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Wirtschaft

24. Juli 2016 | 02:58 Uhr

Klimawandel : Schleswig-Holstein meerverschlungen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Pegel der Ozeane ist in den vergangenen 100 Jahren gestiegen: Ein Risiko auch für Schleswig-Holstein – besonders, wenn Sturmfluten in der „Badewanne“ planschen.

Leck | Betrachtet man aktuelle Karten, entsteht der Eindruck, das Meer könnte Schleswig-Holstein ganz schön anknabbern – und Menschen wie die heute geborene Mia, die im Jahr 2090 noch lebt, könnten schlimmstenfalls in einem teilweise vom Meer verschlungenen Land leben. Fast ein Drittel des Landes stünde bei Sturmfluten wie 1962 an der Nordsee oder 1872 an der Ostsee unter Wasser – gäbe es nicht die Deiche. Doch was ist, wenn der Meeresspiegel weltweit steigt? Könnte Mia, sofern wohnhaft in Leck, Heide, Glücksburg, Kappeln, Rendsburg, Eckernförde oder Heiligenhafen, dann noch trockenen Fußes vor die Haustür treten? Oder hat ihr Heim gar schon den Fluten weichen müssen?

Klimaforscher berechnen die Entwicklung des Meeresspiegels für den Zeitraum 2081-2100 im Vergleich zu den Jahren 1986-2005. Dabei verwenden sie verschiedene mögliche Entwicklungen des Treibhausgasausstoßes der Menschheit.

Abhängig von dem jeweiligen Szenario könnte die globale Erwärmung bei steigendem CO2-Gehalt der Atmosphäre zu einem 40 bis 100 Zentimeter höheren Pegel der Meere führen. Andere Studien zeigen gar einen Anstieg um zwei Meter. Dass sich der Meeresspiegel erhöhen wird, darin sind sich die Wissenschaftler somit ziemlich sicher – um wieviele Zentimeter genau und welche Prozesse dazu am meisten beitragen werden, darin gibt es noch Unsicherheiten.

Den größten Beitrag wird laut dem neuen Bericht des Weltklimarates (IPCC) die thermische Ausdehnung des Wassers leisten. Dadurch, dass die Meere Wärme aus der Atmosphäre aufnehmen, dehnt sich das Wasser aus und nimmt mehr Volumen ein. „Mit diesem Faktor kann die Klimaforschung gut umgehen“, sagt Professor Hans von Storch vom Helmholtz-Zentrum für Küstenforschung in Geesthacht.

Schwieriger wird es da schon bei dem zweiten großen Faktor: dem zusätzlichen Wasser, das beim Abschmelzen der Eismassen auf Grönland und der Antarktis in die Meere gelangt. In dem neuen IPCC-Bericht werden zum ersten Mal Modelle verwendet, die diesen Anteil der schmelzenden polaren Eiskappen mit einbeziehen. Dafür musste aber zunächst etabliert werden, ob es wirklich ein Tauen der Eisblöcke und Gletscher geben wird. „Theoretisch wäre es auch möglich, dass ein Mehr an Schnee in den Polargegenden die Gletscher anwachsen lässt“, erklärt Professor von Storch. Dann würde wieder mehr Wasser an den Polen gebunden und das Abtauen ausgeglichen werden. „Die Tendenz geht aber dahin, dass die Eisblöcke tatsächlich abnehmen und so zusätzliches Wasser in die Ozeane gelangt“.

Obwohl der globale Meeresspiegel im Durchschnitt ansteigt, muss das noch nicht heißen, dass dies auch an den Küsten von Nord- und Ostsee der Fall sein wird. „Die regionalen Abweichungem können erheblich sein“, sagt Professor Detlef Stammer vom Institut für Meereskunde an der Uni Hamburg. Das regionale Niveau der Meere wird von ozeanischen und atmosphärischen Strömungen beeinflusst, die wiederum Veränderungen im Salzgehalt des Wassers und zwischen Luftdruckgebieten geschuldet sind. Ob und was sich an diesen Phänomenen durch Treibhausgasemissionen und die globale Erwärmung verändert, ist bislang sehr schwer zu ermitteln, sagt Professor Stammer.

