zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

11. Dezember 2016 | 13:04 Uhr

Zu Gast bei den Flintstones

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Steinzeitmenschen gucken mich mit großen Augen an. Aber nicht, weil ich aus der Zukunft komme. Der Grund ist ein anderer: „Du darfst Werners Sonntagskleidung tragen?“, fragen sie. Ich schaue an mir herunter und sehe dunkelbraunes Leder, das mit Zähnen geschmückt ist. Für meine Reportage aus dem Steinzeitpark Dithmarschen in Albersdorf hatte ich die Veranstalter gebeten, alles so authentisch wie möglich miterleben zu dürfen. Auch mit passender Kleidung wollte ich ausgestattet werden. Werner Pfeifer, in gewisser Weise der Anführer im Steinzeitdorf, meinte es gut mit mir und stellte mir sein schönstes Gewand zur Verfügung. Die Stimmung ist freundschaftlich, wir sind gleich per Du.

Im Steinzeitdorf leben Wissenschaftler der experimentellen Archäologie, Hobby-Forscher und Überlebenskünstler wie vor 7000 Jahren. Damals, im Mesolithikum, der Epoche der letzten Jäger und Sammler, soll ein Klima mit wärmeren Temperaturen als heute geherrscht haben. Zwischen Nord- und Ostsee lag ein riesiger Urwald, in dem die Menschen Fleisch und Pflanzen fanden. In den Meeren und Flüssen gab es zudem Fische und Muscheln. Es war ein einfaches Leben, wobei die Menschen es nicht einfach hatten. Während wir heute einfach in den Supermarkt gehen können und alles finden, was wir brauchen, mussten unsere Vorfahren alles selbst anschaffen oder herstellen.

„Ich will alles so machen wie ihr und warte auf eure Anweisungen“, sage ich meinen neuen Mitmenschen. „Probier erstmal“, sagt der 20-jährige Ingolf Pfeifer und reicht mir einen Keks, den er auf einem Stein nahe eines Lagerfeuers zubereitet hat. Woraus er gemacht sei, möchte ich aufgrund meiner Allergien wissen. „Haselnuss, Beeren und Ei“, zählt Ingolf auf. „Schade, da muss ich leider verzichten.“ Gleich zu Beginn meines Besuchs bekomme ich die Erkenntnis, dass ich es in der Steinzeit schwer gehabt hätte, denn die Nüsse und viele der Beeren darf ich nicht essen. „Dann probier mal das hier.“ Marko reicht mir ein Stück geräuchertes Reh. Sehr lecker. Das Reh haben die Dorfbewohner nicht selbst gejagt, sondern von einem Jäger geschenkt bekommen. Das Fleisch haben sie am Vortag geräuchert, die Knochen von Fleisch und Sehnen befreit, um nun daraus Nadeln zu schnitzen. Aus dem Fell werden Kleidung und Taschen produziert. Alle Bestandteile werden verwertet.

Auf die Jagd muss ich also nicht. Es ist genug Reh vorhanden. Was kann ich stattdessen machen? „Nimm dir ein Stück Holz und bearbeite es mit einem Flintstein“, meint Werner, der seit guten drei Jahren so lebt wie in der Steinzeit. „Wir wissen nicht genau, wie es war“, meint Werner, „sondern nur, wie es gewesen sein könnte.“ Zuvor war er Wikinger. „Aber das war mir zu einfach. Steinzeit macht mehr Spaß!“ Wikinger hätten bereits ähnlich wie Bauern gelebt und schon viele Errungenschaften gehabt. Dagegen hätten die Steinzeitmenschen nur ihr Wissen zur Verfügung. „Sie konnten nackt in die Wildnis gehen und sich alles holen, was sie zum Leben brauchten. Mit wenig Material kann man nicht nur überleben, sondern sogar gut leben“, sagt Werner. Eine deutliche Kritik an unserer heutigen Wegwerfgesellschaft.

