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Wirtschaft

27. September 2016 | 07:18 Uhr

Weniger Kontrolle : Augen zu auf den Schlachthöfen in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Krankheitsüberträger oder wichtige Kontrolleure? Fleischbeschauer müssen seit Anfang Juli ihre Messer weglegen und sich auf eine Sichtkontrolle beschränken, Verbraucherschützer sind entsetzt.

Kiel | Den Schweinen dürfte es wurscht sein – aber auch den Verbrauchern? Seit Anfang dieses Monats wird das Borstenvieh in Schleswig-Holsteins Schlachthöfen nur noch mit den Augen kontrolliert. Demnächst soll diese Regelung auch für Rinder gelten. Ob das Herz eines Schlachttieres krankhaft verändert ist oder aus der Leber Eiter quillt, wird dann nicht mehr registriert. Letztere landet im schlimmsten Fall als Leberwurst auf dem Pausenbrot.

Bisherige Praxis ist, dass Fleischbeschauer am Fließband nicht nur die Augen offen halten, sondern Organe der Tiere abtasten und mit dem Messer Herz, Lunge und Lymphknoten anschneiden, um von außen nicht sichtbare Veränderungen aufzuspüren. „Nur wer schneidet, sieht genau hin, jeder Schnitt ist ein Schritt zur Diagnose“, ist Horst Gehendges, Vorstandsmitglied der Tierärztekammer Schleswig-Holstein, überzeugt. Er hält die Neuregelung für einen Fehler.

Doch mit Zustimmung des Kieler Landwirtschaftsministers Robert Habeck reicht jetzt die oberflächliche Betrachtung am Fließband. Geschnitten werden darf nur noch bei begründeten Risikofällen. Der grüne Minister schließt sich der Meinung der EU an, die Fleischbeschauer als potenzielle Träger von Krankheitserregern – etwa von Salmonellen – sehen, die sie durch ihren Schnitt auf das Schlachttier übertragen. „Das ist absoluter Quatsch“, meint Gehendges.

Anders als Habeck hält auch das niedersächsische Landwirtschaftsministerium die Brüsseler Argumentation für „nicht nachvollziehbar“. Aus Sorge, dass „der Verbraucherschutz unterlaufen werden könnte“ stellt sich Hannover deshalb quer. „Niedersachsen wird sich weiter dafür einsetzen, dass die Kontrollen nicht lascher werden“, erklärte der dortige ebenfalls grüne Agrarminister Christian Meyer.

Auch Verbraucherschützer halten die Reform für verheerend. „Angesichts der vielen Fleischskandale der vergangenen Jahre ist es unverantwortlich, dass sich der Staat aus der Kontrolle an den Schlachtbändern sukzessiv zurückzieht und den Sektor sich selbst überlässt“, warnt etwa Matthias Wolfschmidt von Foodwatch. Der Verbraucherschutz bleibe auf der Strecke.

Das sieht Habeck anders. Sofern „entsprechende Indizien“ vorliegen, dürfe der Kontrolleur ja auch künftig schneiden, teilt sein Ministerium mit. Für Kenner der Materie ist das eine „billige Beruhigungspille“ und in der Realität nicht umsetzbar. „In den meisten Schlachthöfen wird Akkordlohn bezahlt. Fleischbeschauer geraten unter Druck, wenn sie die Bänder anhalten wollen, um einen Schlachtkörper genauer zu untersuchen“, erklärt ein Fachassistent für Fleischhygiene aus dem Kreis Segeberg. Wegen der Nachteile, die Berufskollegen hinnehmen mussten, die Missstände öffentlich machten, möchte er nicht mit Namen genannt werden. Er berichtet: „50 Sekunden dauerte bislang die Kontrolle, bei der auch zum Messer gegriffen und abgetastet wurde“. Diese 50 Sekunden seien der Fleischindustrie immer ein Dorn im Auge gewesen. „Jetzt geht es schneller und es kann Personal eingespart werden.“ Die Hygienebedenken seien nur vorgeschoben. In Wirklichkeit gehe es um „handfeste wirtschaftliche Vorteile“.

Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Von der Lobbyarbeit des Verbandes der Fleischwirtschaft (VDF) berichtete kürzlich die Oldenburger Nordwestzeitung. Ihr gelang es, aus einem geheim gehaltenen VDF-Papier zu zitieren, nachdem der EU-Agrar-Ausschuss vor der Reform der Fleischbeschau gewarnt hatte. In dem Papier heißt es: „In enger Abstimmung mit dem europäischen Dachverband UECBV hatten wir uns nach Bekanntwerden des sich regenden Widerstandes im zuständigen Parlamentsausschuss direkt an Abgeordnete des Europäischen Parlaments gewandt und versucht, die Bedenken einiger Parlamentarier auszuräumen.“ Mit Erfolg: Die Konservativen im EU-Parlament boxten die Reform durch.

Und die hat es in sich, denn es geht nicht nur um den Messerverzicht. Künftig muss nicht mehr zwingend ein amtlicher Prüfer die Fleischbeschau vornehmen. Für die SPD im Nachbarland ist das „eine Rolle rückwärts im Verbraucherschutz“. Das sieht auch der Tierarzt Gehendges aus Böklund so, der selbst als Fleischbeschauer tätig ist. „Das ist ein Unding. Die Kontrolle muss unabhängig bleiben.“ Die Neuregelung sei so, „als würde man einem Autofahrer erlauben, den Tüv selbst abzunehmen“. Sein Vorstandskollege Jens-Peter Greve aus Husum pflichtet ihm bei: „Dann können wir die Fleischbeschau gleich ganz abschaffen.“

Für Foodwatch hat das alles System. „Schlachthöfe werden allmählich zu No-go-Areas für staatliche Kontrolleure, damit die Fleischindustrie weiter wächst und auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleibt“, meint Wolfschmidt und fährt schweres Geschütz auf: „Europa ist drauf und dran, Schlachtimperien heranzuzüchten, die, ähnlich wie Banken, nach dem Motto ‚too big to fail‘ unkontrollierbar sind.“ Selbst Tierarzt Greve schwant Schlimmes: „Die ganze Reform ist nicht zu Ende gedacht.“

Wohl wahr: Länder wie Russland wollen nur Exportfleisch abnehmen, das nach den alten Regeln kontrolliert wurde. Kaum zu fassen: Die Machthaber im roten Kreml hängen den Verbraucherschutz höher als der grüne Umweltminister in Kiel.

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erstellt am 05.07.2014 | 09:00 Uhr

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