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Wirtschaft

29. Juli 2016 | 00:15 Uhr

Nach Aufhebung der Sanktionen : Firmen in SH setzen auf den Iran

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Maschinenbau und Medizintechnik: Unternehmen in Schleswig-Holstein hoffen auf gute Geschäfte. Doch die Finanztransaktionen bleiben schwierig.

Kiel/Lübeck | Know-How aus Brunsbüttel? Das ist auch im Iran gefragt. Als die Herren einer zehnköpfigen Delegation des Gottesstaates im November über das Gelände der Sonderabfallverbrennungsanlage (SAVA) schritten, überraschten sie Geschäftsführer Martin Kemmler. „Sie haben direkt nach Preisen für bestimmte Abfallstoffe gefragt“, erinnert sich der Chef der modernen Anlage mit weltweitem Kundenstamm. Könnten also bald Container aus dem Iran in Brunsbüttel abgefertigt werden? „Interesse und Potenzial sind da“, so Kemmler.

In einem historischen Schritt hatten die internationale Gemeinschaft und der Iran ihren Streit um das Atomprogramm Teherans am Wochenende beigelegt. Die IAEA hatte bestätigt, dass der Iran sein Atomprogramm wie im Atomabkommen vereinbart massiv zurückgefahren habe. Politisch nicht mehr isoliert, wirtschaftlich nicht mehr sanktioniert. Jeder freut sich im Iran über das Atomabkommen. Aber der Deal weckt auch neue Erwartungen. Präsident Hassan Ruhani steht im Rampenlicht - und in der Pflicht.

Nach Jahren der Isolation sind die Sanktionen gegen den Iran weitestgehend aufgehoben, und nicht nur deutsche Autobauer frohlocken. Auch die schleswig-holsteinische Wirtschaft hofft auf neue Aufträge aus Nahost. „Das Interesse ist absolut groß“, sagt Werner Koopmann, Federführer International bei der Arbeitsgemeinschaft der Industrie- und Handelskammern Schleswig-Holstein (IHK). Schon im vergangenen Jahr hatte die IHK Lübeck einen Infoabend über Markt-Chancen im Iran angeboten. Ähnliche Veranstaltungen sollen folgen. Das Land sei zu Schah-Zeiten ein großer und wichtiger Wirtschafts-Partner der hiesigen Unternehmen gewesen. Koopmann hofft jetzt auf eine Renaissance dieser Beziehungen: „Gerade für Aufträge aus den Bereichen Reparatur und Modernisierung von Maschinenanlagen, der dezentralen Energieversorgung aber auch der Gesundheit und Medizin kommen Unternehmen aus Schleswig-Holstein infrage.“

Unternehmen wie Dräger. Die in Lübeck ansässigen Spezialisten für Medizin- und Sicherheitstechnik haben schon in den vergangenen Jahren iranische Krankenhäuser und Anlagen der Öl- und Gasindustrie beliefert, wie Sprecherin Melanie Kamann gegenüber dem sh:z sagte. Dafür lägen entsprechende Exportgenehmigungen für zum Beispiel Beatmungsgeräte und Wärmebettchen vor. Aktuell liege der Anteil der Kunden aus dem Iran aber deutlich unter einem Prozent. „Nach der Aufhebung des Iran-Embargos wird Dräger voraussichtlich für viele Produkte der Medizintechnik keine Ausfuhrgenehmigungen mehr benötigen. Das bietet Chancen für unser Geschäft, die wir ausschöpfen werden“, so Kamann.

Unter den exportierten Waren vom „echten Norden“ in den Gottesstaat waren zuletzt 2014 vor allem Güter für die gewerbliche Wirtschaft – zum Beispiel Maschinen für die Industrie. Die Ernährungswirtschaft spielt dagegen eine geringere Rolle, aber auch nur, weil Lieferungen aus diesem Bereich seit 2010 rapide abgenommen haben.

Doch auch insgesamt hat der Export in den Iran seit 2010 einen starken Dämpfer bekommen (siehe Grafik). Im Jahr zuvor gab Mahmud Ahmadinedschad die Eröffnung der ersten Brennstäbe-Fabrik bekannt – die letzte Stufe im iranischen Atomprogramm. Wenig später erteilte der damalige Machthaber außerdem weiteren Gesprächen über das Atomprogramm eine Absage. US-Präsident Barack Obama kündigte 2010 umfangreiche Sanktionen gegen den Iran an, nachdem die Atomenergiebehörde des Landes nach eigenen Angaben für medizinische Zwecke mit der Anreicherung von Uran begann.

Nach Einschätzung von Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel biete die Wirtschaft des Irans für die mittelständisch geprägte Wirtschaft Schleswig-Holsteins ein erhebliches Potenzial. Der Experte für internationale Rohstoffmärkte sieht vor allem in der Industrie Möglichkeiten: „Das ist ein wichtiger Wirtschaftszweig, in dem in den vergangenen Jahren der Maschinenpark stark gealtert ist. Die Iraner haben einen großen Investitionsbedarf.“ Da die Wirtschaft wachse, rechnet Gern mit einem Einkommenszuwachs der Perser. „So könnte auch die Ernährungswirtschaft einen Markt finden“, sagt der Ökonom. Probleme sieht er aufseiten des Finanzsektors: „Deutsche Banken sind aus Angst vor Sanktionen der US-Regierung sehr vorsichtig. Noch ist nicht ganz klar, was möglich ist und was nicht.“ Traditionell sei der Iran schon immer ein wichtiger Handelspartner Deutschlands gewesen. Auf längere Sicht könne das Land wieder aufschließen und einen ähnlichen Rang wie die Türkei einnehmen.

Für Hans Fabian Kruse, Präsident des AGA Unternehmensverbands für den Groß- und Außenhandel, steht fest, dass die Chancen für Waren „made in Germany“ im Iran äußerst gut sind: „Die Hoffnungen sind groß, allein der Teufel steckt im Detail. Denn jetzt muss geklärt werden, welche Sanktionen weiter bestehen und wie die Finanzierung ablaufen kann.“

 

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erstellt am 20.Jan.2016 | 08:27 Uhr

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