Ich schnitze also mit einem Flintstein ein kleines Stück Holz. Mühsam. Nach einer Weile zeige ich meine Arbeit Werner und frage, wofür man das denn nun nutzen könne. „Als Feuerholz“, sagt Werner und grinst. Na toll. Um das Gefühl zu haben, dass meine erste Arbeit nicht umsonst war, gehe ich zum Lagerfeuer und werfe das Stück Holz voller Stolz hinein. Ingolf bietet mir einen Schluck Wasserminze-Tee an und erzählt, dass er als Sohn von Werner bereits als Baby in der Vergangenheit gelebt hat. Mit drei Jahren hat er schon mit Pfeil und Bogen geschossen – auf Hühner. „Ich habe aber keine getroffen.“ Für ihn war und ist das hier ein großer Spielplatz. Und in der altertümlichen Kleidung herumzulaufen, sei absolut normal. „Ich bin in dem Aufzug sogar schon im Supermarkt einkaufen gegangen.“

Ingolf studiert in Kiel Archäologie und kommt immer, wenn er Lust hat. „Nach zwei oder drei Wochen im Steinzeitdorf habe ich dann erstmal wieder genug davon“, sagt er. „Doch nach zwei oder drei Tagen in der Stadt will ich schon wieder zurück.“ Am modernen Leben schätze er die guten Reisemöglichkeiten. „Die Steinzeitmenschen konnten nicht einfach so für ein Jahr nach Australien gehen, wie ich es tat.“

Dann frage ich, ob ich mal versuchen dürfte, Feuer zu machen. Das habe ich noch nie probiert. Wann, wenn nicht jetzt? Steinzeitjäger Marco Claußen wird mir zwei Methoden zeigen. „Das ist das Steinzeit-Feuerzeug“, sagt er und kramt eine Ledertasche hervor, in der er alles aufbewahrt, was man zum Feuermachen braucht: Bohrbrett, Birkenrinde, Bogen, Feuerbohrer, Geweihstück sowie Zunder aus Rohrkolbensamen und Heu. „Ich achte peinlichst genau darauf, dass nichts feucht wird“, meint Marko. Für die erste Möglichkeit, Feuer zu machen, bewegt man einen Feuerbohrer aus Holz mit Hilfe eines Bogens so schnell, dass er sich in ein hölzernes Brett dreht und das dabei abfallende Holzmehl zum Qualmen beginnt. Die Birkenrinde dient als Unterlage und mit dem eingekerbten Geweihstück behält man den Feuerbohrer im Griff. Wenn das Holzmehl nicht mehr aufhört zu qualmen, legt man den Zunder dazu und pustet, bis er brennt. „Wichtig ist, dass alles parat liegt.“ Marko macht es vor und nach einer gefühlten Ewigkeit hat er es geschafft, eine Flamme zu entfachen. Mein Versuch scheitert.

Ich finde die zweite Methode ohnehin spannender: Feuer durch das Aneinanderschlagen von Steinen. Entgegen meiner Vermutung können durch zwei Feuersteine keine Funken zum Feueranzünden erzeugt werden. Hierzu wird Schwefelkies benötigt, in der Form von Pyrit. Also schlage ich zwei Katzengold-Steine über einer Birkenrinde, auf der Zunderschwamm liegt, aneinander. Der Zunderschwamm soll durch herabfallende Funken entfacht werden. Ich bemühe mich und ein paar kleine Funken blitzen auf, aber mehr auch nicht. Dieses Mal will ich mehr Ausdauer zeigen, also schlage ich beharrlich weiter die Steine aneinander. Dann plötzlich fällt ein Funke auf den Zunderschwamm und löst ein Glühen aus. „Du hast es!“ Markus reicht mir schnell Zunder an. Ein unglaubliches Gefühl macht sich in mir breit. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Feuer gemacht.

Nach dieser Aufregung gönne ich mir etwas Ruhe und mache einen Rundgang durch das 40 Hektar große Gelände des Steinzeitparks. Das Archäologisch-Ökologische Zentrum Albersdorf bietet nicht nur viel Platz für Experimente mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern hat auch eine große Bedeutung als Touristenattraktion mit bis zu 30  000 Besuchern im Jahr. Hier gibt es originale Grabhügel und Großsteingräber sowie eine nachgebaute Opferstelle und aufgestellte Tierfallen. Barfuß schreite ich über Wege und Wiesen – dieses Gefühl unter den Fußsohlen hatte ich lange nicht mehr. Ab und zu piekt ein Stein, aber ich genieße es.

