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Wirtschaft

09. Dezember 2016 | 10:54 Uhr

„Existenzentscheidung“ für viele Fischer aus SH : EU legt Dorschquote für die Ostsee fest

vom

Dem Dorsch in der westlichen Ostsee geht es schlecht. Den Fischern droht eine Reduzierung der Fangmengen um 88 Prozent.

Rostock/Luxemburg | Das Gezerre um die Dorschquote hat die Verhandlungen über die Ostsee-Fangmengen verzögert. Diplomaten rechneten am frühen Montagabend damit, dass die Gespräche der EU-Fischereiminister am Montag in Luxemburg noch einige Stunden dauern würden.

In Luxemburg entscheidet sich das Schicksal vieler Ostseefischer. Die Fischereiminister der EU-Staaten wollen sich auf die Fangquoten für die Ostsee im kommenden Jahr einigen. Umstritten ist vor allem der Dorsch, denn angesichts des schrumpfenden Bestands in der westlichen Ostsee droht den Fischern eine Absenkung der Quoten um 88 Prozent. Das Verhandlungstreffen der Minister hat am Montagvormittag begonnen.

Vor allem für die schleswig-holsteinische Fischerei würde die Absenkung der Quote ein Riesenproblem. Mehr als die auf den Hering konzentrierten Fischer in Mecklenburg-Vorpommern erwirtschaften sie ihre Erlöse aus dem Dorsch.

Schleswig-Holsteins Landesregierung sprach sich am Montag für eine weitreichende Schonung der Dorschbestände in der Ostsee aus. Die Bewertung der Wissenschaftler müsse ernst genommen werden, sagte Agrarstaatssekretärin Silke Schneider am Montag in Kiel. Eine Kürzung der Quote werde fraglos Auswirkungen auf die Fischerei haben. Doch dieser Berufsstand habe nur dann eine Zukunft, wenn der Dorsch nachhaltig bewirtschaftet werde, sagte Schneider.

Die SPD-Europaabgeordnete Ulrike Rodust warnte davor, der Berufsfischerei mit einer „politische Quote“ scheinbar entgegenzukommen. Stattdessen forderte sie finanzielle Unterstützung für Fischer, die ihre Fahrzeuge vorübergehend oder endgültig stilllegen. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) sprach sich dagegen bei dem Treffen in Luxemburg gegen eine starke Kürzung der Fangmengen aus. Das könnte sozioökonomisch das Ende der Fischerei bedeuten, sagte er. Als Alternativen zur Schonung der Dorschbestände nannte der Minister die Stilllegungen von Fischereifahrzeugen.

Nach Angaben des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei würde das dazu führen, dass rund jeder zweite Berufsfischer seinen Beruf aufgeben wird. Statt bislang 12.700 Tonnen dürften demnach im kommenden Jahr nur 1588 Tonnen Dorsch in der westlichen Ostsee gefangen werden, davon nicht einmal 400 Tonnen von deutschen Fischern.

Dennoch halten die Fischereibiologen eine Reduzierung der Fangmengen für unausweichlich. „Seit 20 Jahren wird der Dorsch in der westlichen Ostsee überfischt“, sagte der Direktor des Instituts, Christopher Zimmermann. Im Jahr 2015 sei die Nachwuchsproduktion dramatisch eingebrochen. „Die Reproduktionsrate lag im vergangenen Jahr bei zehn Prozent des zehnjährigen Mittels.“ Damit steige das Risiko, dass der Bestand ganz zusammenbreche. Der ICES (Internationaler Rat für Meeresforschung) hat den Fischereiministern deshalb die minus 88 Prozent als Vorlage auf den Tisch gelegt.

Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) weiß, dass eine solche Reduzierung der Dorschquote der Todesstoß für viele Fischer werden könnte. 2016 lag die Dorschquote in MV bei 821 Tonnen.Diese sei bereits das Ergebnis einer massiven Kürzung gewesen, sagte Backhaus. Der ICES-Empfehlung zufolge dürften nur noch 98 Tonnen Dorsch gefangen werden. Da auch die Heringsquote seit 2008 gesunken sei, seien weitere Betriebsaufgaben zu erwarten, sagte Backhaus. Nach Ministeriumsangaben ist die Zahl der Berufsfischer seit 1990 von 1380 auf 250 Betriebe zurückgegangen.

Backhaus plädiert angesichts der Existenznöte der Fischer für eine „wirtschaftlich und sozial tragfähige Reduzierung der Dorschquote“ - und als Kompensation finanzielle Hilfen wie eine Prämierung der zeitweiligen und endgültigen Stilllegung von Kuttern. Auch Dänemark ist an einer Quote Marke „Light“ interessiert. Statt um nahezu 90 Prozent sollte die Quote nur um 20 Prozent gedrückt werden.

Greenpeace hält nichts von der Salamitaktik

Die Umweltorganisation Greenpeace hält hingegen gar nichts von einer scheibchenweisen Absenkung, sondern fordert wie der ICES einen radikalen Schnitt. „Die deutschen Verhandler sind sehenden Auges in die Situation geschlittert“, sagte der Greenpeace-Fischereiexperte Thilo Maack. Seit nahezu zwei Jahrzehnten seien politische Quoten ausgehandelt worden, obwohl es den Beständen immer schlechter gegangen sei. Wichtig sei, dass die industriemäßige, unselektive Grundschleppnetzfischerei als Hauptverantwortliche und nicht die passive Küstenfischerei die Folgen der Überfischung trage. Zudem sollte die Angelfischerei stark eingeschränkt werden, so Maack. 

Die Freizeitangler entnehmen Untersuchungen zufolge inzwischen genauso viel Dorsch aus der Ostsee wie die Berufsfischer, werden bislang aber nicht limitiert. Dass die Angelfischerei an der Bestandserholung beteiligt wird, könnte 2017 tatsächlich ein Novum werden. Auch das Thünen-Institut für Ostseefischerei plädiert für deren Beteiligung. „Nur ein Gesamtpaket von verschiedenen Maßnahmen kann eine 90-prozentige Absenkung der Fangquote für die Berufsfischerei verhindern“, sagte Fischereibiologe Zimmermann. So könnte es für Freizeitangler Tageslimits von fünf Fischen geben.

Zudem sollten Abwrackprämien an Fischer gezahlt werden, die Kutter aufgeben oder vorübergehend stilllegen. „Die Fischfang-Kapazitäten in dieser Ostseefischerei sind einfach zu hoch“, sagte Zimmermann.Abwrackprämien wären ein langfristiger Beitrag zur Bestandssicherung.

EU-Länder sind sich nicht einig

Doch in der EU sind sich die Länder über den künftigen Kurs nicht einig: Während Deutschland wohl bereit ist, zwei Millionen Euro für Abwrackprämien zu zahlen, will Dänemark seine Flotten nicht eindampfen.

Der Verband der Kutter- und Küstenfischer in MV agiert nach dem Motto: „Augen zu und durch“ - in der Hoffnung, dass 2018 die Quoten wieder steigen. Parallel zu einer einmaligen Radikalabsenkung sollte es staatliche Ausgleichszahlungen für die Fischer geben - auf der Basis der Quote des Vorjahres, sagte Verbandschef Günter Grothe. „Die Alternative, die Quote um jährlich 20 Prozent zu kürzen, wäre ein Sterben auf Raten.“

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erstellt am 09.Okt.2016 | 19:45 Uhr

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