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Wirtschaft

08. Dezember 2016 | 13:06 Uhr

Erntehelfer : Ausbeutung von Pflückern in SH: Tatort Erdbeerfeld?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Deutsche Gewerkschaftsbund warnt vor Ausbeutung und Mindestlohn-Verstößen. Der Kostendruck in der Branche steigt.

Sie kommen aus Polen oder Rumänien. Mit ihrer Arbeit als Pflücker auf Erdbeerfeldern wollen sich Erntehelfer in den Sommermonaten gutes Geld im Land zwischen den Meeren verdienen – doch offenbar geht dieser Wunsch längst nicht immer in Erfüllung.

Stattdessen sind bei manchen von ihnen wochenlanges Durcharbeiten und nicht gezahlte Löhne die Realität. Von „Ausbeutung auf dem Acker“ spricht Uwe Polkaehn, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Nord. Die Gewerkschaft will Hinweise haben, „dass Saisonarbeiter auf Erdbeerfeldern in Schleswig-Holstein um das gültige Mindestentgelt gebracht worden sind“. So sollen Landwirte unverändert nach Kiste und Menge bezahlen, so der Gewerkschaftschef. „Am Ende landen die Erntehelfer dann bei Stundenlöhnen von drei bis sechs Euro.“ Es gelte aber in Schleswig-Holsteins Landwirtschaft ein Branchenmindestlohn von 7,40 Euro.

In konkreten Fällen haben rumänische Hilfskräfte berichtet, dass sie zehn Stunden am Tag arbeiten mussten und in zwei Monaten nur ein bis zwei freie Tage gehabt hätten. Ihr Lohn soll laut Gewerkschaft zwei Euro pro Erdbeerkiste betragen haben. Die Arbeiter hätten jedoch nur zwei bis drei Kisten in der Stunde geschafft.

Der Bauernverband Schleswig-Holstein betont auf Nachfrage, dass Fälle, bei denen die Arbeiter unter 7,40 Euro verdienen würden, nicht hinnehmbar seien. Bekannt seien dem Verband jedoch keine Verstöße, so Sprecher Klaus Dahmke. Gerade die Erdbeerbauern hätten viele Veranstaltungen des Verbands besucht, um sich über den Mindestlohn zu informieren. „Da war eine große Verunsicherung.“

Klar ist: Mit den Mindestlöhnen steigt bundesweit bei Erdbeerbauern der Druck der ausländischen Konkurrenz. 150.000 Tonnen Erdbeeren werden in Deutschland pro Jahr gepflückt. Gut hunderttausend Tonnen werden aus dem Ausland importiert – vor allem um den Bedarf der Nahrungsmittelindustrie zu decken. Der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Joachim Rukwied, warnte erst kürzlich angesichts der Kostensteigerungen durch den Mindestlohn, dass arbeitsintensive Kulturen wie Erdbeeren in Zukunft womöglich überhaupt nicht mehr in Deutschland angebaut werden könnten.

Denn mit den 7,40 Euro ist nicht Schluss. Sie sind nur eine Übergangsregelung. Im kommenden Jahr steigen die Löhne bei den Erntehelfern auf acht Euro, ab 2017 ist der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro erreicht. Vor der Einführung des Mindestlohns haben die mehr als 300.000 Saisonarbeiter auf Deutschlands Feldern rund 6,50 Euro pro Stunde verdient.

In Schleswig-Holstein, wo Erdbeeren auf gut tausend Hektar angebaut werden, sieht Dahmke jedoch nicht die Gefahr, dass die heimische Produktion durch Importe verdrängt werden. „Bei uns spielt auch die Direktvermarktung eine große Rolle“, sagt er. Die Produzenten müssten die höheren Lohnkosten aber an die Verbraucher weitergeben. „Der Verbraucher entscheidet, wie was angebaut wird“, so Dahmke.

Die Erdbeerernte in Schleswig-Holstein wird in diesem Jahr ähnlich gut ausfallen wie im Vorjahr. Nach Prognosen des Statistikamtes Nord zeichnet sich ein Hektarertrag von 12,4 Tonnen ab. Damit werde der langjährige Durchschnitt um neun Prozent übertroffen, hieß es am Dienstag in einer Mitteilung. Die Ernte auf einer Gesamtfläche von 978 Hektar sei zu zwei Dritteln abgeschlossen. Beim Erntebeginn Mitte Mai mussten die Landwirte die Erdbeeren noch mit Schutzfolien vor nächtlichem Frost schützen. Aufgrund eines kühlen Frühlings verzögerte sich der Saisonstart. Das Statistikamt schätzt die diesjährige Gesamternte auf 12.200 Tonnen.
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erstellt am 21.Jul.2015 | 11:58 Uhr

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