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Wirtschaft

29. September 2016 | 20:41 Uhr

Kieler Thyssen-Krupp-Werft : U-Boot-Deal mit Australien: Medienschlacht um einen Milliardenauftrag

vom
Aus der Onlineredaktion

Für 35 Milliarden Euro will Australien seine U-Boot-Flotte erneuern. Die Kieler Thyssen-Krupp-Werft kämpft mit anderen Bietern um den Auftrag.

Canberra/Kiel | Es geht um Hightech, tausende Arbeitsplätze, strategische Interessen und das ganz große Geld: In Australiens Medien wird mit harten Bandagen Meinungsmache über einen Großauftrag für die Marine des Landes betrieben. Ungewöhnlich offen für die sonst verschwiegene Welt der Rüstungsindustrie werden Gerüchte lanciert und die möglichen Folgen des Deals diskutiert. Mittendrin: Die Kieler U-Bootbauer von Thyssen Krupp Marine Systems (TKMS).

Für die ehemalige HDW-Werft von TKMS wäre der Deal mit Australien einer der größten der Unternehmensgeschichte. Die Kieler Werft gehört zu den größten Arbeitgebern in Schleswig-Holstein und gilt als einer der weltweit führenden U-Boot-Hersteller.
Worum geht es?

Der Auftrag, den Australien in Kürze vergeben wird, gilt als einer der lukrativsten Rüstungsverträge der Welt. Bis zu zwölf hochmoderne U-Boote will die australische Marine anschaffen - für rund 35 Milliarden Euro. Drei Bieter sind im Rennen - neben Thyssen Krupp Marine Systems (TKMS) wollen ein japanisches Konsortium um Mitsubishi und Kawasaki und der französische Staatskonzern DCNS den Auftrag.

Australien ist weltweit eines der Länder mit der längsten Küstenlinie und daher auch traditionell eine Seemacht. Das Land, dass militärisch eng mit den Vereinigten Staaten verbündet ist, unterhält eine moderne Flotte, um seine Interessen im pazifischen Raum zu wahren.

Dort wird zur See seit Jahren aufgerüstet. China baut seine Marine massiv aus. Auch die USA setzen auf eine erhöhte Militärpräsenz in der für sie wichtigen Region, wie US-Präsident Barack Obama mehrfach in den vergangenen Jahren betonte. Vor diesem Hintergrund hat Australiens Regierung 2014 beschlossen, seine U-Boot-Flotte bis etwa 2030 komplett zu erneuern. Es geht um mindestens acht, eventuell auch bis zu zwölf Schiffe, die dem neuesten Stand der Technik entsprechen sollen.

Der Auftrag hat ein Volumen von 50 Milliarden australischer Dollar (35 Milliarden Euro) über die Lebenszeit der Schiffe. Darin enthalten sind neben dem eigentlichen Baupreis auch Maßnahmen zu Wartung und Modernisierung der U-Boote.

Wer bietet was?

Drei Firmen haben Angebote abgegeben:

Die Kieler Werft von TKMS bietet ein bisher nur als Entwurf existierendes U-Boot, dessen Design auf der HDW Klasse 216 beruht. Die Schiffe wären etwa 90 Meter lang und hätten 34 Mann Besatzung. Das Unternehmen betont auf seinem Internetauftritt die Vielseitigkeit des Typs. Das U-Boot sei daher prädestiniert für die Bekämpfung von Schiffen und U-Booten, den Angriff auf Landziele, die Unterstützung bei Operationen von Sondereinsatzkräften und die Minenausbringung und Minenaufklärung.

Der französische Rüstungskonzern DCNS mit Hauptsitz in Paris will für Australien eine neue Version seiner bestehenden „Barracuda-Klasse“ bauen. Diese Schiffe wären 97 Meter lang und hätten eine Besatzung von 60 Mann. Die ersten dieser nuklear angetriebenen Jagd-U-Boote befinden sich aktuell im Bau für die französische Marine. Sie sollen 2017 in Dienst gestellt werden. Für Australien würde DCNS eine Version mit konventionellem Antrieb entwickeln.

