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Wirtschaft

25. März 2017 | 14:42 Uhr

Windenergie : Prokon-Insolvenz: Ein teurer Spaß für Anleger

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Prokon-Insolvenzverwalter wirft ehemaliger Geschäftsführung vor, die Buchführung „wissentlich vernachlässigt“ zu haben.

Hamburg/Itzehoe | Der Hamburger Rechtsanwalt Dietmar Penzlin hat drei harte Arbeitsmonate hinter sich. Als vorläufiger Insolvenzverwalter hat er mit einem Team aus 25 Rechtsanwälten, Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Unternehmensberatern die Finanzen und Strukturen der Windenergie-Firma Prokon im schleswig-holsteinischen Itzehoe durchleuchtet. Das Ergebnis ist ein Desaster. Die Anleger werden mindestens 40 Prozent ihres Kapitals verlieren, vielleicht aber auch 70 Prozent. Nach vorläufiger Einschätzung sei mit einer Insolvenzquote von 30 bis 60 Prozent zu rechnen, so Penzlin. Fast als gute Nachricht klingt es da, dass der Totalverlust ausbleibt. Prokon ist mit fast einer halben Milliarde Euro überschuldet und verdiente zumindest im vergangenen Jahr operativ kein Geld. Ein ordentlicher Jahresabschluss liegt auch für 2012 nicht vor. „Das Rechnungswesen und das Controlling von Prokon befinden sich in einem ausgesprochen mangelhaften Zustand“, so Penzlin.

„Das ist darauf zurückzuführen, dass die Geschäftsführung diesen wichtigen Unternehmensbereich über viele Jahre wissentlich vernachlässigt hat.“ Damit rückt die Unternehmensführung von Prokon-Gründer und Geschäftsführer Carsten Rodbertus in den Fokus. Der 52-Jährige hatte Prokon vor fast 20 Jahren gegründet, um die erneuerbaren Energien voranzubringen. Mit großem persönlichem Einsatz, aber auch mit massivem Werbedruck fand Rodbertus mehr als 75.000 Anleger, die seiner Vision folgen wollten – grüne Energieerzeugung mit hoher Rendite.

Noch kurz vor dem Insolvenzantrag am 22. Januar versicherte Rodbertus seinen Anlegern, das Unternehmen verfüge mit den Windkraftanlagen über hohe stille Reserven und sei somit wirtschaftlich gesund. Die Ergebnisse von Penzlin sehen anders aus. „Es gibt keine stillen Reserven“, stellte er knapp fest. Im Gegenteil, etliche der Beteiligungen und der von Prokon vergebenen Kredite sind weniger wert als in der Bilanz steht. Penzlin will nun einen Interims-Manager einstellen, die Firma sanieren, ein ordentliches Rechnungswesen aufbauen und sich auf den Kernbereich konzentrieren, die Windkraft. Mit 300 Beschäftigten und ohne Tochterunternehmen könnte Prokon eine Zukunft haben. Der Deutsche Gewerkschaftsbund Schleswig-Holstein Nordwest forderte, dass vor allem auch die Herstellung der Prokon-eigenen Windenergieanlage in Itzehoe erhalten und ausgebaut werden müsse.

Mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens können Anleger ihre Forderungen zur Insolvenztabelle anmelden. Penzlin appelliert jedoch an die Anleger, damit noch bis Mitte Juli zu warten. Dann bekommen die Anleger ein individuelles Formular mit einem Barcode zugesandt, mit dem die Forderung erheblich schneller geprüft werden kann.

Für den 22. Juli hat das Amtsgericht Itzehoe die Gläubiger zu einer Versammlung in eine Hamburger Messehalle eingeladen. In dieser Versammlung entscheiden die Gläubiger über den Fortgang des Verfahrens und können die Sanierung des Unternehmens im Rahmen eines Insolvenzplans beschließen.

Lerneffekt verpasst, ein Standpunkt von Michael Braun

Da haben die Anleger, ob grün-bewegt, leichtgläubig oder gierig, trotz allem noch mal Glück gehabt. Die Genussrechte, die im Niedrigzinsumfeld bis zu acht Prozent Rendite versprachen und zuletzt nur durch Einwerben neuer Genussrechte bedient werden konnten, diese Genussrechte können nun beim Insolvenzverwalter eingereicht werden. Sie gelten nicht als verlorenes Risikokapital. Damit steigen die Forderungen an die Insolvenzmasse. Der Insolvenzverwalter muss sehen, dass die Fortführung des Geschäfts möglich bleibt. Das lief operativ einigermaßen rund, stand zuletzt nur in den roten Zahlen, weil die Vertriebskosten für immer neue Genussrechte so hoch waren. Planung und Betrieb von Windparks und die Stromproduktion allein erbrachten schwarze Zahlen. Schade, dass das Gericht der Rechtslage wegen helfen musste. Der Schmerz des Anlegers wird damit gedämpft. Der Lerneffekt leider auch. Der besagt: Wo die Rendite hoch ist, ist auch das Risiko hoch.

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von
erstellt am 03.Mai.2014 | 13:13 Uhr

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