Mit dem grönländischen Eisschild ist zusätzlich eine regionale Auswirkung verbunden. Durch ihr Schrumpfen verliert die Eismasse an Anziehungskraft, folglich wird in Zukunft das Wasser rund um Grönland absinken, was zu einem leichten Meeresspiegelanstieg in anderen Regionen wie der Nord- und Ostsee führt.

Hinzu kommt, dass sich die Hebung oder Senkung der Erdkruste in bestimmten Regionen auf den Meeresspiegel auswirken kann. In Nordskandinavien hebt sich das Land, seitdem es nicht mehr von den Eispanzern der letzten Eiszeit belastet ist, also fällt dort der Wasserspiegel der Ostsee. In Schleswig-Holstein senkt sich das Land hingegen leicht, mit etwa einem Millimeter pro Jahr – das ist allerdings nicht genug, um einen nennenswerten Unterschied im Wasserstand an den Küsten zu verursachen.

An der Nordsee wird letztlich der globale Meeresspiegelanstieg die größte Veränderung ausmachen, glauben die Wissenschaftler in Geesthacht. Immerhin haben sie auch für das letzte Jahrhundert schon eine Änderung gemessen: Um die 20 Zentimeter sind dazugekommen – bis zu einem Meter könnten es bis 2100 sein, wenn man pessimistisch ist, sogar 1,20 Meter, ergeben die Klimamodelle der Forscher. Außerdem müsse man bedenken, sagt Professor von Storch: „Der Meeresspiegelanstieg hört ja im Jahr 2100 nicht einfach auf – auch wenn wir die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen, hört er nicht auf.“

Die gute Nachricht bei alldem ist: Schleswig-Holstein ist auch bei steigendem Wasser in den umgebenden Meeren recht gut geschützt. Das Land liegt hoch genug oder wird von Deichen trocken gehalten. Kritisch wird es aber, wenn zu dem gehobenen Normalpegel der Meere, auch noch eine Sturmflut kommt. Man müsse es sich vorstellen, wie ein Kind in der Badewanne, sagt Professor von Storch. Sitzt das Kind friedlich im Wasser, dann ist das der normale Wasserstand. „Fängt es aber an zu planschen, dann schwappt die Wanne ganz schnell über“. Ein planschendes Kind ist eine Sturmflut. Und natürlich kommt es schneller und häufiger zum Überschwappen, wenn das Grundniveau des Wasserpegels bereits (durch den Klimawandel) erhöht ist.

Bei einer Sturmflut treibt der Wind das Wasser vor sich her, das führt zu stärkerem Seegang, aber auch schlicht zu mehr Wassermasse, die sich dann zum Beispiel in der Deutschen Bucht und besonders der Elbe staut. Bislang gibt es aber keine Anzeichen dafür, dass es in Zukunft ein verändertes Windklima geben wird: „Was den Wind angeht, zeigen unsere Szenarien kein eindeutiges Bild“, erklärt Professor von Storch. Dennoch könnten die Sturmfluten an der Nordseeküste bis Ende des Jahrhunderts um 30 bis 110 Zentimeter höher auflaufen. Diesem Problem muss in Schleswig-Holstein durch weitere Küstenschutzmaßnahmen vorgebeugt werden. Deswegen, so Professor von Storch, sei es wichtig, dass die Erinnerung an die Sturmfluten von 1962 an der Nordsee und 1872 an der Ostsee wachgehalten werden. „Wir haben zwar sehr hohe Sturmfluten, aber wenn wir uns vorbereiten, können wir gut damit umgehen.“

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erstellt am 08.Apr.2014 | 16:40 Uhr

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