Das japanische Firmen-Konsortium bietet eine auf die australischen Bedürfnisse angepasste Version der Sōryū-Klasse, der modernsten U-Boote der japanischen Marine. Diese Kriegsschiffe sind 84 Meter lang und haben eine Besatzung von 65 Mann. Für Japan wäre der Rüstungsdeal eine große Premiere, denn das Land hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine strikt pazifistische Außenpolitik verordnet. Dazu gehörte auch das Verbot des Exports von Rüstungsgütern. Erst in der jüngsten Zeit ist diese Politik etwas verändert worden.

 

Offiziell gibt es eigentlich gar nichts zu berichten. Im November hat das australische Verteidigungsministerium mitgeteilt, dass die Angebote der drei Bieter eingegangen sind und nun geprüft werden. Einen Termin, wann ein Ergebnis verkündet wird, ist bisher nicht genannt worden. Australische Medien gehen von einer Entscheidung im Frühjahr oder spätestens Sommer 2016 aus.

In australischen Zeitungen wird aber in dieser Entscheidungsphase offensichtlich versucht, über die öffentliche Meinung auf die Entscheidung Einfluss zu nehmen. Es tobt eine Debatte, die fast schon bizarre Züge annimmt und in Fachkreisen auf Verwunderung stößt. Jüngstes Beispiel: Die überregionale Tageszeitung „TheAustralian“ berichtete kürzlich, sie habe aus einer nicht genannten Quelle erfahren, die US-Amerikaner, der wichtigste militärische Verbündete Australiens, hätten Bedenken gegenüber U-Booten von TKMS. Die Deutschen könnten leichter von China ausspioniert werden. Die Amerikaner würden es daher begrüßen, wenn die Kriegsschiffe in Japan gebaut würden. Sonst könnte es schwierig werden mit der Lieferung von amerikanischer Waffentechnologie, die wichtig für Australiens Marine ist.

Das Gerücht entbehrte wohl jeder Grundlage: Erstens hat Singapur kürzlich zwei U-Boote in Kiel gekauft. Der asiatische Stadtstaat ist ebenfalls ein wichtiger Verbündeter der USA. An Bord der neuen Schiffe werden sich zukünftig ebenfalls amerikanische Waffen und Technologie befinden - von Bedenken der US-Seite bei dem Geschäft ist nichts bekannt. Zweitens würden die Amerikaner ihren NATO-Partner Deutschland mit der Weigerung die deutschen Boote auszurüsten, völlig brüskieren. Dementsprechend gab es auch schon kurze Zeit später ein mehr oder weniger deutliches Dementi in der gleichen Zeitung. Doch das Gerücht ist in der Welt.

<p>Grafische Darstellung eines U-Bootes der Klasse 216: So ähnlich würden die von Thyssen Krupp für Australien gebauten Kriegsschiffe aussehen.</p>

Grafische Darstellung eines U-Bootes der Klasse 216: So ähnlich würden die von Thyssen Krupp für Australien gebauten Kriegsschiffe aussehen.

Foto: TKMS
 

Es ist nicht das einzige: Mehrere Medien berichten, ebenfalls mit unklarer Quellenlage, dass das Angebot aus Kiel nicht optimal sei, weil die U-Boote der ehemaligen HDW-Werft in der Regel viel kleiner seien, als die von Australien geplante Klasse. Es würde Nachteile bringen, wenn die Deutschen nun ihre bestehenden Technologie zu größeren Booten weiter entwickeln würde.

Das Gerücht hielt sich so hartnäckig, dass es eine der führenden Fachzeitschriften für Militärtechnik Australiens veranlasste, sich ausführlich damit auseinander zu setzen: Es sei sehr „unwahrscheinlich“, dass da etwas dran sei. Das schwimmende Gegenbeispiel hätten die Australier quasi vor der Haustür: Die aktuelle U-Boot-Flotte Australiens besteht aus Schiffen der Collins-Klasse. Sie wurden seinerzeit aus einem ebenfalls wesentlich kleineren schwedischen Typ entwickelt - ohne größere Probleme. Es sei also nicht zu erwarten, dass dieser Umstand der australischen Marine Kopfzerbrechen bereite.

 

Auch über die französischen U-Boote wird ähnliches verbreitet. Der Staatskonzern DCNS habe bisher nur nuklearbetriebene U-Boote gebaut und habe daher keine Erfahrung bei konventionellen Antrieben, wie sie die Australier haben möchten, so der Tenor. Woher die Gerüchte stammen, ist unklar. Thyssen Krupp will die lancierten Presseartikel nicht kommentieren. „Zu einem laufenden Ausschreibungsverfahren möchten wir uns nicht äußern - ebenso wenig zu Gerüchten“, sagt Sprecher Torben Beckmann. Dass diese sich offenbar vor allem gegen die Konkurrenz der Japaner richten, hat vermutlich mit der Vorgeschichte des Bieterverfahrens zu tun.

Zunächst hatte das japanische Konsortium den Auftrag scheinbar schon in der Tasche. Innenpolitisch gab es aber reichlich Kritik an dem geplanten Deal der konservativen Regierung von Premier Tony Abbott, als bekannt wurde, dass die Schiffe in Japan gefertigt werden sollen. International machten sich unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel für eine Zulassung auch anderer Anbieter stark. Anfang 2015 ruderte die Regierung zurück und schob ein umfangreiches Ausschreibungsverfahren an. Seit dem haben Deutsche und Franzosen scheinbar eher die Nase vorn.

Die Europäer konnten damit punkten, dass sie öffentlich betonen, in Australien tausende Arbeitsplätze schaffen zu wollen. TKMS könnte sich sogar vorstellen, eine Werft im südaustralischen Adelaide zu einem Zentrum des Marineschiffbaus für den asiatischen Raum auszubauen, berichtete die Financial Times. Das machte offenbar Eindruck in „Down Under“: Unter anderem lobte die mächtige Industriegewerkschaft „Australia Manufacturing Workers Union“ im Herbst das Angebot der Deutschen öffentlich. Inzwischen gibt es aber auch aus Japan Signale in Richtung Kooperation mit australischen Werften. Im beginnenden australischen Wahlkampf vor den Wahlen im Spätsommer 2016 bleibt das Thema aber politisch aufgeladen.

U-Boot-Fertigung auf Kieler Werft: In der Landeshauptstadt hat man seit Jahrzehnten Erfahrung mit dem Bau von Schiffen für Streitkräfte weltweit.
U-Boot-Fertigung auf Kieler Werft: In der Landeshauptstadt hat man seit Jahrzehnten Erfahrung mit dem Bau von Schiffen für Streitkräfte weltweit. Foto: Matthias Hoenig (Archivbild)
 

Wie stark der Werftstandort Kiel von einem möglichen Zuschlag für TKMS in Australien profitieren könnte, ist indes noch unklar. Zu den Anforderungen für die Bieter gehört, dass sie je drei Gebote zum Vergleich abgeben. Die verschiedenen Vorschläge sollen sowohl eine vollständige und eine teilweise Fertigung in Australien sowie einen Bau der U-Boote im Herkunftsland der Bieter abdecken. Alle Gebote stehen offiziell gleichberechtigt nebeneinander.

Die aktuelle australische Debatte lässt aber vermuten, dass möglichst viel Wertschöpfung in Australien stattfinden soll. Dass die Kriegsschiffe in Schleswig-Holstein gefertigt werden, erscheint also unwahrscheinlich. Den Abteilungen für Forschung und Entwicklung von TKMS in Kiel dürfte der Riesenauftrag aber so oder so reichlich Arbeit bescheren.

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erstellt am 28.Jan.2016 | 18:02 Uhr

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