zur Navigation springen

Wirtschaft

28. September 2016 | 02:02 Uhr

Aus für sechs Filialen : Karstadt: Der letzte Akt

vom
Aus der Onlineredaktion

Seit zehn Jahren kämpft Karstadt um seine Zukunft, nun sollen erneut Filialen geschlossen werden. Führt das zurück in die Erfolgsspur?

Kiel/Essen | Mehr als zehn Jahre dauert das Drama inzwischen: Was der Aufsichtsrat von Karstadt am Donnerstagabend hinter verschlossenen Türen beschloss, leitet wohl das letzte große Kapitel ein. Sechs Filialen werden bis Mitte 2015 geschlossen - in Hamburg-Billstedt, Stuttgart, Köln, Göttingen, Paderborn und Frankfurt/Oder. Bis zu 240 Arbeitsplätze fallen weg, weitere 2000 sollen folgen.

Stephan Fanderl ist der neue Karstadt-Chef.
Der bisherige Karstadt-Aufsichtsratsvorsitzende Stephan Fanderl wird neuer Chef der angeschlagenen Warenhauskette. Er folgt auf Eva-Lotta Sjöstedt. Foto: Imago/Sven Simon
 

Der neue Karstadt-Chef Stephan Fanderl kündigte an, bei weiteren acht bis zehn Filialen werde er individuelle Lösungen suchen. „Wir sprechen etwa mit den Vermietern, ob es alternative Nutzungen für den Standort gibt und eine Chance besteht, früher aus den laufenden Mietverträgen herauszukommen“, sagte der 51-jährige Manager dem „Handelsblatt“. Außerdem kündigte Fanderl an, dass er mit der Belegschaft verhandeln wolle. „Wir müssen über Einsparungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld sprechen und darüber, die Tarifpause über 2015 hinaus zu verlängern.“ Der Karstadt-Gesamtbetriebsratchef Hellmut Patzelt sprach von einem „dunklen Tag für die Beschäftigten“.

Arno Peukes sitzt für die Gewerkschaft Verdi im Karstadt-Aufsichtsrat. Er erklärte: „Nach wie vor ist die Zukunft von 21 Warenhäusern, die rote Zahlen schreiben, ungewiss.“ Der Betriebsrat und die Gewerkschaft würden alles daran setzen, diese Häuser zu erhalten. Die nächste Aufsichtsratssitzung sei für Anfang nächsten Jahres geplant.

All das mutet nicht nur wie eine Verzweiflungstat an, es dürfte eine sein. In der Branche gibt man zu bedenken, dass ein Unternehmen wie Karstadt auch zunehmend ein Problem habe, gute Leute zu finden und zu halten. Stephan Fanderl ist mittlerweile der dritte Karstadt-Chef in nur drei Jahren – inzwischen zum Teil entlassene Interims-Geschäftsführer nicht einmal mitgerechnet.

Nach den Standorten in Wismar und Lübeck eröffnete Rudolph Karstadt 1888 seine dritte Filialen in Neumünster.
Nach den Standorten in Wismar und Lübeck eröffnete Rudolph Karstadt 1888 seine dritte Filialen in Neumünster. Foto: Lipovsek

1881 wurde Karstadt in Wismar gegründet, nur drei Jahre später folgte ein zweiter Standort in Lübeck. In den darauffolgenden Jahren kamen Neumünster, Kiel, Mölln, Preetz hinzu. Während der Karstadt-Konzern heute seinen Sitz in Essen hat, war Karstadt in seinen Anfängen vor allem in Norddeutschland vertreten.

Bis zur Jahrtausendwende war Karstadt zu einem mächtigen Handelskonzern herangewachsen. Als Karstadt-Quelle war er 2004 Arbeitgeber von 100.000 Menschen quer durch die Republik – und steckte tief in den roten Zahlen. Auch damals im Oktober gab es die Tage und Wochen der Entscheidungen, auch damals wurden Sanierungsprogramme im dreistelligen Millionenbereich aufgelegt, weite Teile des Firmen-Portfolios in den darauffolgenden Jahren verscherbelt. Doch die Krise blieb.

Dabei ist es zu einfach, das Warenhaus per se abzuschreiben. Es gebe Beispiele von Kaufhäusern, denen es gut gehe, gibt Monika Dürrer, Geschäftsführerin beim Einzelhandelsverband Nord (EHV) in Kiel zu bedenken. Kaufhaus Stolz etwa – oder die  Galeria Kaufhof. Und auch Karstadt habe Standorte, an denen die Filialen gut liefen. 

Doch es gibt auch jene Standorte, an denen das nicht der Fall ist. Experten sahen zuletzt vor allem drei Filialen als stark gefährdet an – bei Flensburg, Norderstedt und Neumünster vermisste der Warenhausexperte Gerd Hessert eine „tragfähige Marktposition“. Bundesweit sah Hessert in einer Studie, aus der damals der „Focus“ zitierte, 29 der 83 Filialen kritisch. Dass es nach der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag jedoch zu schnellen Schließungen kommen wird, bezweifelten viele Experten im Vorfeld. Dass es Schließungen und auch Entlassungen geben werde, hingegen kaum einer.

Nicolas Berggruen führte Karstadt bis 2013.
Nicolas Berggruen führte Karstadt bis 2013.
 

Als Nicolas Berggruen Karstadt 2010 für einen symbolischen Euro übernahm, wollten viele Deutsche noch an ein Wunder glauben. Doch das Wunder blieb aus. Berggruen verkaufte die drei Luxus-Häuser des Konzerns an die Signa-Gruppe des Österreichers René Benko und strich Millionenbeträge mit Lizenzgebühren ein, die die Karstadt-Häuser für die Nutzung des Namens an Berggruens Holding zahlen mussten. Der Warenhaus-Konzern schrieb derweil dreistellige Millionenverluste und die Belegschaft blickte in eine  ungewisse Zukunft.

Karstadt hat aus Sicht vieler Experten nicht mit den Entwicklungen Schritt gehalten. Der Handel entwickle sich weiter, sagt EHV-Vertreterin Dürrer. Die Konkurrenz der Warenhäuser wuchs - und ihr Marktanteil am deutschen Einzelhandel sank. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat er sich fast halbiert. Lag er im Jahr 2000 immerhin noch bei 4,2 Prozent, waren es zuletzt gerade einmal noch 2,2. Die Negativschlagzeilen haben im Falle Karstadts zudem am Image gezerrt. Um 17 Plätze ging es allein in den vergangenen zwei Jahren für das Unternehmen in einem Marken-Ranking der Beratungsfirma Batton Company bergab. Sympathie und Vertrauen in die Marke befinden sich bei Kunden im Sinkflug. Laut Batton Company wüssten zudem immer weniger Verbraucher, wofür Karstadt überhaupt stehen soll. 

„Es ist schon so, dass ich glaube, dass Warenhäuser noch eine Daseinsberechtigung haben“, sagt allerdings Dörte Nitt-Drießelmann, Einzelhandelsexpertin beim Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Nach Angaben der HWWI-Expertin hat Karstadt aber vor allem beim Sortiment Fehler gemacht. „Ich halte es für vollkommen falsch, dass sie versuchen, alles anzubieten“, sagt Nitt-Drießelmann. „Sie haben versucht, vom Knopf bis zum Fernseher alles zu verkaufen.“

Gerade bei der Bekleidung ist dies für Karstadt  zum Problem geworden. Denn die Umsätze machen Deutschlands Kaufhäuser statistisch gesehen in anderen Bereichen. Jeder vierte Euro wandert  beispielsweise im Tausch gegen  Lederwaren und Accessoires in die Kasse. 14 Prozent des Umsatzes entfallen auf Sportartikel, 12 Prozent auf Schmuck. „Die jungen Leute gehen nicht zu Karstadt, um Kleidung zu kaufen“, kritisiert Expertin Nitt-Drießelmann.

Viele Experten haben immer für die deutsche Warenhaus-AG als möglichen Ausweg plädiert, den Zusammenschluss von Karstadt und Kaufhof. Berggruen wurden in der Hinsicht Ambitionen unterstellt, dem neuen Eigentümer aller Karstadt-Häuser Benko ebenfalls. „Die Signa konzentriert sich zusammen mit dem Management von Karstadt voll und ganz auf das Sanierungs- und Zukunftsprogramm für die Karstadt Warenhaus GmbH“, ließ ein Sprecher der Benko-Gruppe Signa am Donnerstag nur mitteilen. Wie die aussehen könnte, war im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung bekannt geworden. Benko plant demnach die Filialen aufzuteilen – in Erlebnisfilialen und Kaufhäuser des täglichen Bedarfs. Ob der letzte Akt im Karstadt-Drama am Ende zu einem Neuanfang führt, bleibt abzuwarten – den 17.000 Beschäftigten nur die Ungewissheit.

mit dpa

zur Startseite

von
erstellt am 24.Okt.2014 | 11:59 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen