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Wirtschaft

28. Juni 2016 | 22:37 Uhr

Negativ-Trend : Ausflugs-Schifffahrt in SH läuft auf Grund

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Höhere Sicherheitsauflagen, Spritpreise, andere Urlaubsgewohnheiten: Ankünfte in Schleswig-Holsteins Küstenhäfen haben sich innerhalb von zehn Jahren halbiert.

Kiel | Der Ausflugsverkehr vor den Küsten Schleswig-Holsteins erlebt einen massiven Einbruch: Innerhalb eines Jahrzehnts haben sich die Ankünfte von Fahrgastschiffen in den Häfen an Nord- und Ostsee halbiert. Das geht aus Zahlen des Statistikamts Nord hervor. Gab es im Jahr 2004 noch 11.325 Ankünfte, waren es 2013 nur noch 5564.

Es ist der zweite Absturz der Fahrtenvielfalt auf dem Wasser, diesmal kontinuierlich, still und leise. Bereits im Juli 1999 hatte sich das Netz trotz großer Proteste auf einen Schlag massiv gelichtet: Da wurden die Butterfahrten eingestellt, weil für die Grenzgewässer nach Dänemark die Duty-free-Regelung wegfiel. Über den zollfreien Einkauf an Bord hatten die Reeder die Butterfahrten finanziert.

Der Verkehrsexperte der Industrie- und Handelskammer (IHK) Flensburg, Frederik Erdmann, beobachtet den Einbruch mit Sorge. „Für die touristische Attraktivität Schleswig-Holsteins sind Fahrgastschiffe ganz elementare Angebote.“ Das nördlichste Bundesland brauche einen Grundstock davon auch künftig, um in der Konkurrenz etwa mit Mecklenburg-Vorpommern zu bestehen. Auch wenn das Ausmaß des Einbruchs Erdmann überrascht – grundsätzlich deckt sich die Abwärtstendenz mit seiner Wahrnehmung: „Es gibt eine Marktkonzentration.“ Zwei wesentliche Gründe sieht der IHK-Mann dafür: zum einen die Pflicht zu kostspieligen Umbauten der Schiffe, um gestiegenen Sicherheitsanforderungen zu entsprechen. Zum anderen einen Wandel auf der Nachfrageseite. „Gerade mit kleinen Schiffen ist es schwer geworden, Angebote darzustellen, die den Geschmack der Fahrgäste treffen“, beobachtet Erdmann. „Allein die Fahrt gilt nicht mehr als Attraktion an sich.“ Maßgeschneiderte Angebote für unterschiedliche Zielgruppen seien gefragt. Thementouren etwa oder Fahrten mit Veranstaltungen an Bord. Als Positiv-Beispiele nennt der IHK-Fachmann die Schiffe der auf Sylt ansässigen „Adler-Reederei“ oder die neue „Schlei-Princess“ der Kappelner Reederei Müller. Es handelt sich um einen Raddampfer-Nachbau mit großen bespielbaren Flächen, der sich in den Wintermonaten auch stationär als Restaurant nutzen lässt.

Nach Angaben sowohl von Erdmann als auch von Branchen-Mitgliedern selbst spielt die Überalterung vieler Schiffe eine wesentliche Rolle für den Schwund der Fahrten. 2004 stammten viele Schiffe noch aus den 70er-, teilweise sogar 60er-Jahren. „Da wurde es immer schwieriger, Ersatzteile zu finden“, sagt Erdmann. Vor allem aber hätten die betagten Schiffe teure Umbauten vornehmen müssen. Eine europäische Harmonisierung der Sicherheitsrichtlinien hat die Standards massiv verschärft. Sprinkleranlagen, zusätzliche wetterdichte Türen, dickere und teils anders geformte Fenster, spezielle Lüftungsein- und -auslässe: alles Beispiele für Auflagen. „Angesichts der für die Nachrüstung fälligen Kosten hat mancher Kollege Schiffe lieber ganz aus dem Verkehr genommen“, weiß Sven Paulsen, Chef der Reederei Adler-Schiffe auf Sylt. „Da kommen schnell 150.000 Euro an Investitionen für mehr Sicherheit zusammen, dazu für eine Sprinkleranlage nochmal um die 200.000 Euro.“

Christof Schwaner, Sprecher des Verbands Deutscher Reeder in Hamburg, weist zudem auf eine Verdreifachung der Brennstoffpreise innerhalb weniger Jahre hin. Das hat die Preiskalkulation deutlich verändert.

Einen geschlossenen Überblick über gestrichene Routen gibt es nirgendwo, doch Beispiele lassen sich landauf, landab finden: Die Wyker Dampfschiffsreederei etwa hat sich in dem der Statistik zu Grunde liegenden Zeitraum von ihren Ausflugsdampfern „Rüm Hart“ und „Störtebeker“ verabschiedet. Von der Flensburger Förde sind mehrere Anbieter schnell wieder verschwunden. In Eckernförde stellte 2010 nach 13 Jahren die „Seebad Borby“ den Betrieb ein.

Auch die Firma Adler-Schiffe hat auf der Nordsee zwei Schiffe weniger im Einsatz als vor zehn Jahren – dafür allerdings seitdem zwei neu auf der Eider und dem Nord-Ostsee-Kanal. „Man muss die Produkte anpassen“, betont Inhaber Sven Paulsen. Zum Beispiel auch durch kürzere Törns. „Die Aufenthaltsdauer der Touristen bei einem Urlaub in Schleswig-Holstein ist deutlich gefallen“, gibt Paulsen zu bedenken. „Da will man vielleicht nicht mehr unbedingt einen kompletten Tag Schiff fahren, sondern nur wenige Stunden.“ Bei langen Fahrten registriert Paulsen einen Nachfragerückgang von 20 bis 30 Prozent, bei kurzen Ausflügen nur von etwa fünf Prozent. Die aus der Statistik hervorgehende Halbierung der Ankünfte von Fahrgastschiffen innerhalb von zehn Jahren erstaunt indes Paulsen. Selbst hätte Paulsen in diesem Zeitraum „Rückgänge von etwa um die 30 Prozent“ für realistisch gehalten.

Ulrich Wiemann, im Statistikamt Nord zuständig für Schifffahrt, schließt eine etwaige Umstellung in der Erhebung der Zahlen für die Ankünfte von Fahrgastschiffen als Grund für den starken Negativ-Trend der Daten aus. Dabei habe es in den vergangenen zehn Jahren nichts geändert.

So sinken die Passagierzahlen

Untermauert wird die rückläufige Entwicklung bei den Ankünften der Fahrgastschiffe von einer Erhebung des Statistikamts Nord zu ein- und ausgestiegenen Fahrgästen in ausgewählten Häfen. Stiegen etwa in Flensburg 2007 noch 75.889 Passagiere ein und aus, enthält die Tabelle für 2013 nur noch 234. Ähnlich im benachbarten Glücksburg: Dort sank die Zahl der Passagiere in derselben Periode von 74.582 auf null. In Büsum schmolz der Zuspruch der Fahrgäste von 30.6650 auf 22.5468, in Hörnum auf Sylt von 24.1676 auf 19.1766, auf Helgoland von 40.5736 auf 38.7706. Eine landesweite Übersicht speziell für die Passagiere von Fahrgastschiffen wird nicht erhoben. Die Passagierzahlen werden nur gemeinsam für Fahrgastschiffen und Fähren erfasst. Weil es von den beispielhaft genannten jedoch keine Fährlinien, sondern ausschließlich Ausflugsverkehr gibt, spiegeln die Passagierzahlen für diese Orte die Entwicklung in der Fahrgastschifffahrt wider.

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