Zurück im Steinzeitdorf setze ich mich zu den anderen. Ich spüre ein Kitzeln am rechten Bein, schaue nach und sehe eine Zecke. Sie krabbelt noch herum, hat sich also noch nicht festgebissen. Schnell greife ich sie und werfe sie fort. „Hier, nimm ein Stück Knoblauch“, sagt Ingolf, „der Geruch vertreibt Insekten.“ Ingolf und Jack stecken sich große Stücke vom rohen Knoblauch in den Mund. Ich bin zögerlich und probiere nur ein kleines Stück. „Wow!“ Die Schärfe bin ich nicht gewohnt. Ich belasse es dabei, während die anderen die Zehen verputzen, als seien es Gummibärchen.

Im Steinzeitdorf verliert man übrigens das Zeitgefühl. Wie spät es wohl sein mag? Am Stand der Sonne und einer Ahnung, wo Westen liegt, kann ich grob erkennen, dass es etwa 14 Uhr sein dürfte. „Halb zwei“, sagt Daniel, ein Steinzeitjäger aus Südtirol, der über das Internet Kontakt zu Werner gefunden hatte. Keine Ahnung, woher er das weiß. Eine Uhr trägt er nicht. Bevor ich ihn frage, rufen uns Besucher des Parks zu sich. „Fahrt ihr damit raus?“ Eine Frau zeigt auf den Einbaum, ein Boot, das aus einem einzigen Baumstamm gefertigt wurde. „Ja, wir wollen gleich auf den See.“ Ein kleiner Junge mit süddeutschem Akzent meint: „Das ist doch kein See, das ist ein Teich.“ Ja, er habe recht, antworte ich, aber: „Hier in Schleswig-Holstein sagen wir ja zu einem Hügel auch Berg.“

Der Einbaum ist aber noch nicht einsatzbereit. Am Heck hat er ein Schott, das noch mit Lehm dicht gemacht werden muss. Die Aufgabe übernehme ich gerne, schließlich möchte ich unbedingt damit fahren. Dann geht es los. Vorsichtig steige ich ein. Ziemlich wackelig. Es ist nicht leicht, die Balance zu halten. Zum Glück fahre ich nur auf einem See, beziehungsweise Teich, und nicht auf dem Meer. Am Ende bin ich um eine Erfahrung reicher und froh, nicht wie erwartet ins Wasser gefallen zu sein.

Erfahrungen sammeln, darum geht es im Steinzeitdorf auch. Dafür kommen sogar Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Albersdorf, wie etwa Linda Hurcombe. Die Professorin für experimentelle Archäologie will steinzeitliche Werkzeuge herstellen und die Gebrauchsspuren unterm Mikroskop vergleichen, um zu erfahren, wie die Menschen in der Steinzeit gearbeitet haben. Für sie ist so ein Steinzeitdorf wie hier die beste Möglichkeit, ihrer theoretischen Arbeit auch praktisch nachzugehen. „Hier trifft man so viele Menschen mit hervorragenden Fähigkeiten“, sagt die Engländerin. „Ich lerne immer wieder etwas Neues.“

Auch ich habe viel gelernt: Dass wir heutzutage weit entfernt von unserer ursprünglichen Herkunft leben und eine Zeit ohne Smartphone mal ganz entspannt sein kann. Erfahren habe ich, dass die Menschen der Steinzeit nicht primitiv waren, sondern geschickte Handwerker, die die Herausforderungen ihres Lebens ideenreich gemeistert haben. Und dabei waren sie gut gekleidet – wie ich in Werners Sonntagskleidung. Die gebe ich ihm nun dankend zurück und mache mich auf den Weg zurück in die Zukunft.


zur Startseite

von
erstellt am 14.Aug.2016 | 16:17 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen