IHRE SONNTAGSZEITUNG

Schreibabys
Lautstarker Start ins Leben
Sie hören einfach nicht mehr auf zu schreien: Rund 30 Prozent aller Säuglinge sind sogenannte Schreibabys. Foto: dpa
Glücksburg. Von den Zeitschriften-Covern grinsen rotbackige Säuglinge, in der Werbung glucksen Babys vergnügt in sich hinein, ihren Müttern treibt der Stolz ein Tränchen ins Auge. Die Realität sieht anders aus: Ein Kind kommt schreiend zur Welt - lachen kann es erst vier oder fünf Monate später. Doch was, wenn ein Baby nicht mehr aufhört zu weinen?
Lennart Sonntag* hatte einen lautstarken Start ins Leben - keine leichte Aufgabe für seine Mutter Marie*. Nichts half gegen sein Geschrei. Kein Stillen, kein Herumtragen, kein Kuscheln. Manchmal weinte er sich in Rage, bis er, erst Stunden später, vor Erschöpfung einschlief. Die ersten Lebenswochen des Säuglings verstrichen, der permanente Schlafentzug nagte an der jungen Glücksburgerin, ihr Selbstbewusstsein in der neuen Mutterrolle schwand dahin. "Vor der Geburt dachte ich: ,Ich bin ja die Mama - und wenn die Mama da ist, ist alles gut’", erinnert sich die damals 24-Jährige. "Aber das war nicht der Fall. Ich konnte Lennart einfach nicht beruhigen." Mit jeder Stunde, die ihr Sohn weinend verbrachte, wuchs für die junge Lehrerin der Druck. Sie verlor den Bezug zu sich selbst - und das Gespür für die Bedürfnisse ihres Kindes. Dazu kam die Sorge um die Gesundheit des Kleinen.
Der Kinderarzt vermutet "Drei-Monats-Koliken"
Den Kinderarzt sahen Marie und Lennart Sonntag in dieser Zeit oft. Er empfahl Kümmelsalbe und Zäpfchen, später setzte er die geschwächte Mutter auf eine strenge Diät. Sie durfte nichts zu sich nehmen, was den untrainierten Verdauungstrakt des Babys via Muttermilch strapazieren konnte. Auch Unverträglichkeiten wollte der Arzt ausschließen, Sonntag musste komplett auf Milch eiweiß verzichten. Doch nichts zeigte Erfolg, die Diagnose schien indes festzustehen: "Drei-Monats-Koliken" - Bauchschmerzen.
Ein Klassiker aus dem Mund ratloser Kinderärzte. Dabei sind sich Experten längst einig, dass solche Koliken nicht das anhaltende Gebrüll von Säuglingen verursachen. Der erste Vorsitzende der Kieler Schreiambulanz "Lautstark", Manfred Lübke, erklärt: "Alle Babys haben Bauchschmerzen - schließlich schleusen sie täglich ein Sechstel ihres Eigengewichts durch ihren Darm!"
Schwierigkeiten, sich an das neue Leben zu gewöhnen
Mit dem Weinen der Schrei babys habe das nichts zu tun. Vielmehr hätten einige Babys besondere Schwierigkeiten, sich an ihr neues Leben "draußen" zu gewöhnen: "Sie werden mit der Geburt aus ihrem feucht-warmen Nest geschmissen, müssen plötzlich alles selbst machen, unheimlich viele Reize verarbeiten, einen Rhythmus finden - einigen fällt das eben besonders schwer." Um solche Regulationsstörungen zu überwinden, brauchen die Säuglinge viel Zuwendung und Ruhe.
Doch anstelle von Ruhe machte sich bei den Sonntags nach mehreren Wochen Babygebrüll und Schlafentzug Rastlosigkeit breit. Eine Hebamme empfahl der jungen Mutter schließlich den Besuch bei der Heilpraktikerin Annette Völker - sie hat sich auf die Behandlung von Schreibabys spezialisiert. Bereits die erste Sitzung brachte Marie Sonntag Entspannung: "Plötzlich habe ich das Weinen aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet", erinnert sie sich. Völker arbeitet mit einem Gemisch aus Gesprächen und Cranio-Sacraler Therapie - einer Berührungstherapie, die Spannungen löst.
Ruhe bringt Ruhe
Zwar ist das Verfahren medizinisch umstritten - für Marie Sonntag war der Effekt jedoch offensichtlich: "Ich bin nach den Sitzungen mit einem ganz anderen Kind nach Hause gegangen. Das muss man einfach erlebt haben." Der Ansatz der Heilpraktikerin ist deckungsgleich mit dem neuesten Wissensstand aus Medizin und Psychologie. Auch Lübke meint: "Ruhe bringt Ruhe". Das Wichtigste sei es, Mütter von Schreibabys in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. "Eine junge Mutter muss ohnehin mit Vielem fertig werden: Plötzlich hat sie einen schlaffen Bauch, milch-nässende Brüste, eine völlig neue Rolle - und viel zu wenig Schlaf. Die emotionale Kompetenz ist in einer solchen Stresssituation manchmal zugeschüttet."
Für Mutter und Kind bedeutete das harte Arbeit: "Ich musste meine Vorstellungen zurechtrücken - vor allem die von der Mutterrolle", sagt Sonntag rückblickend. "Ich musste lernen, mit Ruhe und Selbstvertrauen zu reagieren, wenn Lennart schreit." Und noch eine Erkenntnis war für sie zentral: "Ein Kind, das auf die Welt kommt, muss man kennen und verstehen lernen." Anstatt ständig zu probieren, was Lennart still werden lässt, hat seine Mutter sich an das Bett ihres schreienden Kindes gesetzt und ruhig mit ihm gesprochen. Der Kleine konnte sich fallen lassen - Ruhe bringt Ruhe.
*Namen von der Redaktion geändert
Probleme, sich ans Leben zu gewöhnen
Der Begriff "Schreibaby" ist nicht unproblematisch - klingt er doch pathologisch und wird von Müttern oft als Vorwurf aufgefasst. Zahlen und Definitionen variieren stark - zumal sich längst nicht alle Betroffenen Hilfe suchen. Je nach Erhebung/Schätzung gelten zwischen fünf und 30 Prozent aller Säuglinge als Schreibabys. Sie weinen stundenlang - täglich. Früher galten Bauchschmerzen als Ursache. Experten haben nun aber herausgefunden, dass Schreibabys besonders empfindlich auf Reize reagieren und Probleme haben diese zu verarbeiten. Sie brauchen viel Ruhe, Zuwendung und Zeit, um sich an unsere Welt zu gewöhnen.








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