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Wirtschaft

25. September 2016 | 09:09 Uhr

Energiewende als Tourismusbremse? : Studie: Windräder als Störfaktor für Urlauber

vom

Kieler Wissenschaftler haben erstmals untersucht, ob und wie Urlauber Windräder und Co. wahrnehmen. Es gibt deutliche Unterschiede von Ort zu Ort.

Kiel/Rostock | Erweist sich die Energiewende als Tourismusbremse? Diese Frage treibt in Schleswig-Holstein schon länger manchem Sorgenfalten auf die Stirn. Stellt das Landschaftsbild doch das größte Kapital eines Urlaubslands dar. Durchaus ist es schon vorgekommen, dass Touristiker die Industrie- und Handelskammer um Vermittlung gebeten haben, wenn ihnen eine Windmühle oder eine Biogasanlage dicht auf die Pelle rücken sollte. Mit diesem Beispiel hat der Hauptgeschäftsführer der Flensburger IHK, Peter-Michael Stein, den Konflikt deutlich gemacht, als sein Haus dem Thema vor anderthalb Jahren ein Fachforum in Heide widmete. Wurde damals noch auf der Basis von Gefühlen diskutiert, liegen jetzt erstmals wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse über die regenerativen Energien als Störfaktor für Urlauber vor: Der Landestourismusverband Mecklenburg-Vorpommern hat dazu am Montag eine Studie des Kieler Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) veröffentlicht.

6070 Personen bundesweit bat das NIT um ihre Meinung. Die Fragebögen wurden mit den Unterlagen zur „Reiseanalyse“ verschickt – der größten jährlichen Untersuchung zum Urlaubsverhalten der Deutschen, die ebenfalls aus Kiel kommt. 45 Prozent der Befragten gaben an, Windkraft-, Solar- und Biogasanlagen im Urlaub wahrzunehmen. Dies entspricht 24,6 Millionen Bundesbürgern. Rund 2,8 Millionen von ihnen fühlen sich durch diese Anlagen gestört. Speziell Windparks – die im Norden mit Abstand häufigste Variante – empfinden der Studie zufolge 1,5 Millionen Deutsche als störend.

Höhere Werte ergeben sich, stellt man auf die Küsten ab. „Das liegt daran, dass die Menschen dort sehr viel öfter Windparks begegnen“, erklärt NIT-Direktor Professor Martin Lohmann. Von den Mecklenburg-Vorpommern-Urlaubern stören sich immerhin 7,7 Prozent an Windrädern. Der Bundes-Durchschnitt liegt bei nur 4,2 Prozent, also bei jedem 20. Deutschen. „Der Logik der häufigeren Sichtbarkeit folgend, kann man davon ausgehen, dass die Lage mit Blick auf die Windparks in Schleswig-Holstein ähnlich ist wie in Mecklenburg-Vorpommern“, sagt Lohmann. 

Wenn also zwischen Nord- und Ostsee etwa acht Prozent der Erholungssuchenden mit Rotoren und ihren Masten hadern, mag das immer noch nach nicht allzu viel klingen. Lohmann gibt aber zu bedenken: „Das ist kein Freibrief für die Zukunft.“ Erstens beziehe sich das Meinungsbild auf die Jetzt-Situation. Die Werte könnten sich ändern, wenn erst das Repowering der kleineren alten durch größere moderne Rotoren abgeschlossen ist und darüber hinaus alle weiteren neu genehmigten Windparks fertig sind. Das Land hat dafür kürzlich die Fläche verdoppelt. Zweitens, so Lohmann, könne die Lage an einzelnen Orten mit besonders hoher Rotorendichte sensibler sein kann als im Durchschnitt eines Bundeslandes. „Man muss sehr kleinräumig analysieren, was verträglich ist und was nicht“, schlussfolgert der Forscher.

Deutlich weniger als über die Windkraft ärgerten sich die Befragten über Stromtrassen – was laut Lohmann jedoch schlicht daran liegt, dass es weniger Masten von Hochspannungsleitungen als Windräder gibt. An einem exakten Ort x oder y, durch den eine Stromtrasse hindurch führt, sieht auch das jedoch ernster aus. Eine wichtige Aussage mit Blick auf die 380 KV-Leitung, die von Niebüll bis Brunsbüttel geführt werden soll.

Mecklenburg-Vorpommerns Tourismuspräsident Jürgen Seidel forderte für die weitere Energiewende „einen verantwortungsvollen Umgang im Sinne einer genauen Risiken- und Folgenabschätzung“. Kluge Kompromisse, kleinräumliche Betrachtungen und Rücksichtnahmen auf politische Entscheidungen vor Ort seien notwendig. Regelmäßige Urlauber- und Einwohnerbefragungen müssten den Ausbau begleiten. Die pauschale Ausweisung von Vorranggebieten für Windenergie in der Nähe touristischer Zentren bezeichnete er als „Risiko und Gefahr für das Image des gesamten Bundeslandes“.

Die Geschäftsführerin des Tourismusverbands Schleswig-Holstein, Catrin Homp, wollte sich am Montag nicht äußern. Sie verwies auf eine Pressekonferenz am Dienstag in Husum. Anlass: Unter Schleswig-Holstein-Urlaubern hat das NIT noch zahlreiche weitergehende Fragen  zu erneuerbaren Energien und Tourismus untersucht. Dies geschah im gemeinsamen Auftrag sowohl der Tourismus- als auch der Erneuerbare-Energien-Branche. In dem Zusammenwirken von Vertretern verschiedener Interessen schon bei der Vergabe der vertiefenden Schleswig-Holstein-Studie sieht Lohmann den Schlüssel für die Zukunft: So sei am ehesten ein Ausgleich gewährleistet.

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erstellt am 08.Jul.2014 | 06:38 Uhr

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