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Wirtschaft

01. Oktober 2016 | 06:55 Uhr

Armut in SH : Erster Schuldenreport: Alleinstehende am meisten betroffen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Schuldnerberatungen veröffentlichen erstmals einen Schuldenreport für Schleswig-Holstein. Das sind die Ergebnisse.

Kiel | Alleinerziehende Frauen und alleinlebende Männer sind im Norden proportional am häufigsten von Überschuldung betroffen. Das ist ein wesentliches Ergebnis des ersten Schuldenreports der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung in Schleswig-Holstein, der am Dienstag in Kiel vorgestellt wurde. Der Bericht zeige „eindrucksvoll“, dass sich trotz guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosenzahlen immer noch viele Menschen in einer prekären finanziellen Situation befänden, sagt die Leiterin der Koordinierungsstelle Alis Rohlf.

Zum ersten Mal fasst der Bericht der Koordinierungsstelle die Daten der Schuldnerberatungen im Land zentral zusammen. Er gibt somit ein repräsentatives Bild zur Lebenssituation überschuldeter Menschen in Schleswig-Holstein.

Für den Report wurde die Überschuldungsstatistik des Statistischen Bundesamtes sowie die Daten der 35 anerkannten Schuldnerberatungsstellen im Land ausgewertet, erklärt Rohlf. Im Jahr 2014 haben 26.780 Menschen die Schuldnerberatungsstellen in Anspruch genommen. „Wir gehen allerdings davon aus, dass uns nur 15 Prozent der Betroffenen aufsuchen“, so Rohlf. „Die Dunkelziffer liegt nach unseren Erkenntnissen im sechsstelligen Bereich.“

Ein Großteil der überschuldeten Menschen lebt in Single-Haushalten. Mit 46 Prozent liegt der Wert deutlich über dem Anteil an der Gesamtbevölkerung in Schleswig-Holstein (39 Prozent). Dabei sind alleinlebende Männer und alleinerziehende Frauen überproportional häufig überschuldet. Mehr als jeder vierte Ratsuchende ist ein alleinlebender Mann, gut 14 Prozent sind alleinerziehende Frauen. Der Anteil liegt jeweils deutlich über dem Bevölkerungsanteil. Bei den alleinerziehenden Müttern ist er fast dreimal so hoch.

Senioren sind öfter verschuldet als früher: Die Altersarmut im Norden wächst.

Senioren sind öfter verschuldet als früher: Die Altersarmut im Norden wächst.

Foto: dpa
 

Fast drei Viertel der Betroffenen ist zwischen 25 und 55 Jahren alt. Besonders hoch ist das Risiko für Menschen zwischen 25 und 35 Jahren. Doch auch der Anteil der über 65-Jährigen ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen und betrug im Jahr 2014 knapp sieben Prozent. Die Koordinierungsstelle rechnet mit einem weiteren deutlichen Anstieg der Altersarmut.

Ursachen für Überschuldung in Schleswig-Holstein

Die Ursachen für eine Überschuldung sind nach Erfahrungen der Beratungsstellen vielfältig. Die Experten sprechen in ihrem Bericht von den „Big Five“, den fünf wichtigsten Ursachen, die zu einer finanziell prekären Lage führen. Diese haben auch die aktuellen Daten bestätigt.

  1. Arbeitslosigkeit ist seit Jahren die häufigste Ursache für Überschuldung. Die Bedeutung des Jobverlusts geht aber zurück. 2014 waren 18 Prozent der Beratungssuchenden durch Arbeitslosigkeit in finanzielle Schieflage gekommen. Noch 2010 lag dieser Anteil laut der Schuldnerberatung bei fast 30 Prozent.
  2. Ähnlich oft (17 Prozent) führt unwirtschaftliche Haushaltsführung in die Schuldenfalle. So sind zum Beispiel zu teure Telefonverträge ein großes Schuldenrisiko. 
  3. Erkrankung, Sucht oder ein Unfall sind die dritthäufigsten Ursachen für Überschuldung in Schleswig-Holstein. Ihr Anteil ist in den letzten Jahren gestiegen und liegt 2014 bei über 13 Prozent. 2006 waren es nur neun.
  4. Trennung, Scheidung oder auch der Tod des Partners sind ebenfalls ein wichtiger Faktor, der Menschen in finanzielle Schwierigkeiten bringt.
  5. Bei knapp acht Prozent der Betroffenen ist eine gescheiterte Selbstständigkeit Ursache für ihre Schuldenprobleme.

Auffällig sei zudem, dass viele Ratsuchende nur ein sehr niedriges Nettoeinkommen haben. 46 Prozent hatten 2014 weniger als 900 Euro pro Monat zur Verfügung. „Das liegt weit unter der Armutsgrenze und zeigt, dass Verschuldung ein soziales Problem ist“, betont Alis Rohlf. „Das weitverbreitete Vorurteil, die Betroffenen würden sich durch einen übermäßigen Konsum selbst in die Lage manövrieren, ist damit endgültig widerlegt.“


Foto: Pöschus

Viele Menschen in Schleswig-Holstein befinden sich in einer prekären finanziellen Situation - trotz guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosenzahlen, sagt Alis Rohlf, Leiterin der Koordinierungstelle Schuldnerberatung.


Die Arbeit der Beratungsstellen gehe daher über die reine Schuldenregulierung hinaus. „Überschuldung ist mehr als nur ein materielles Problem. Sie hat gravierende Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Familien. Die Bedrohung der existentiellen Grundlage führt in die soziale Isolation und belastet erheblich die physische und psychische Gesundheit“, so Rohlf. „Die Beratungsstellen unterstützen die hilfesuchenden Menschen, ihre Lebensverhältnisse zu stabilisieren. Dazu gehört ganz wesentlich der Erhalt des Arbeitsplatzes.“ Hinzu kommt die präventive Arbeit der Beratungsstellen. Unter anderem werden Veranstaltungen zu den Themen Geld, Konsum und Schulden angeboten.

In Schleswig-Holstein gibt es insgesamt 35 anerkannte und öffentlich geförderte Beratungsstellen mit 107 Vollzeitstellen. Sie werden je nach Aufgabenbereich vom Land oder den Kommunen finanziert und erhalten darüber hinaus Unterstützung vom Sparkassen- und Giroverband. Die Koordinierungsstelle mit Sitz in Rendsburg begleitet den landesweiten, trägerübergreifenden Qualitätsprozess, fördert die Schuldenprävention und ist für die Fortbildung verantwortlich.

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erstellt am 18.Jan.2016 | 12:14 Uhr

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