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Schleswig-Holstein

07. Dezember 2016 | 21:25 Uhr

Fußgänger mit Smartphone : Wird die Generation Kopf unten zur Gefahr? Strafen für „Smombies“ gefordert

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es komme zu Unfällen, weil viele durchs Handy abgelenkt sind, sagt die Polizei. Und auch die Politik fordert Strafen.

Kiel | Knopf im Ohr, Musik voll aufgedreht und Handy in der Hand – für Fußgänger und Radfahrer ist bei solchem Verhalten die Kollision mit einem Laternenpfahl wohl noch die geringste Gefahr. Nicht erst seit Ausbruch der Pokemon-Sucht kommt es immer wieder zu haarsträubenden Situationen und nach Aussage der Polizei auch zu Unfällen, weil Verkehrsteilnehmer durch Telefonieren oder Musikhören abgelenkt sind, Hupen und Klingeln – ja selbst das Martinshorn – nicht hören.

„In Schleswig-Holstein wird dieser Verstoß leider viel zu wenig kontrolliert, wie der Verkehrsunfallbericht belegt“, sagt Torsten Jäger, Vizechef der Gewerkschaft der Polizei. Auch bei den Politikern ist das Thema inzwischen angekommen. „Diese Nur-Noch-Nach-Unten-Gucker gefährden nicht nur sich, sondern auch andere“, beklagt CDU-Verkehrsexperte Hans-Jörn Arp. Wer nachweislich „durch smartphonebedingte Unachtsamkeit“ Unfälle verursache, müsse künftig nicht nur für den Schaden selbst aufkommen, sondern auch Strafe zahlen. Arp fordert, „Fußgänger mit den Fahrradfahrern gleich zu stellen“. Radfahrer müssen mit einem Bußgeld von 25 Euro rechen, sofern sie von Ordnungshütern mit dem Smartphone erwischt werden, Fußgänger zahlen bisher nichts.

Das Bundesverkehrsministerium hatte schon vor vier Jahren eine Debatte über ein Handyverbot im Straßenverkehr angestoßen. Seitdem dokumentieren viele neue Studien die Gefahren der Ablenkungen. Erst kürzlich fand die Dekra-Unfallforschung heraus: Jeder sechste Fußgänger ist von seinem Smartphone abgelenkt und dadurch ähnlich beeinträchtigt wie durch eine leichte Alkoholisierung.

Verboten ist übrigens auch zu lautes Musikhören beim Radeln. „Der Verkehr, insbesondere Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsfahrzeugen, müssen noch wahrgenommen werden können “, betont Jürgen Börner, Sprecher des Landespolizeiamts in Kiel. Eine Studie der Gesetzlichen Unfallversicherung hat ergeben, dass laute Musik die Reaktionszeit verdoppeln kann.

Wer mit dem Smartphone vor Augen einen Unfall verursacht, handelt unter Umständen fahrlässig. Er gefährdet seinen Versicherungsschutz und muss für den entstandenen Schaden haften. „Eine Beweisführung bei einem Unfall ist natürlich schwer“, räumt Börner ein. Dennoch: „Die Besatzungen aller Streifenwagen haben Verstöße im Blick“, versichert er. GDP-Mann Jäger ist jedoch skeptisch: „Wegen der zu knappen Personaldecke habe ich große Zweifel, dass die Landespolizei hier aktuell einen Schwerpunkt setzen wird.“ Derweil appelliert Verkehrsminister Reinhard Meyer angesichts der Gefahren an alle Bürger, „das Gehirn im Straßenverkehr ein- und das Handy auszuschalten“.


Politik und Polizei sollten stärker auf die Gefahr hinweisen, kommentiert Autor Eckard Gehm:

Über die schöne Wortschöpfung „Smombie“, zusammengesetzt aus den Begriffen „Smartphone“ und „Zombie“ haben wir gelacht, weil sie das neue Phänomen so treffend beschrieben hat. Doch mittlerweile sind „Smombies“ eine echte Gefahr geworden – und zwar im Straßenverkehr.

Wohin man schaut: Leute, den Blick aufs Display gesenkt, seltsam entrückt von der Welt. Der Radfahrer, der sich neulich auf der Kieler Hörnbrücke samt Smartphone auf die Nase gelegt hat, wird wissen, wie schmerzhaft das enden kann. Dabei ist sein Unfall noch glimpflich ausgegangen.

Menschen erfassen die Umwelt zu rund 90 Prozent mit den Augen. Wer sich auf sein Smartphone konzentriert, dem stehen nur noch zehn Prozent seiner Aufnahmefähigkeit zur Verfügung, warnt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat. Werden die Ohren dann noch per Kopfhörer mit lauter Musik beschallt, verdoppelt sich auch noch die Reaktionszeit.

Trotzdem wächst die Zahl der „Smombies“ auf Bürgersteigen und Radwegen beständig. Es gibt ja auch niemanden, der sie ernsthaft aufhält. Die Polizei richtet ihr Augenmerk eher auf die Handysünder am Steuer und führt noch nicht einmal eine Statistik, die Smartphones als Unfallursache aufschlüsselt. Immerhin: Das Handyverbot am Steuer ist dank drakonischer Strafen allgemein bekannt. Aber kaum jemand weiß, dass auch auf dem Fahrrad nicht nur das Telefonieren, sondern allein das Halten des Mobiltelefons verboten ist.

Was also tun? Diese Frage stellte sich auch die Polizei in der Schweiz und versuchte junge Menschen mit einem Schock-Video zu erreichen. „Jonas hat keine Erfahrung mit Magie – und doch wird er gleich vor euren Augen verschwinden“, sagt der Sprecher darin. Jonas, der auf sein Smartphone starrt, wird bei Überqueren der Straße grausig überfahren. „Und weg“, sagt der Erzähler. „Abrakadabra.“ Dann wird klar, wer er ist: Der Bestatter von Jonas. Die Resonanz auf den kurzen Film war überwältigend, und es darf davon ausgegangen werden, dass die Botschaft beim Publikum ganz sicher haften bleibt.

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erstellt am 05.Aug.2016 | 19:40 Uhr

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