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Schleswig-Holstein

05. Dezember 2016 | 09:39 Uhr

Bezahlbarer Wohnraum : Wohnungsnot in SH: Geringverdiener und Studenten im Abseits

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Studenten und Geringverdiener sind auf der Suche nach Wohnraum. Dabei klafft eine gewaltige Lücke zwischen dem Bedarf und dem tatsächlichen Bau neuer Wohnungen im Land.

Kiel | An Laternen-Masten versuchen sie mit Zetteln auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Es sind Bilder, die ein jeder aus Deutschlands Hochschulstädten kennt. Gesucht wird eine Wohnung, ein WG-Zimmer, eine Bleibe. Schleswig-Holsteins Allgemeine Studierendenausschüsse (Asta) befanden sich die Wochen vor dem Semesterstart im Krisenmodus. Immer wieder mussten sie verzweifelten jungen Menschen zum Semester-Anfang mit Rat und Tat zur Seite stehen – weil diese keine bezahlbare Wohnung finden.

Städte haben jahrelang den Sozialen Wohnungsbau vernachlässigt. In der Folge ist der Markt günstiger Wohnungen stark umkämpft. Der mieserable öffentliche Nahverkehr verhindert, dass Menschen ohne Auto in Randgebiete oder gar aufs Land ausweichen.

„Insgesamt sehen wir die Lage als prekär an“, sagte Timo Pawlytsch vom hochschulpolitischen Referat des Asta der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel. Vor allem internationale Studierende, die erst zum Semester-Anfang nach Deutschland reisen, sind den Angaben zufolge in massiver Bedrängnis. Denn Wohnraum für Studenten ist knapp und teuer. Plätze in Wohnheimen sind zudem in Schleswig-Holstein so rar wie in kaum einem anderen Bundesland. Zuletzt hat das Studentenwerk in Kiel daher schon zu drastischen Mitteln gegriffen und verzweifelte Wohnungssuchende unter anderem in Notunterkünften in Flüchtlingsheimen untergebracht.

Einer Studie vom Moses-Mendelssohn-Institut zufolge gilt die Wohnsituation von Studenten in 19 Hochschulstädten mit mehr als 5000 Studenten in Deutschland inzwischen als kritisch. Tendenz steigend. Im Norden steuert gerade Kiel auf diese Gruppe der Städte mit kritischem Platzmangel zu. Während auf den ersten Plätzen der Moses-Mendelssohn-Liste Städte wie München und Frankfurt liegen, kommt die Landeshauptstadt auf Platz 25 – vier Plätze höher als noch ein Jahr zuvor. Und auch in anderen Hochschul-Städten im Norden steigt die Anspannung. Zumal Studenten in diesen Tagen nicht die einzige Gruppe sind, die zum Teil verzweifelt auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum im Norden ist. Vielmehr konkurrieren die angehenden Akademiker immer stärker mit Geringverdienern und Flüchtlingen um ein zu geringes Angebot. Das bestätigt auch der Mieterbund Schleswig-Holstein.

„Dafür ist vor allem die zu geringe Bautätigkeit verantwortlich“, sagt Immobilienökonom Philipp Deschermeier am Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Das IW hat jüngst eine Studie vorgelegt, die zeigt, wie drastisch sich studentischer Wohnraum innerhalb weniger Jahre verteuert hat. In kleineren Städten schlage dem Institut zufolge die hohe Nachfrage – aufgrund steigender Studentenzahlen und Zuwanderung – dabei tendenziell stärker auf die Mieten durch als in Metropolen.

Die Not ist groß. Zwischen 2010 und 2014 sind nach Zahlen des Statistikamtes Nord knapp 34.000 neue Wohnungen in Schleswig-Holstein entstanden. Das entspricht einem Anstieg von 2,4 Prozent. In derselben Zeit sind aber nach den Zahlen der Statistiker 77.000 Menschen mehr nach Schleswig-Holstein gezogen als das nördlichste Bundesland in umgekehrte Richtung verließen. Doch in Flensburg kamen in dieser Zeit nur knapp 700 Wohnungen hinzu, in Kiel waren es tausend, in Lübeck 1400 – dieselben Städte wiesen aber eine Netto-Zuwanderung über den Zeitraum von je 3300, 9400 und 8500 Menschen aus. Wohlgemerkt: Das Jahr 2015, in dem die Zuwanderung aufgrund des großen Zustroms an Flüchtlingen weiter kräftig stieg, ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Zwar ist die Zahl der Baugenehmigungen in diesem Jahr deutlich gestiegen – um 35,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr –, doch ob das helfen wird, bleibt fraglich.

Die Politik hat zuletzt unter anderem mit der „Mietpreisbremse“ reagiert. Die Immobilienwirtschaft hatte dies stets als das falsche Signal gewertet. Inzwischen steht fest: In seiner aktuellen Form wird die Mietpreisbremse an steigenden Preisen nichts ändern. Aus Sicht des Mieterbundes Schleswig-Holstein fehlt es an Auskunftspflichten der Vermieter, an Sanktionsmöglichkeiten. Aus Sicht des Eigentümerverbandes Haus & Grund müsste der Gesetzgeber jedoch überhaupt erst einmal flächendeckend Mietspiegel einführen – auf die das Regelwerk der Regierung abstellt –, damit sich die Vorgaben des Gesetzes überhaupt erfüllen lassen. Dass die Mietpreisbremse zudem nichts am Angebotsmangel ändert, darin sind sich Vertreter von Mietern wie Vermietern einig.

Der Zentralausschuss der Immobilienwirtschaft stellte bereits 2014 fest, dass nur dann merklich mehr Wohnraum entstehe, wenn die Vermietung für Investoren ausreichend Rendite einbringe. Doch in den vergangenen Jahren stiegen gerade in den Großstädten die Kaufpreise, getrieben durch das billige Geld der europäischen Zentralbank, weitaus schneller als die Mieten – und das schmälerte die Rendite.
 

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erstellt am 06.Nov.2016 | 13:56 Uhr

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