zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 01:06 Uhr

Schulen in SH : Zu viele Abbrecher und Unterrichtsausfall: Streit zum Ende der Sommerferien

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Montag beginnt wieder der Schulalltag. Wird das nächste Halbjahr gut oder schlecht? Regierung und Opposition streiten.

Kiel | Drei Tage vor Beginn des neuen Schuljahres beurteilt die Opposition die Lage in unseren Bildungseinrichtungen sehr viel kritischer als die zuständige Ministerin. „Der Eltern-, Lehrer- und Schülerwille wird weiterhin ignoriert“, kritisiert die Liberale Anita Klahn, einst Vorreiterin der gescheiterten G9-Initiative. Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) lehne Noten und Schulübergangsempfehlungen ab, senke Bildungsstandards, entwerte das Abitur und habe das Wort „Erziehung“ aus dem Schulgesetz gestrichen. Damit der Klagen noch nicht genug: Die Quoten der Schulabbrecher seien zu hoch, die Oberstufen in Gemeinschaftsschulen zu klein und zu teuer und überhaupt: Ideologie gehe vor Schülerwohl. Den Unterrichtsausfall bekomme die Ministerin ohnehin nicht in den Griff, ist Klahn überzeugt. Nach wie vor fehle ein wirkliches Personalmanagementsystem, beklagen auch die Piraten.

Doch Ernst lässt sich durch die Oppositionsschelte nicht aus der Ruhe bringen und präsentierte am Donnerstag selbstbewusst ihre Sicht der Dinge. Voraussichtlich in der ersten Hälfte der nächsten Legislaturperiode will sie die 100 Prozent Unterrichtsversorgung erreichen. Dafür fehlen ihr zwar noch „mehrere Hundert Lehrerstellen“ , doch sie sei zuversichtlich, dass die Landesregierung weiter in Bildung investiert und die nötigen Mittel bereitstelle.

Die Unterrichtsversorgung sei seit ihrem Amtsantritt von 93 Prozent deutlich gestiegen. „Für das Schuljahr 2016/17 liegt die Versorgung der Grundschulen jetzt schon bei 100 Prozent“, so Ernst. 200 zusätzliche Lehrerstellen wurden zum 1. August geschaffen, weitere 200 zum 1. Februar 2017.

„Momentan gibt es 2000 Lehrerstellen mehr als unter der 2012 abgewählten CDU/FDP-Regierung vorgesehen“, hält Ernst ihren Kritikern entgegen. Die Zahl der offenen Ganztagsschulen sei auf 507 gestiegen, es gebe Fortschritte beim Inklusionsunterricht, und bei der Beschulung der Flüchtlinge werde Erstaunliches geleistet. „Dafür bin ich den Akteuren vor Ort dankbar“, so die Ministerin.

Und Ernst hatte noch eine gute Nachricht: Erstmals seit zehn Jahren gehen die Schülerzahlen in Schleswig-Holstein nicht zurück. Überraschend ist das nicht, denn  rund 12.000 Flüchtlingskinder drücken ab  Montag zwischen Nord- und Ostsee die Schulbank, doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. 

Schulen in SH in Zahlen
  •  Zum Schuljahr 2016/17 werden 1519 Stellen mit 2025 Lehrkräften neu besetzt.
  •  In der Grundschule ist die Schülerzahl durch den Zulauf an Flüchtlingskindern um 3,4 Prozent auf 100.600 gestiegen. Auch in den Gemeinschaftsschulen hat die Zahl der Schüler um 4,6 Prozent auf 91500 zugenommen. In den Gymnasien nimmt die Zahl durch den Wegfall des doppelten Abiturjahrgangs um 8,5 Prozent auf 76500 ab.
  •  Die Regionalschulen laufen 2018/19 aus und haben derzeit noch 9000 Schüler.
  •  Die Berufsschulen melden einen Anstieg der Schülerzahlen um rund fünf Prozent auf 97.300. Grund sind auch hier steigende Zuwanderungszahlen. 
 

Die Aufgabe, Kinder mit Förderbedarf in normalen Schulen zu unterrichten, wird nach Ansicht von Ernst durch die vor einem Jahr eingeführten Schulassistenten erfolgreich unterstützt. Parallel dazu gebe es weiterhin 3000 Schulbegleiter für behinderte Kinder. Dass es in etwa 30 bis 80 Fällen Streit gebe, ob die Schulbegleitung weiter bezahlt wird, sei zwar bedauerlich, aber unter dem Strich eher selten.

„Das an allen Schulen brennende Problem der Inklusion ist mit der Einführung von Schulassistenten verschärft worden“, meint hingegen CDU-Schulexpertin Heike Franzen. „Hier malt sich die Ministerin die Welt genau so schön, wie mit ihrer wirklich lächerlichen Aussage, dass die Beteiligung von gerade einmal 13 Schulen am Schulfeedback eine gute Nachfrage ist.“

Peter Höver kommentiert: „Ein bisschen Frieden“

Mag die Opposition im Landtag kritisieren und fordern, was sie will. Wenn Britta Ernst in den vergangenen zwei Jahren schulpolitisch etwas zu Wege gebracht hat, dann ist es dies: Die Bildungsministearin hat ein bisschen Frieden in die über Jahre durch immer neue, aber längst nicht immer sinnvolle Reformen aufgemischte Schullandschaft zwischen Nord- und Ostsee gebracht.

Gelungen ist Ernst und der Küstenkoalition dies mit einem durchaus vorzeigbaren Paket neuer Stellen, mit besserer Besoldung für eine Vielzahl von Lehrkräften und einem unausgesprochenen Reformstopp. Nicht mehr, aber auch nicht weniger war Ernsts Auftrag als Nachfolgerin der ebenso glücklosen wie beratungsresistenten Waltraud Wende. Nur keinen weiteren Schulkampf mehr! Und schon gar nicht im Vorfeld der Landtagswahl im kommenden Frühjahr. Wer die Sehnsucht von Lehrkräften, Eltern und Schülern nach Kontinuität und Ruhe in der Schulpolitik unterschätzt oder gar ignoriert, der verliert.

Deshalb ist es weder überraschend noch eine Schande, wenn Ernst außer staubtrockenen Zahlenkolonnen zu Einschulungen, Lehrerstellen, Ganztagsangeboten, Schulassistenz und zum digitalen Lernen keine wirkliche politische Botschaft hat zum Schuljahresauftakt.

Dennoch bleiben politische Baustellen. Die Integration von Flüchtlingskindern, die erstmals seit zehn Jahren für wieder steigende Einschulungszahlen sorgen, ist eine gewaltige Herausforderung. Das erklärte Ziel weiterer Inklusion von Kindern mit Behinderungen ist bisher weder personell noch konzeptionell ausreichend hinterlegt. Daran ändern auch die Einstellung Hunderter Schulassistenten nicht wirklich etwas. Die Unterrichtsversorgung von 100 Prozent bleibt eine Daueraufgabe. Hier allein auf zusätzliche Stellen zu bauen, wenn schon jetzt absehbar ist, dass die Schülerzahlen in den kommenden Jahren wieder deutlich sinken werden, wäre finanzpolitisch verantwortungslos.

zur Startseite

von
erstellt am 01.Sep.2016 | 19:35 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen