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Schleswig-Holstein

10. Dezember 2016 | 04:09 Uhr

Vor Sylt : Wohnen im Windpark: Zu Besuch in Deutschlands erstem Offshore-Hotel

vom
Aus der Onlineredaktion

Um sie herum nur Wasser und Windräder: In der Nordsee sind Ingenieure und Arbeiter in eine Wohnplattform gezogen. Von dort aus kümmern sie sich um mehr als 150 Windkraftanlagen auf See.

Sylt | Schäumend bricht sich die Nordsee am stählernen Unterbau. Auf der Plattform rund 20 Meter höher leben seit zwei Monaten rund 50 Techniker, Ingenieure, aber auch Köche oder Hausmeister. Sie alle arbeiten auf Deutschlands erstem Offshore-Hotel rund 70 Kilometer westlich von Sylt. Ihre Aufgabe: Wartung der benachbarten Windparks „Dan Tysk“ (am Netz) und „Sandbank“ (in Bau).

<p>Die Windräder des Offshore-Parks rund 43 Seemeilen (70 Kilometer) westlich von Sylt.</p>

Die Windräder des Offshore-Parks rund 43 Seemeilen (70 Kilometer) westlich von Sylt.

Foto: dpa
 

Insgesamt sollen von hier aus 152 von Vattenfall und den Stadtwerken München betriebene Windräder Strom in deutsche Haushalte schicken.

„Man kann nicht einfach mit dem VW-Bus an die Anlage heranfahren“

Der Alltag auf dem mehr als 2000 Tonnen schweren Koloss ist durch Arbeit geprägt. Im Schichtbetrieb, zwei Wochen am Stück, bis zu 12 Stunden pro Tag, dreht sich auf der in Emden gefertigten Plattform alles um Windenergie. „Das ist 'ne andere Welt“, sagt Christof Huß, Betriebsleiter von „Dan Tysk“ nahe der dänischen Grenze, zum Unterschied zur Windkraft an Land. Auch Plattformtechniker Robert Neumann sagt: „Das ist etwas ganz besonderes.“

„Man kann nicht einfach mit dem VW-Bus an die Anlage heranfahren - und wir müssen nicht nur den Bus durch ein Schiff ersetzen, sondern müssen auch ein Hotel bereithalten“, erzählt Huß. Ein riesiger Aufwand, der viel Geld kostet. Dennoch glaubt Betreiber Vattenfall, dass sich der rund 100 Millionen Euro teure Bau rechnet. „Dort haben wir ja auch deutlich mehr Wind“, erklärt Ingenieur Huß, der bis 2010 Windkraft „onshore“ gemanagt hatte.

<p>Betriebsleiter Christof Huß.</p>

Betriebsleiter Christof Huß.

Foto: dpa
 

Das tief im Meeresboden verankerte Hotel hat noch weitere Vorteile: Bislang mussten die Serviceteams rund 100 Kilometer per Schiff oder Helikopter anreisen. Nun bringen Transportschiffe die Teams innerhalb kurzer Zeit von der Wohnplattform statt von schaukelnden Hotel-Schiffen zu den Einsatzorten. Eine Entwicklung, die selbst Naturschützer freut: „Letztendlich ist alles gut, was Transporte und Flüge reduziert“, sagte Kim Detloff, Leiter Meeresschutz beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Insgesamt jedoch belasteten die Windparks durch ihren Lärm etwa Schweinswale. Auch nach Inbetriebnahme, so Detloff, „gibt es eine dauerhafte Störung“.

Elf Quadratmeter, ein Fernseher und ein eigenes Bad

Einer, der noch entsteht, ist der Windpark „Sandbank“. Die Arbeiten daran gehen jedoch schneller als geplant. Einem Vattenfall-Sprecher zufolge montieren die Techniker derzeit alle zwei bis drei Tage eine neue Turbine. 30 Anlagen stehen bereits. „Offshore ist in Deutschland inzwischen so weit, dass man auf Erfahrungen aufbauen kann“, sagt er.

<p>Blick in eine Schlaf- und Wohnkabine auf der Wohnplattform.</p>

Blick in eine Schlaf- und Wohnkabine auf der Wohnplattform.

Foto: dpa
 

Auch Christof Huß schläft ab und zu auf der 3500 Quadratmeter großen Plattform, wenn er nicht gerade den Betrieb von Hamburg oder dem dänischen Esbjerg aus koordiniert. In den rund 11 Quadratmeter kleinen Kabinen hängen Fernseher, es gibt eigene Bäder. Kraftraum, Kino und Billardtisch sorgen für Abwechslung. Besuch sei jedoch schwierig: „Nur von Vattenfall-Mitarbeitern“, sagt Techniker Neumann, der die Sonnenuntergänge an Deck genießt.

Alles ist dort etwas enger, selbst der Müll wird gepresst, damit er wenig Platz einnimmt. Am wichtigsten sei auf See jedoch etwas anderes: „Es gibt zwei Sachen, die funktionieren müssen, das sind Essen und Kommunikation“, sagt Huß. Fast alle telefonieren abends mit Zuhause - und ist das Essen schlecht, drückt das die Stimmung.

<p>Zwei Sachen müssen funktionieren: Essen und Kommunikation. Für ersteres sind Küchenchefin Gabija Udrenaite (li.) und ihre Kollegin Svetlana Ilciukiene zuständig.</p>

Zwei Sachen müssen funktionieren: Essen und Kommunikation. Für ersteres sind Küchenchefin Gabija Udrenaite (li.) und ihre Kollegin Svetlana Ilciukiene zuständig.

Foto: dpa
 

Die ersten Herbststürme stehen der Plattform noch bevor

Sind die Einschränkungen für Huß ein Problem? „Offshore ist ein Bereich, der mich immer fasziniert hat“, sagt der 45-Jährige über seinen Arbeitsplatz. Doch der Verzicht auf Komfort sei ihm schwer gefallen - nun habe er die ideale Kombination gefunden. Einige Plattformmanager, so erzählt es der zweifache Familienvater, seien sogar noch weniger Privatleben gewohnt gewesen - sie hätten aus der Seefahrt auf der Plattform angeheuert, die im Meer neben der Umspannstation für den Windpark entstand. Eine Gangway verbindet die beiden Ökostrom-Inseln.

<p>Ein Aufenthaltsraum mit Billardtisch auf der Wohnplattform.</p>

Ein Aufenthaltsraum mit Billardtisch auf der Wohnplattform.

Foto: dpa
 

Doch was, wenn man seine Brille an Land liegen lässt? „Man sollte sie nicht zu Hause vergessen“, sagt Huß. Für den medizinischen Notfall gebe es zwar einen Sanitäter und Medikamente an Deck. Alles andere könne schon mal ein paar Tage dauern. „Es ist schwierig.“ Immerhin: Theoretisch könnten die Crews bis zu zwei Wochen völlig autark leben - und die ersten Herbststürme stehen der Plattform noch bevor. Etwas ist allerdings anders als auf den Schiffen, versichert Huß: „Da schaukelt nichts.“

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erstellt am 22.Sep.2016 | 21:16 Uhr

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