensch kann seinen Weg zum Abitur selbst bestimmen. In seiner Wohngegend wird er immer ein Gymansium vorfinden oder eine Gemeinschaftsschule, die dann auch eine 9jährige Ausbildung bis zum Abitur anbietet. Dass man aber an einer Gemeinschaftsschule weniger "pauken" muss, ist ein Irrglaube. Im übrigen gibt es am Gymnasium wie auch an der Gemeinschaftsschule mindestens zweimal Nachmittagsunterricht.
Sie traut sich ja was die Frau Franzen.
Umsetzungsprobleme - Der weit überwiegende Teil der Lehrer gibt sich mehr Mühe und investiert erheblich mehr Zeit, als es der Dienstherr erwarten kann!
Wohl dem, der von außen nur kluge Sprüche macht und der dem Stress nur wohlwollend auf die Schulter klopft.
Warum immer nur gezielte Informationen geben, Frau Franzen?
Wissen Sie denn etwa nicht um folgende Realitäten:
-Rheinland-Pfalz 146 Gymnasien, 133 sind G9 geblieben, nur 4 weitere wollen G8
versuchen
-Baden Würtemberg am 26. 02. 2010 forderte der dortige Philologenverband das
13. Schuljahr
schon im letzten Jahr forderte der Wissenschaftsminister 2 semestrige Propädeutika, damit es auch mit dem Studieren klappt
-Nordrhein-Westfalen 626 Gymnasien, ca. 30% der deutschen Abiturienten, Abgeordnete
von SPD und auch den Grünen fordern das Schleswig-Holstein Modell
von Klug auch in NRW
-Brandenburg die ersten Lehrer stellen G8 in Frage
-Niedersachsen die erforderliche Zahl von Unterschriften zur Erwirkung eines Volks-
entscheides pro G9 ist überschritten
-Bayern über 5000 Menschen demonstrieren für G9
Gestatten Sie mir, Ihre Äußerung einfach verändert zu übernehmen:
Vielleicht sitzen Sie im Schlafwagen und haben die Fahrtrichtung noch nicht erkannt.
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Wenn mit produktiver Ruhe gemeint ist, dass betroffene Schüler und Eltern den Mund halten, ist diese Ruhe zum Glück nicht eingekehrt. Im Gegenteil, und es ist höchste Zeit, diese gründlich verkorkste Schulreform nachhaltig zu korrigieren.
Das gebetsmühlenartige Verlangen nach Entrümpelung der Lehrpläne (mein aktuelles Unwort), sollte gerade den Fachleuten nicht so geschmeidig über die Lippen kommen. Gerade die müssten nämlich wissen, dass diese Entschlackung ein gewaltiges Problem darstellt und nicht mal im Ansatz zeitnah durchgeführt werden kann. Diese stereotype Forderung ohne Gewissheit auf Erfüllbarkeit als Argument für G8 zu nutzen, ist geradezu grotesk.
Natürlich kann man sich fragen, ob man 14 Stunden für die punischen Kriege braucht das gälte dann aber für G8 und G9 gleichermaßen. Dann muss man sich auch der Frage stellen, ob sich nicht der gewaltige Wissenszuwachs der Welt auch in den Lehrplänen wieder finden muss, man zwar Teile streichen aber durch neuere Inhalte ersetzen muss. Schipp schnapp weg geschnitten so einfach wird das ganz sicher nicht. Und das dürfte auch der Grund dafür sein, dass die große Koalition das nicht schon selbst erledigt hat, bevor sie G8 eingeführt hat.
Einen Schleswig Holsteinischen Sonderweg gibt es indes nicht und Herr Höppner sollte diesbezüglich mal nach NRW schauen (was er sicher getan hat). Dort fordert seine Partei, die SPD, den Schleswig-Holsteinischen Weg, G8 und G9 parallel anzubieten. In Rheinland Pfalz ist das bereits der Fall und von über 140 Gymnasien bieten dort zurzeit nur 13 Gymnasien G8 an. So richtig nachgefragt wird G8 also offenbar nicht.
Und wer kommt auf die Idee, Stoffe in der Oberstufe zu verdichten? In der Profiloberstufe werden derzeit inklusive der Abiturprüfungen im 13. Jahrgang durchschnittlich 34 Wochenstunden für jedes der drei Jahre angesetzt. Hier suche ich noch nach dem Leerlauf.
Gerade das Y-Modell könnte eine Möglichkeit sein, beide Seiten zufrieden zu stellen.
T Schröder