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Wirtschaft

11. Dezember 2016 | 01:14 Uhr

Dorschquote in der Ostsee : Dorsch-Fangmenge reduziert: Was auf die Ostsee-Fischer zukommt

vom

In der westlichen Ostsee soll die Fangmenge um mehr als die Hälfte gesenkt werden. Für die Fischer geht es um ihre Existenz.

Luxemburg/Kiel | Die deutschen Fischer dürfen im kommenden Jahr deutlich weniger Dorsch aus der Ostsee ziehen. Im Westen sinkt die Fangmenge um 56 Prozent gegenüber 2016, in der östlichen Ostsee um 25 Prozent. Darauf haben sich die EU-Fischereiminister am späten Montagabend in Luxemburg geeinigt, wie der Rat als Vertretung der EU-Staaten mitteilte.

Vor allem für die schleswig-holsteinische Fischerei ist die Absenkung der Quote ein Riesenproblem. Mehr als die auf den Hering konzentrierten Fischer in Mecklenburg-Vorpommern erwirtschaften sie ihre Erlöse aus dem Dorsch.

Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) sprach von einer „schmerzhaften, aber angesichts der Bestandssituation erforderlichen Quotenreduzierung“. Die Dorschbestände in der Ostsee sind ausgelaugt. Für viele Ostseefischer geht es allerdings um die Existenz. Schmidt erklärte: „Die Bestände werden sich weiter erholen können, und unsere Ostseefischer haben eine wirtschaftliche Perspektive.“ Abwrackprämien für Fischer, die Kutter aufgeben oder vorübergehend stilllegen, sollten weiter gezahlt werden.

So wird die Dorschquote berechnet

In der westlichen Ostsee leben nach aktuellen Berechnungen des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei rund 20 Millionen Dorsche. Grundlage für diese Zahl und die Bestimmung der jährlichen Fangquote ist die wissenschaftliche Aufarbeitung von Daten aus der kommerziellen und der Freizeitfischerei sowie den zahlreichen eigenen Forschungsfahrten, sagte Institutschef Christopher Zimmermann. Bei diesen Fahrten werde besonders auf die jungen Tiere geachtet. „Im Gegensatz zu den Fischern müssen wir genau die fangen, weil sie die Fangmöglichkeiten für das kommende Jahr bestimmen.“

Aus diesen Daten wird zusammen mit Zahlen anderer Ostsee-Anrainerstaaten berechnet, wie viel Fisch zu Beginn eines Jahres da sein wird und wie viel entnommen werden kann. Ziel der Quote müsse es sein, dass am Ende des Jahres der Bestand weiter in einem guten Zustand ist oder sich rasch erholen kann. Der mögliche Fehler in der Statistik liege bei bis zu 25 Prozent. Aktuell werde daran gearbeitet, Größen wie Nahrungsangebot oder Sauerstoffgehalt in die Berechnungen einfließen zu lassen, sagte Zimmermann.

 

Unter dem Strich kürzen die EU-Staaten die Fangmengen damit deutlich weniger, als von der EU-Kommission vorgeschlagen. Diese wollte die Quote im Westen um 88 Prozent senken. EU-Fischereikommissar Karmenu Vella beschrieb die Verhandlungen als sehr schwierig. Allerdings bewege sich die EU mit den vereinbarten Quoten noch im Rahmen der Empfehlungen der Wissenschaft.

Die EU-Staaten handeln jedes Jahr die Fangmengen (Quoten) für das kommende Jahr untereinander aus. Nach den Ostseequoten im Oktober steht im Dezember die Entscheidung über die Fangmengen in der Nordsee und im Atlantik an. Grundlage für die Verhandlungen sind Vorschläge, die die EU-Kommission auf Grundlage wissenschaftlicher Gutachten macht.

So reagieren Politik und Verbände auf die Einschränkungen

Die Umweltorganisation Greenpeace hat die Absenkung der Dorschquote als nicht ausreichend kritisiert. Erneut hätten sich die EU-Fischereiminister bei der Quotenvergabe den Interessen der Fischereiindustrie gebeugt, anstatt den wissenschaftlichen Vorgaben zu folgen, sagte der Greenpeace-Fischereiexperte Thilo Maack am Dienstag. Damit werde weder dem Dorschbestand noch der Ostseefischerei ein Gefallen getan. Mit dem weiteren Absinken des Bestands in der westlichen Ostsee würden auch die Fischereierträge sinken.

Der Landesfischereiverband Schleswig-Holstein fordert dagegen finanzielle Unterstützung für die Betriebe. Die Fischer seien bereit, ihren Teil zur Schonung der Bestände beizutragen, sagte der stellvertretende Verbandsvorsitzende Benjamin Schmöde am Dienstag. Um dieses Tal der Tränen durchschreiten zu können, bräuchten sie aber Unterstützung.

Die Entscheidung zur Senkung der Fangmengen hat aus Sicht des Kieler Ressortchefs Robert Habeck Licht und Schatten. Die Kürzung sei trotz der Härten für die Fischer erforderlich, um die Bestände zu schonen, sagte der Grünen-Politiker am Dienstag in Kiel. Deshalb sei es gut, dass Dänemark sich nicht mit der Forderung nach einer Kürzung um nur 20 Prozent durchgesetzt hat. „Das wäre nur Placebo gewesen.“ Die Wissenschaft habe allerdings 88 Prozent als Kürzung empfohlen, um die Bestände nachhaltig zu befischen, sagte Habeck.

Was kommt auf die Fischer zu? Fragen und Antworten in der Übersicht:

Was kommt auf die Ostseefischer zu?

Im Westen sinkt die Dorsch-Fangmenge um 56 Prozent gegenüber 2016, in der östlichen Ostsee um 25 Prozent. Deutsche Fischer können damit laut Diplomaten in der westlichen Ostsee 2017 insgesamt 1194 Tonnen Dorsch fangen (von 5597 Tonnen insgesamt), im Osten 2820 Tonnen (von 30.857 Tonnen). In der Diskussion war ursprünglich eine deutlich stärkere Kürzung um 88 Prozent im Westen - viele Fischer sahen sich vor dem Aus.

Hinzu kommen eine Ausweitung der Fangverbote für die westliche Ostsee um zwei auf nun insgesamt acht Wochen. Dies soll die Bestände während der Laichsaison im Februar und März schonen.

Was ist mit anderen Fischbeständen?

Es gibt mehr Scholle, allerdings bei einer niedrigen Ausgangsmenge: Die Quote verdoppelt sich für die gesamte Ostsee nahezu auf 7.862 Tonnen. Die Heringsquote klettert im Westen um 8 Prozent auf 28.401 Tonnen. Beim Lachs ändert sich kaum etwas: Für 2017 ist erneut eine Fangmenge von 95.928 Tonnen vorgesehen, nur im Golf von Finnland im äußersten Osten gibt es eine Kürzung um ein Fünftel. Die Sprottenquote steigt um 29 Prozent auf 260.993 Tonnen

Wie werden solche Quoten festgelegt?

Zuerst legen Wissenschaftler ihre Einschätzung zum Zustand der Bestände vor. Ein Bestand ist eine Fischart in einem bestimmten Meeresgebiet. Auf dieser Grundlage macht die EU-Kommission Vorschläge zu Fangmengen für das Folgejahr. Schließlich handeln die EU-Staaten die Quoten in oft zähen Verhandlungen miteinander aus - im Oktober für die Nordsee, im Dezember für Nordsee, Atlantik und Schwarzes Meer. Die Quoten für empfindliche Tiefseebestände, die aber nur einen kleinen Teil der Fangmenge ausmachen, werden nur alle zwei Jahre festgezurrt.

Ist das nicht alles ziemlich kurzfristig gedacht?

Umweltschützer sehen das so. Sie sprechen von „politischen Quoten“ und meinen damit, dass die Fangmengen von kurzfristigen politischen Interessen motiviert, aber nicht langfristig verträglich sind. Die EU hat das Problem auch erkannt und ihre Fischereipolitik 2013 grundsätzlich umgekrempelt. Bis spätestens 2020 sollen alle Bestände auf einem langfristig verträglichen Niveau befischt werden. Mit so genannten Mehrjahresplänen versuchen die EU-Staaten nun, dies zu erreichen. Ab dem kommenden Jahr gilt solch ein Plan erstmals für alle Ostsee-Bestände. Aber das Tauziehen um den Dorsch zeigt: Gefeilscht wird immer noch.

Was ist eigentlich mit Freizeitfischern?

Wer zum Vergnügen angelt, muss sich umstellen. Erstmals führt die EU auch hier Obergrenzen ein, da Freizeitfischer mittlerweile ähnlich viel Dorsch aus der Ostsee holen wie Berufsfischer. In der Laichsaison im Februar und März dürfen sie höchstens drei Dorsche pro Tag angeln, im Rest des Jahres fünf.

 
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erstellt am 11.Okt.2016 | 12:47 Uhr

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