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Wirtschaft

05. Dezember 2016 | 01:33 Uhr

Trend zur Höherqualifizierung : Millionengeschäft Nachhilfe: Boom dank überehrgeiziger Eltern?

vom

Der Markt für Nachhilfe-Unterricht boomt. Pro Monat investieren Eltern in Deutschland durchschnittlich 87 Euro in die Extra-Förderung. Nicht immer geht es dabei darum, die Versetzung zu schaffen.

Kiel/Gütersloh | „5 weg oder Geld zurück“ verspricht ein großer Anbieter von Nachhilfe auf riesigen Werbebannern. Gleich neben der Reklame für den „Abi-Crashkurs 2016“ oder die „Crash-Kurse für den Abschluss in Klasse 10“, die junge Leute „topfit für ein gutes Zeugnis“ machen sollen. Und die Werbung wirkt: Das Geschäft mit der Nachhilfe brummt. Fast 900 Millionen Euro geben Eltern jährlich für private Nachhilfestunden aus, wie aus einer aktuellen Bertelsmann-Studie hervorgeht.

Der Anteil der Nachhilfeschüler ist heute fast doppelt so hoch wie vor rund 15 Jahren. Bundesweit erhielten 1,2 Millionen Schüler im vergangenen Schuljahr Extra-Förderung außerhalb des regulären Unterrichts. Das entspricht einem Anteil von 14 Prozent. In Schleswig-Holstein liegt der Wert mit 15,5 Prozent leicht über dem Bundesdurchschnitt. Vor allem Schüler an weiterführenden Schulen bekamen der Studie zufolge Nachhilfe, am höchsten ist der Anteil bei Gymnasien, wo fast jeder fünfte Schüler betroffen ist.

Foto: sh:z-Grafik Yalim
 

In vielen Fällen geht es gar nicht um das Vermeiden einer 5 oder gar das Sitzenbleiben, sondern um die weitere Verbesserung der schulischen Leistungen. Mehr als jeder dritte Nachhilfe-Schüler hat im entsprechenden Fach bereits befriedigende oder bessere Schulnoten. „Das ist eine fragwürdige Entwicklung, die aus unserer Sicht keinen Sinn macht“, kritisiert Bernd Schauer, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Warum soll man diesen unnötigen Leistungsdruck aufbauen?“ Dahinter stehen seiner Meinung nach „überehrgeizige Eltern“, die ihren Sprösslingen noch die eine oder andere bessere Kommastelle im Zeugnis bescheren wollen, um den Wunsch-Studienplatz zu ergattern. „Ihren Kindern tun sie damit keinen Gefallen“, meint Schauer.

Nachhilfe ist auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit. Kinder, deren Eltern sich die teuren Stunden nicht leisten können, sind die Verlierer des Systems. Doch hier bietet die Bertelsmann-Studie eine erfreuliche Nachricht: Ein Viertel der Elternhäuser muss für die private Nachhilfe nicht in die eigene Tasche greifen. Das liegt vor allem an gebundenen Ganztagsschulen, an denen nachmittags häufig gezielter Förderunterricht durch Lehrkräfte oder ältere Schüler auf dem Stundenplan steht. „Der Ausbau von Ganztagsschulen muss weiter vorangetrieben werden“, fordert deshalb Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, „damit Bildungschancen nicht von privat finanzierter Nachhilfe abhängen.“

Aber ob Ganztagsschule oder nicht, ist es nicht per se Aufgabe der Schule, ihre Schüler so zu fördern, dass private Extrastunden gar nicht nötig sind? „Man kann die große Nachfrage nach Nachhilfe nicht pauschal den Schulen vorwerfen“, meint Bernd Schauder von der GEW. „Bei Klassengrößen von 30 Schülern können Lehrer individuelle Förderung einfach nicht leisten. Es fehlt an Lehrern, Räumlichkeiten und Ausstattung. “

Der Boom im Nachhilfe-Sektor beschert einer Personengruppe den Status als gefragte Leute: Lehrer im Ruhestand. Sie werden momentan gleich von mehreren Seiten umgarnt. Volkshochschulen, die Deutschlehrer für Flüchtlingskurse suchen,  das Kieler Bildungsministerium, das die Pensionäre bittet, sich trotz Erreichen des Rentenalters wieder vor Klassen zu stellen – denn der Nachwuchsmangel bei Lehrern reißt Lücken in Stundenpläne. Und schließlich Nachhilfe-Organisationen, die händeringend Lehrkräfte suchen, um die hohe Nachfrage bedienen zu können.

Eine Ursache des Phänomens ist auch der allgemeine Trend zur Höherqualifizierung, länger zur Schule zu gehen und mögllichst ein Studium anzustreben. Unzählige Firmen, die Schwierigkeiten haben, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, können ein Lied davon singen.

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erstellt am 29.Mai.2016 | 07:00 Uhr

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